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Das Ende der Provokation

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Provokante Protestformen sollten ausgedient haben. Sie erreichen zwar Aufmerksamkeit, vermitteln aber keine Inhalte mehr. Das ist jener Bullshit-Kultur geschuldet, die sich aus einem unerfindlichen Grund weiterhin Journalismus nennt - obwohl sie den fast vollkommen ersetzt hat.

Als Femen obenrum nackt über Wladimir Putin herfielen, ließ ich mich zu einem polemischen Texthinreißen. Im Nachgang sagte man mir dann, dass ich das Prinzip dieser Protestform wohl nicht kapiert hätte. Man müsse nämlich provozieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Sind denn diese bunten und phantasievollen, in jedem Falle als Provokation gedachten Protestarten zielführender als der biedere Versuch von Protest? Sprachen die Medien nach den entblößten Brüsten nun kritischer von Putins Regentschaft oder eben doch nur belustigt von der nackten Haut jener Frauen?

Ich glaube, die Verfechter provokanter Protestformen verkennen die heutigen Realitäten der Berichterstattung. Sie tun so, als hätten wir es noch immer mit halbwegs seriösen und sich in Sachlichkeit übenden Medien zu tun - wie etwa in den Sechziger- oder Siebzigerjahren. Die konnte man in ihrer Spießbürgerlichkeit wenigstens noch empören und vielleicht tatsächlich auf das Motiv und den Inhalt der Provokation aufmerksam machen. In der Tagesschau wurde das unsäglich Freche solchen Protests nicht nur unsäglich, sondern auch teils unzeigbar - und damit rückte zwangsläufig der zu vermittelnde Inhalt ins Rampenlicht. Heute wirkt das Spektakel auch dort nur unter dem Label Sex sells.

Man darf die Medien von dazumal freilich nicht verherrlichen. Die Anliegen der Protestgenerationen nahm man dort auch nicht völlig ernst, stellte sie aber wenigstens noch heraus. Heute leben wir hingegen in einer Medienlandschaft, die größtenteils auf den Boulevard und den Klatsch baut. Die sich an Oberflächlichkeiten aufgeilt und Tiefgründigkeiten missachtet. Wir leben im Zeitalter des medialen Bullshits. Nur der erzielt höchste Einschalt- und Leserquoten.

Blödsinnquatschen, Rumpalavern, Heiße-Luft-Produzieren oder schlicht Bullshitting nennt Harry G. Frankfurt das Wesen unserer Kultur in seinem Büchlein "On Bullshit". Und das ist kurz, prägnant und angemessen.

Die Boulevardmedien setzen sich nicht bloß aus den üblichen Verdächtigen zusammen. Selbst die seriös beabsichtigen Anstalten waten verstärkt durch die Kloake des Bullshits. Dieser ist zweifellos zum Wesen unserer Medienlandschaft degeneriert. Immer schön am Wesentlichen vorbei! Bei Jauch thematisiert man Hoeneß' seelische Befindlichkeit, schiebt das Problem Steuerbetrug jedoch auf die lange Bank. Und als gäbe es in diesen Zeiten nichts anderes, bullshittet es in allen Sendern gewaltig nach Inthronisierung und monarchischem Zauber.

In diesem Milieu reduziert sich solcher Protest auf seine provokante Erscheinung selbst. Ketten sich nackte PETA-Aktivisten in aller Öffentlichkeit an, kümmert sich die Boulevardmedienlandschaft wenig um das ethische Anliegen, mehr um die Titten und Pimmel, die es da zu sehen gab. Kippen wütende Landwirte Milch auf die Straße, bringen sie damit keine Debatte ins Rollen, sondern landen als ungewöhnlicher Anblick, als „Das muss man mal gesehen haben“-Thema in der inhaltlichen Nichtigkeit. So war es ja auch als vor einiger Zeit Roland Kochs Haus mit Fluglärm beschallt wurde. 20 Minuten gestattete der Hausherr. Aber die regionalen Medienanstalten brachten so gut wie nur den Auflauf vorm gesagten Haus zur Sprache. Das Anliegen dieser Aktion handelte man in ein, zwei Nebensätzen ab.

Die Provokation ist so gesehen kein Protest mehr, bloß noch spektakulär und eher unterhaltsame Randnotiz einer seichten Unterhaltungskultur. Will der Protest inhaltlich verstanden werden, muss auf die aktionistische Provokation verzichtet und wieder auf den langen Atem der Beharrlichkeit gesetzt werden. Das kostet Energie und Zeit, widerspricht der Alltagsbeschleunigung, ist aber nachhaltiger. Auf die Straße zu gehen, Abläufe durch Anwesenheit immer und immer wieder zu behindern, stur zu bleiben, muss Provokation genug sein.

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