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Angriff auf die Arbeiterbewegung

Vor 80 Jahren zerschlugen die Nazis die Gewerkschaften in Deutschland

  • Von Jörg Meyer und Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Zum 80. Mal jährte sich gestern die Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis. Anlass für Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Organisationen wie die Hans-Böckler-Stiftung mit Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen und Veröffentlichungen an dieses Kapitel der NS-Diktatur zu erinnern.

»Dieses Haus wurde von einem SA-Kommando gestürmt. Ein Gewerkschaftssekretär wurde gezwungen, öffentlich die Gewerkschaftsfahne und Bücher zu verbrennen«, sagt Philipp Jacks vom DGB Wiesbaden bei einer Mahnwache vor dem ehemaligen Haus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) im Arbeiterviertel Westend. Auch im Rhein-Main-Gebiet gedachten Gewerkschafter am Donnerstag der Erstürmung der Gewerkschaftshäuser durch bewaffnete Nazibanden vor 80 Jahren.

In Berlin veranstaltete der DGB zum Tag der Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung eine zentrale Gedenkstunde. DGB-Vorsitzender Michael Sommer nannte den 2. Mai 1933 »die schwerste Niederlage der freien deutschen Gewerkschaften«. Nachdem bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr 1933 die NS-Betriebszellenorganisationen eine schwere Niederlage einstecken mussten, sei die Rache »schnell und brutal erfolgt«.

Gewerkschaftshäuser wurden besetzt und verwüstet, viele Gewerkschafter in Knäste und Konzentrationslager verschleppt, gefoltert oder getötet. Derer, die verfolgt wurden und die Widerstand leisteten, werde gedacht, so Sommer. »Denn ihnen verdanken wir nicht mehr als unser Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit, ohne das die Gewerkschaften nicht existieren und kämpfen können.« Das sei auch der Grund, weshalb sich die DGB-Gewerkschaften auch zu dem grundgesetzlich garantierten Widerstandsrecht bekennen, wenn Demokratie und Freiheit gefährdet seien. Die Niederlage der Gewerkschaften sei indes nicht das Versagen Einzelner, sondern der gesamten Organisation gewesen, so Sommer.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte bei dem Empfang, es sei nicht bloß die Schwächung durch Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, sondern auch die Abkehr des ADGB von der SPD gewesen, die zum Versagen der Gewerkschaften vor den Nazis geführt hätten. Die Gewerkschaften hätten sich selbst geschwächt und die Nazis hätten das genutzt. Gauck nannte 1933 ein »nationales Versagen«, das auch in einem über Jahrhunderte entwickelten »Untertanengeist« begründet liege. Die Schlussfolgerung Gaucks: Gelebte Demokratie im Arbeitsalltag sei wichtig, ebenso die Mitbestimmung in Unternehmen.

Das 1933 gestürmte Haus in Wiesbaden gehört jetzt einem gewerkschaftlichen Trägerverein und heißt Konrad-Arndt-Haus. Eine Tafel erinnert an den früheren ADGB-Arbeitersekretär, der jahrelang Gefangener der Nazis war und ums Leben kam. Seine Söhne blieben in der Bewegung: Rudi wurde SPD-Oberbürgermeister in Frankfurt, Günther war Kommunist und Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Holz und Kunststoff.

»Auch 80 Jahre danach gilt es, unsere Geschichte wieder zu entdecken«, so Axel Ulrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs Wiesbaden am Donnerstag. Er regte die Gründung einer gewerkschaftlichen »Geschichtswerkstatt« an. Während in der offiziellen Geschichtsschreibung nur Dissidenten in Bürgertum und Militär vorkämen, »hatten viele tausend Arbeiter und kleine Leute schon ab 1933 den Mut zum Widerstand«.

In der Mainmetropole Frankfurt hatte der ADGB erst 1931 sein neues Bürohaus bezogen. Dort planten Funktionäre den bewaffneten Widerstand gegen die Nazis und richteten das Gebäude dafür her. Nach Recherchen der Historikerin Judith Pakh wurden hier Waffen, Munition und ein Elektroaggregat gelagert und Kanalschächte präpariert. Später wurden die Widerstandspläne verworfen und die Waffen auf einem Arbeitersportgelände versteckt. Das Lager wurde durch Verrat entdeckt. Pakh erinnert daran, dass ein großer Teil des Frankfurter Gewerkschaftsvermögens im März 1933 »von Mitgliedern in weiser Voraussicht nach Österreich und der Schweiz transferiert« wurde. Die ADGB-Führung wollte »jedoch den Nazis keinen Anlass zum Verbot geben« und bestand auf Rücktransfer der Gelder. »Sie fielen am 2. Mai den Nazis in die Hände«, so die Historikerin.

Die kurzzeitige Illusion durch Anbiederung an das Regime Apparate und eigene Haut zu retten, griff am Donnerstag auch Peter Scherer, Historiker und früherer Leiter der IG-Metall-Zentralbibliothek, auf. In Würzburg zitierte er ranghohe ADGB-Männer, die noch im April 1933 ihre Unterwürfigkeit unter das neue Regime und Abkehr von Klassenkampf und Internationalismus ideologisch zu rechtfertigen versuchten. Dies sei mit einer Relativierung der Geschichte und auch heute weit verbreiteten Schlagworten wie Verzicht auf Ideologie, Modernisierung, Abkehr von Traditionen, Absage an den Klassenkampf und Beschwörung der nationalen und sozialen Einheit einher gegangen. »Gewerkschaften, die sich einer Befriedungsarbeit widmen, machen sich überflüssig«, warnte Scherer.

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