Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Es geht auch darum, die Betroffenen besser zu beteiligen

Lärmexperten des Umweltbundesamtes fordern gesamtgesellschaftliche Debatte über die Zukunft des Verkehrs

nd: Fluglärm- und Bahninitiativen demonstrieren erstmals gemeinsam. Wächst der Druck auf die Politik zu mehr Bürgerbeteiligung?
Weinandy: Auf jeden Fall! Selbst das Bundesverkehrsministerium sagt heute, man muss die Art der Bürgerbeteiligung verbessern. Wir fordern das schon lange, wobei es nicht nur darum geht, mehr, sondern auch besser zu beteiligen. Da gibt es noch Luft nach oben.

Was heißt besser beteiligen?
Weinandy: Zum Beispiel, dass im Rahmen der Planfeststellung von großen Verkehrsinfrastrukturvorhaben die Bürger die Informationen besser und prägnanter präsentiert bekommen, um ein Vorhaben tatsächlich einschätzen zu können. Das ist in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen.

Lindmaier: Ein gutes Beispiel ist der geplante neue Berliner Flughafen, bei dem die Flugrouten in der Planfeststellung nicht so festgesetzt wurden, wie sie später von der Flugsicherung entwickelt und vom Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung festgelegt wurden. Da gab es viel Verwirrung und letztlich einen massiven Vertrauensverlust.

Ab wann ruft Lärm gesundheitliche Schäden hervor?
Weinandy: Lärm erhöht das Risiko für verschiedene Krankheiten, so wie es auch Rauchen oder Fehlernährung tun. Das heißt, nicht jeder, der Lärm abkriegt, selbst auf Dauer, wird auf jeden Fall krank. Aber das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Schlaganfälle wird erhöht.

Und ab wann steigt das Risiko?
Weinandy: Untersuchungen etwa der Weltgesundheitsorganisation gehen davon aus, dass ab einem nächtlichen Dauerschallpegel von 40 Dezibel in der Nacht das Risiko für bestimmte Krankheiten stark ansteigt. Unter 40 Dezibel sind die Effekte moderat. Eine weitere Studie aus der Schweiz hat 2011 festgestellt: Wer mehr als 15 Jahre lang Fluglärm von mehr als 65 Dezibel abkriegt, bei dem steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 50 Prozent. Deshalb fordern wir langfristig ambitionierte Grenzwerte.

Lindmaier: Das Problem ist aber, im Bundesimmissionsgesetz gibt es im Schienen- und Straßenverkehr keine Grenzwerte für den Bestand. Wenn Sie also eine Schienenstrecke oder eine Straße vor der Haustür haben, die mal »ganz klein« angefangen hat, kann dort nach derzeitiger Rechtslage der Verkehrslärm quasi unbegrenzt anwachsen. Bisher hat noch keine Partei, keine Koalition sich durchgerungen, Grenzwerte für den Bestand gesetzlich festzulegen.

Eine Möglichkeit zur Lärmdämmung sind Schallschutzmaßen. Macht das tatsächlich Sinn?
Weinandy: Es gibt sicherlich Regionen, wo Lärm durch Schallschutzfenster oder andere Dämmmaßnahmen erträglicher wird. Für das Umweltbundesamt ist das nur eine Notlösung. Denn sie schützen nur den Innenwohnbereich und widersprechen dem Verursacherprinzip. Deswegen empfehlen wir, den Lärm an der Quelle zu mindern. Es gibt auch die Option, Menschen abzusiedeln - natürlich nur mit deren Einverständnis. Am Flughafen Frankfurt hat der Betreiber Fraport in der Nähe Grundstücke aufgekauft, um den Menschen diese Chance zu geben.

Warum wird Lärm nachts noch störender wahrgenommen?
Weinandy: Nachts haben Menschen ein erhöhtes Ruhebedürfnis. Und die Hintergrundgeräusche sind geringer. Sie wachen auf, ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern. Als Folge sind sie unausgeschlafen, ohne genau sagen zu können, warum. In der Konsequenz steigt das Krankheitsrisiko.

Brauchen wir auch eine Debatte über unsere Gewohnheiten?
Weinandy: Ja, wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs darüber, wie viel Verkehr wir wollen. Dabei geht es auch um das Verursacherprinzip. Jeder bestellt bei Amazon und erwartet, dass er am nächsten Tag seine Sachen hat. Uns geht es darum, die Konsequenzen klarzumachen. Da kann man dann vielleicht nicht mehr für 29 Euro nach Barcelona fliegen, was aber aus Umweltsicht sowieso nicht zu begrüßen ist.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln