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Im Gras-Sturm

Snoop Lion

Wer sich 20 Jahre lang als Witzfigur verkauft, darf nicht erwarten, plötzlich ernst genommen zu werden. Und so hat der US-Rapper Snoop Dog die Häme, die auf sein neues Projekt niedergeht, kommen sehen müssen. Der prominenteste (und unterhaltsamste) Vertreter des kalifornischen Gangster-Rap inszeniert sich seit seinem großartigen Debüt von 1993 als Super-Zuhälter, der einem surrealen und besonders üppig ausgestatteten Blaxploitation-Film entsprungen scheint - Pelzmantel, Zepter und weitere spleenige Requisiten inklusive. Nun hat sich Snoop Dog in Snoop Lion umbenannt und auf Jamaika die Reggae-Platte »Reincarnated« aufgenommen, wovon auch eine Kinodokumentation erzählt.

Ob Snoop seine neuen friedlichen Inhalte ernst meint oder nicht - es ist sein ernsthaftestes Album. Wer sich bisher an den Huldigungen an Autos, Geld und Zuhälterei störte, bekommt nun den politisch korrekten Snoop. Hier sind die Reizwörter »Unity« und »Revolution« und nicht »Gangsters« und »Bitches«. Verbindende inhaltliche Elemente zwischen der Hip-Hop- und der Reggae-Welt bleiben der Marihuana- und Personenkult.

Es gibt jamaikanische Künstler mit gruseligen anti-schwulen Inhalten. Das ganze Reggae-Genre aber unter Homophobie-Verdacht zu stellen, geht an der Realität vorbei. So wie jüngste Vorwürfe gegen Snoop Dog. Der öffentliche Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe hat kürzlich prophezeit, dass es Schwule in der machohaften Hip-Hop-Szene noch geraume Zeit schwer haben werden - eine kaum zu bestreitende Aussage. Im noch andauernden Shitstorm aber wird so getan, als wünsche er sich keine schwulen Rapper.

Musikalisch hat US-Produzent Diplo einen leider zu bunten Strauß der Genre-Spielarten ausgewählt: vom Rootsreggae über Dancehall- und Hip-Hop-Einflüsse bis zum sozial engagierten Loversrock in »No Guns allowed«. Das mutet beliebig an, eine konsequentere Konzentration auf melodiösen, bandbetonten Roots-Reggae hätte der Platte gut getan.

Der zum Sänger mutierte Rapper trifft die Töne. Ansonsten lässt sich Snoops Gesangskunst kaum beurteilen, da seine Stimme permanent von Effekten oder Chören zugekleistert wird. Dadurch blitzt sie nur selten auf, die fragile, nackte Coolness, mit der seine Stimme oft so fasziniert.

Das Auftauchen des Popphänomens in den Straßen Jamaikas verursacht Menschenaufläufe, wie Szenen der Dokumentation zeigen. Die Zurückhaltung, mit der der charismatisch-schlaksige Riese dem Trubel begegnet, erinnert entfernt an Muhammad Ali, 1974 in den Straßen von Kinshasa. Dessen Glaubwürdigkeit wird Snoop in diesem Leben nicht mehr erreichen. Aber auf die neue, von nervigem Materialismus befreite Botschaft von der waffenlosen Gesellschaft können sich wohl fast alle einigen. Viele ja auch auf die alte - von der Weltverbesserung durch starken Gras-Konsum.

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