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Riss in der Lebenslinie

Auf der Straße lernt man vor allem eines kennen: die eigene Überflüssigkeit

  • Von Marlene Göring und Christin Odoj
  • Lesedauer: 9 Min.

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Dieser Morgen ist anders. Beim Duschen habe ich die Seife weggelassen. Die Kleider, die ich trage, sind nicht meine; sind geborgt, zu groß und unmodern. Ich bin aufgeregt, aus dem Haus zu gehen. Ich lege meine Brieftasche auf den Küchentisch, dann das Handy, daneben meinen Schlüsselbund. Rückwärts trete ich über die Schwelle und ziehe die Tür hinter mir zu. Für die nächsten zwei Tage habe ich kein Zuhause.

Am hinteren Ausgang des Berliner Bahnhofs Zoo, der wegführt vom Hotel Waldorf Astoria, vom Kurfürstendamm und seinen Luxusläden - dort in der Jebensstraße vor der Bahnhofsmission stehen sich gut 60 Menschen für ein Mittagessen die Beine in den Bauch. Seit über einer Stunde warten sie auf die belegten Brote, eine Schale Garnelensalat, Käsebrötchen, gekochte Eier und Spinat im Blätterteig. Das alles gibt es kostenlos, aber nur die ersten 50 bekommen eine Eintrittskarte. Ein Mann in einer Hose, deren Gürtel fehlt und die mehr offenbart als sie verdeckt, schaut durch die Fensterscheibe erwartungsvoll ins Innere. Die Hornhaut an seinen Füßen hat mehrere Schichten gebildet, die mit tiefen Furchen durchzogen sind. Als drinnen nichts passiert, blickt er auf die Schlange. Für knapp 15 Leute wird es wohl eng.

Niemand sitzt, obwohl viele schon so lange hier sind. Im Sitzen ist es schwerer, die Vordrängler in Schach zu halten. Nur ein kleiner alter Mann hockt an die Häuserwand gelehnt und kramt in seinem Rucksack. Zwischen Plastikheftern und etlichen Tüten holt er ein Wörterbuch hervor und setzt seine verschmierte Lesebrille auf. Er lernt deutsch. Einige Männer kommen von der Seite auf ihn zu. Es fällt kurz das Wort »Bulgaria« und sie stellen sich zu ihm mitten in die wachsende Menge. »Lasst euch nicht von denen vertreiben«, befiehlt einer von ganz vorne. Dann ist es soweit, die Eintrittskarten werden verteilt und die Zweier- drängeln in Dreier- und Viererreihen.

Hinter einigen Anstehenden versteckt sich Sascha, die Szene macht ihm Angst. Er ist erst seit drei Wochen in Berlin und ist mit seinem letzten Geld aus Wuppertal zum Hauptbahnhof gefahren. Er erzählt, wie er seine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Für sie gab er seinen Job auf und verlor seine Freunde. Der Kontakt brach ab, weil er nicht mehr mit ihnen »auf Party« ging. Als er Schulden machte, obdachlos wurde, wollte ihm keiner helfen. »Nach einem Kaffee haben mich alle wieder rausgeschmissen.«

Seit die extreme Kälte vorüber ist und die Notübernachtungen geschlossen sind, treibt er ziellos durch die Stadt. »Bei Burger King kannst du ganz gut den halben Tag verbringen, wenn man die Kunden nicht nach Geld fragt und nichts von den Tabletts isst.« Sascha hält sich an Regeln. Ständig hat er Angst davor, Ärger zu bekommen. Er fährt nicht schwarz, diskutiert in den Hilfseinrichtungen nicht mit Mitarbeitern und legt sich nie mit anderen Obdachlosen an, wofür seine zarte Figur und sein zwischen Melancholie und kindlicher Neugier schwankender Blick auch nichts taugen würden.

Beim Essen fragt er, ob er mal die Hand seiner Nachbarin sehen könnte. »Wow, deine Lebenslinie geht ja bis zum Handgelenk!« Seine hat zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr einen Riss, dann geht sie umso stärker weiter. Sascha glaubt daran, dass das stimmt. Seine Mutter war Astrologin, sie hat ihm den ganzen »Esoterikkram« beigebracht. Er erwähnt sie oft, ganz nebenbei. Sonst spricht niemand am Tisch. Nach nur 20 Minuten ertönt eine Klingel. Alle müssen gehen, auch Sascha.

Morgen werden wir ihn wiedersehen. Inzwischen ist es später Nachmittag, für ein paar Brötchen haben wir fast vier Stunden am Zoo gewartet. Im »Warmen Otto«, einer Tagesstätte für Obdachlose in Moabit, setzen wir uns an einen der wenigen freien Tische. In der hinteren Ecke spielt ein eingeschworener Altherrenkreis Canasta, Tische wie diesen werden wir später »Die Dons« nennen, in jeder Einrichtung gibt es sie. Der Rest holt mit dem Kopf auf dem Tisch den verpassten Schlaf der letzten Nacht nach oder blickt auf den Fußboden. Auch im »Warmen Otto« sind wir mit den anderen gemeinsam einsam. Diese Stille ist das, was uns immer begleitet. Wo kommt dieses Schweigen her? Ist es die Scham, am System der tausend Ansprüche gescheitert zu sein? Oder hat sich diese Gesellschaft nicht viel eher von den Menschen im »Warmen Otto« verabschiedet? Es wächst das Verlangen nach einer Übersprungshandlung, um den Fragen zu entgehen. Wir wollen auf unsere Handys gucken, Musik hören, irgendwas. Jetzt aber drehen sich die Gedanken im Kreis. Es wird still, auch im Kopf.

Später in der City Station begrüßt ein Mitarbeiter jeden Eintretenden persönlich. Eine lange Schlange drängt vor der blitzenden Theke, vor der man eher gehetzte Schlipsträger in der Mittagspause erwarten würde, nicht Obdachlose. Entlang der Wand zieht sich die »Bibliothek«: einzeln aufgestellte, dicke Bände über Geschichte und Religion hinter Glas. Den Schlüssel muss man sich erst holen.

Eine Roma-Gruppe mit vielen Köpfen sitzt an einem der Tische und feiert ein Fleischfest: Lachend werden große Stücke mitgebrachter Schweinshaxe quer über die Tischplatte gereicht. Familienmitglieder kommen und gehen. Ein hübscher Teenager mit dunklen, gegelten Haaren und Adidasjacke unterhält sich stehend mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Als die Teller leer sind, zieht die älteste Frau der Sippe Kleidung aus einem Plastikbeutel. Sie begutachtet sie, als sieht sie sie zum ersten Mal. Dann geht sie zu den Waschräumen, wo es nach Shampoo duftet. Für 70 Cent gehört ihr 20 Minuten lang eine Dusche.

Der Nachbartisch kommentiert das Treiben der Roma, mal verhalten, mal offen fremdenfeindlich. Es sind »Die Dons«: ergraute, männliche Stammgäste, lautstärker als die üblichen Einzelgänger und alles im Blick behaltend. »Die Polen« und »die Zigeuner« regen sie auf. Joshi, Manne und François sitzen murmelnd bis lallend auf ihren Plätzen, als ein junger Mann eintritt. »Jungs, ich hab' was für euch, was ganz Spezielles!«, ruft Eddy, der sich mit mehreren Einkauftrolleys und Tüten in den Raum schiebt. Stolz zeigt er gebrauchte CDs, zerlesene Zeitungen und leere Flaschen Christinenbrunnen vor. »Alles weggeworfen!«, ärgert sich Eddy in aufgeregtem Sopran.

Joshi rechnet gewissenhaft den Anteil Eddys aus. 2,10 Euro bekommt der in der Woche für Pfandflaschen von ihm. »Ich bin nämlich der Vorsitzende«, freut sich der Mittfünziger und schiebt an seinem Basecap herum. Jede von Eddys CDs geht er einzeln durch. Damit lasse sich im Second Hand Laden wohl was einnehmen. Außerdem käme bald sein Freund Sir Thomas Jefferson wieder, mit dem er dann David Bowie spielt. Den habe er in den 1970ern selbst mal getroffen - der Auftakt einer Rhapsodie fiktiver Lebensgeschichten. Nur Manne beteiligt sich nicht am Gespräch. Fragen beantwortet er schon gar keine. »Ihr müsst mal nachts mit uns Flaschen sammeln gehen«, sagt er grimmig. »Dann seht ihr: Das ist die City Station, und das ist auf der Straße!«

Mit Drücken im Bauch klingeln wir bei der Notunterkunft für Frauen, unsere letzte Station für heute. Eine freundliche Stimme erklärt uns den Weg in den Hinterhof: Leider schon voll, aber wir sollen doch kurz mal kommen. Jahre jünger als wir ist das Mädchen, das uns im Gemeinschaftsraum Platz nehmen lässt. Die Frau, die dort schon sitzt, blickt nicht von ihrem Buch auf. Dann die gute Nachricht: »Wir bauen ein Extrabett für euch auf«, sagt uns Mitarbeiterin Sophie. Wir können so lange bleiben, bis wir etwas Neues finden. Sie hält einen Bogen vor sich, fragt uns nach unserer Situation aus. Das schlechte Gewissen runterschlucken. Rosamunde Pilcher im ZDF, keiner schaltet um, auch uns ist das zu unangenehm. Das Bett: frischbezogen und duftig. Die Nachttischlampe reagiert mit Berührungssensor.

Morgens halb sieben ist der Tisch im Gemeinschaftsraum schon gedeckt. Plasteblumen und Naturbilder an der Wand suggerieren Adrettheit. »O, Vitamine!«, sagt eine der drei osteuropäischen Bewohnerinnen. Geduscht und geschminkt kommt ein Mädchen Mitte 20 herein, nichts deutet darauf hin, dass sie kein Zuhause hat. Zwischen ihr und Sophie entspannt sich ein leises Gespräch, manche wagen scherzhafte Kommentare. Aber der Großteil der elf Frauen verspeist die belegten Brötchen konzentriert und ohne zu sprechen. Dann geht es ans Aufräumen - alle, die hier übernachten, bekommen eine Aufgabe. Und sie nehmen sie ernst. So ernst, dass ausgerechnet beim Putzen Streit ausbricht. Die russische Spätaussiedlerin drischt genervt mit dem Wischlappen auf die wehrlosen Teller ein - sie hat ihre eigene Methode, den Geschirrspüler einzuräumen, da stören fremde Hände. Im Gemeinschaftsraum ein ähnliches Bild. Immer frenetischer schrubbt Helga den längst sauberen Frühstückstisch. Störfaktor sind die drei Raucherinnen, die dort noch ruhig sitzen und »provozieren«. Sie schreit herum, bis Sophie eingreift.

Wir sind froh, der niedrigen Toleranzgrenze unserer Mitbewohnerinnen zu entkommen und verlassen die Notunterkunft sogar noch vor den geforderten acht Uhr. Die Sonne scheint, noch ist uns die ungefüllte Zeit willkommen. Vom Nordbahnhof laufen wir zum Alex, setzen uns an den Brunnen, wo es sich noch andere offensichtlich Ziellose bequem gemacht haben. Nach zwei Stunden drängt es uns weiter. Zu Fuß nach Kreuzberg zu einem Frauentreff für Wohnungslose, dann weiter Richtung Zoo. Langsam schmerzen die Turnschuhe, die wir für so bequem gehalten haben. Egal, wo wir Halt machen - überall spürt man die eigene Überflüssigkeit. Unsicher haben wir uns aber bisher nicht gefühlt. Auch, weil wir die Welt des Geborgenseins nicht komplett losgelassen haben: Essen am Tisch, Schlafen in einem Bett, Duschen in einem Raum mit Privatsphäre. Beim Frühstück in der Frauennotunterkunft hat uns eine ältere Dame angesprochen und gesagt: »In dem Alter schon so viel Schlimmes erlebt zu haben, um hier zu landen - das ist wirklich traurig.« Ihr ehrliches Mitleid ist kaum auszuhalten.

Am Bahnhof Zoo steht Sascha wieder in der Schlange. Er ist nicht gut drauf, weil er kaum geschlafen hat und mit dem Bus durch die Stadt gefahren ist, ausnahmsweise, er wusste nicht wohin. Am Abend gibt es wieder großes Gedränge an der Bahnhofsmission, diesmal vor dem kleinen Nachtausgabefenster. Die Stimmung ist aggressiver als am Tag. Es sind viele Betrunkene da, die immer wieder Diskussionen anzetteln und sich vordrängeln. Es dauert lange, bis das letzte Brötchen verteilt ist. Nach und nach verschwinden alle in der Dunkelheit.

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