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Orbit voller Müll und kein Geld für die Abfuhr

Internationale Konferenz diskutierte, wie man die Trümmer aus 55 Jahren Raumfahrt wieder wegbekommt

  • Von Jacqueline Myrrhe
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein winziger Splitter hat dieser Tage ein Sonnensegel der Internationalen Raumstation ISS durchschlagen. Die ISS musste schon mehrfach heranrasendem Weltraumschrott wie etwa Resten ausrangierter Satelliten ausweichen. Für Heiner Klinkrad, Gastgeber der 6. Europäischen Konferenz über Weltraummüll, ist längst klar, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Die Experten sind sich einig, dass die Situation im Erdorbit bald instabil und bestimmte Umlaufbahnen unbrauchbar werden können.

Längst sind die laufenden Programme zur Weltraummüllvermeidung nicht mehr genug. Aktive Programme zur kosmischen »Müllabfuhr« sind dringend nötig. Zuerst müssen große Objekte aus kritischen Orbits entfernt werden. Denn in der jetzigen Lage sind die 1000 Satelliten im Erdorbit mit einem geschätzten Gesamtwert von 100 Milliarden Euro in akuter Gefahr. Doch trotz aller Einsicht tut sich nichts.

Zur Zeit sind ungefähr 30 000 Weltraummüllobjekte größer als zehn Zentimeter katalogisiert. Den Hauptanteil machen ausgebrannte Raketenstufen, Aluminiumschlacke aus Feststoffraketen, Metalltropfen aus alten sowjetischen Nuklearbatterien, Trümmer von Kollisionen, abgesprengte Abdeckkappen sowie ausgediente Satelliten aus. Was davon nicht höher als 1500 Kilometer über der Erde kreist, tritt irgendwann in die Erdatmosphäre ein und verglüht dort. Das kann allerdings bis zu 600 Jahre dauern. Objekte, die auf höheren Bahnen positioniert wurden, verbleiben dort als künstliche Erdtrabanten. Dazu zählen Kommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten auf geostationären Bahnen in 36 000 Kilometern Höhe.

Seit dem Start von »Sputnik 1« haben in 55 Jahren Raumfahrt vor allem die Sowjetunion und die USA zum Weltraummüllproblem beigetragen. Die später gekommenen sind allerdings auch keine Saubermänner. Müllvermeidung im Weltraum erfordert Vorausschau und viel Geld. Vor dem Kostendruck hat bisher das Verantwortungsbewusstsein jeder Raumfahrtnation kapituliert.

Freiwillige Richtlinien für Satellitenbetreiber, wonach Raketenoberstufen mit einem letzten Impuls zum Verglühen in der Erdatmosphäre gebracht und ausgediente Satelliten auf sogenannte Friedhofsbahnen bugsiert werden sollen, haben bislang nicht die gewünschte Wirkung gezeigt.

»Weltraummüll von einem Zentimeter Größe besitzt aufgrund seiner hohen Bahngeschwindigkeit von ca. 10 Kilometer pro Sekunde eine kinetische Energie, die der Zerstörungskraft einer Handgranate entspricht«, erklärt Carsten Wiedemann, weltweit anerkannter Spezialist für Weltraummüll an der TU Braunschweig. Wie sich jeder leicht vorstellen kann, ist ein hochsensibler Erdbeobachtungssatellit durch die Einwirkung einer Handgranate leicht zu zerstören. Dabei verschlimmert sich das Problem durch solche Einschläge: Beim Zusammenprall entstehen ganze Trümmerwolken, die um die Erde rasen.

Klinkrad, der bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA Chef des Büros für Weltraummüll in Darmstadt ist, macht klar: »Selbst wenn ab heute keine weiteren Satelliten gestartet werden, müssen wir aufgrund der in den Umlaufbahnen in 700 bis 1000 Kilometern Höhe vorhandenen Objekte davon ausgehen, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte eine Kollisionskaskade die Anzahl der Weltraumtrümmer exponentiell ansteigen lassen wird. Wir sind während der Konferenz zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die wichtigste Initiative zum jetzigen Zeitpunkt die jährliche Entfernung von 5 bis 10 größeren Objekten aus den besonders gefährdeten Bahnen wäre.«

In Darmstadt wurde auch diskutiert, wie diese »Müllabfuhr« funktionieren könnte. Die Varianten reichten von Netzen über Harpunen und Seilen bis zu Andockmissionen zur aktiven Rückführung. Einige davon, so Klinkrad, basieren auf »recht exotischen physikalischen Prinzipien«. Deutschland hat mit seiner bereits auf der ILA 2012 in Berlin vorgestellten DEOS-Mission gute Karten. Deren Konzept sieht vor, einen Andocksatelliten zu einem ausgedienten Objekt zu senden, dieses mit einem Robotarm zu greifen und zu reparieren. In einer späteren Phase könnten auch Rückführungen zur Erde erfolgen. Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR schätzt die Entwicklungszeit auf 10 Jahre und rechnet mit Kosten von mindestens 150 bis 200 Millionen Euro pro Mission. Bei zehn Objekten pro Jahr wären das bis zu zwei Milliarden Euro - 50 Prozent des gegenwärtigen ESA-Jahresbudgets.

Doch es gibt noch ein anderes Problem: Welche rechtlich bindenden Regularien könnten neben den Weltraumnationen auch kommerzielle Betreiber zur Müllvermeidung zwingen? Wer soll dafür zuständig sein? Wer darf sich welche Satelliten greifen? Kümmert sich jeder um seinen Müll, wie Klinkrad vorschlug? Russland und die USA dürften sich bedanken. Auf der Darmstädter Konferenz wurde mehrfach auf die UNO verwiesen. Noch eins gab Heiner Klinkrad zu bedenken: Die Annäherung und das Ergreifen von Satelliten muss nicht in friedlicher Absicht erfolgen.

Letztlich reichte es bei der ESA wieder nur zu weiteren Machbarkeitsstudien. Mehr gibt das momentane Budget der Europäer nicht her. Ob am Ende die Zeit davonläuft und das Potenzial der Raumfahrt durch Nachlässigkeit und Ignoranz zerstört wird, dürfte sich bald zeigen.

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