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Die Wut von Wind und Wellen

Philipp Stölzl inszenierte Wagners »Der fliegende Holländer« in der Berliner Staatsoper

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kaum sitzt man im behaglichen Theatersessel, verschlägt einem das Sturmgetöse Hören und Sehen. Daniel Harding am Pult der Berliner Staatskapelle entfacht die Wut von Wind und Wellen ohne die mindeste Zimperlichkeit. Starke Kontraste, scharfe Konturen unterstreichen den seelischen Furor dieses Werkes und bestimmten den musikalischen Ablauf des Abends. Innigere oder durchsichtiger instrumentierte Passagen bekamen eine aufgeraute klangliche Textur. Daniel Harding ist es in Philipp Stölzls Neuinszenierung des »Fliegenden Holländers« an der Berliner Staatsoper weniger um feine Klangmischungen zu tun als um eine Vertiefung der genauen und deutlichen szenischen Zeichnung.

Während der Ouvertüre erzählt Philipp Stölzl die zunächst wohlbekannt erscheinende Vorgeschichte. Der Ort der Handlung ist ein wohlhabend bürgerliches Lesezimmer (Bühnenbild Philipp Stölzl und Conradt Moritz Reinhardt) mit deckenhohen Bücherregalen, Ledersesseln und einem riesigen Seestück an der rückwärtigen Wand. Das halbwüchsige Sentakind schleicht sich nachts herein, klettert eine Leiter hoch und weiß genau, welchen Folianten sie sich aus dem Regal angelt, in den Sessel trägt und im flackernden Schein des Kerzenleuchters an der Stelle von gestern Nacht weiterliest.

Bald wirkt die gedruckte Droge: Das schäumende Wasser auf dem Bild beginnt lebendig zu werden, ein Schiff legt an, Männer in Ölzeug steigen aus dem Bilderrahmen und vertäuen das Schiff an den Regalen und Sesseln. Kapitän Daland verhält sich in seinem eigenen Zimmer so unhäuslich, als sei es der Strand von Sandwike, und der Steuermann beginnt sein sehnsüchtiges Lied vom Südwind.

Auf der nächsten Buchseite wird es richtig spannend. Lautlos nähert sich ein zweites Schiff, bis zur Unkenntlichkeit mit Tang und Algen überzogen. Und plötzlich sitzt er im Sessel, der Mann, dessen Bild sie sich Nacht für Nacht ansieht, der schwarze Kapitän mit dem bleichen Gesicht. Senta ist angstverzückt. Sie kennt das Leid, in das sein größenwahnsinniger Weltuntergangsgesang sie sogleich tief hineinziehen wird.

Stölzls Eröffnung des psychologischen Kammerspiels ist beklemmend brillant in der Verschmelzung von Bild und Realität, von Wirklichkeit und Traum, in der psychoanalytischen Ursachenforschung für Sentas späteres gnadenloses Schicksal. Aber Philipp Stölzl wäre nicht der Filmregisseur Stölzl, wenn nicht ein wenig Johnny Depp und »Fluch der Nordsee« in Wagners romantischer Seefahrer-Oper herumgeistern würden. Spaß muss sein - und je fantasiebunter die Holländermannschaft in Sentas Verstiegenheit, desto tiefer ihr Sturz in die Realität der Frauen im gehobenen bürgerlichen Kaufmannsmilieu des 19. Jahrhunderts.

Die lieblich lustig singenden und spottenden Spinnerinnen des 2. Akts sind die Hausbediensteten und allesamt Doppelgängerinnen der Amme Mary, die Senta bis ins Erwachsenalter hinein in kindlicher Regression hält. Nirgends ein Versteck vor Marys Reitgerte, nur das Buch unterm Arm lässt sie in andere Räume und Zeiten fliehen. So ist es seit vielen Jahren, seit der Kindheit, seit sie lesen kann. Ihr Vater Daland ist im Kontor oder auf See.

Aber dieser Vater, eher tändelnder Dandy als seriöser Kaufmann, der nichts mit ihr zu tun hat als ihre blonde Üppigkeit zu preisen, bringt ihr den Tod. Er präsentiert seiner Tochter den fremden Mann, den sie heiraten soll, den sie Jahre um Jahre erträumte, den sie durch ihren Tod erlösen will. Stölzl gelingt ein Bild des Horrors: Durch die Tür tritt keineswegs der bleiche Seemann, herein kommt ein Opa in Knickerbockern, mit weißem Backenbart, Bonbons lutschend, Zigarre rauchend, gruselig gemütlich im Sessel vor sich hin schweigend.

Wieder muss sich für Senta das Wandbild öffnen - diesmal genau dasselbe Zimmer mit Regalen und geöffnetem Bild zeigend - und dort steht der Holländer, mit dem sie ihr Duett singt. Sentas Verlobung gerät zum allgemeinen Besäufnis. Zum herbeidelirierten Geisterchor erschlägt die betrunkene Senta den schrecklichen Alten, ihr Erlösungstod ist ein elender Selbstmord.

Emma Vetters als Senta; ihre Stimme erwachte mit der in spannender Zurückhaltung gesungenen Ballade aus der Kindlichkeit, um später in einem fahlen Verzweiflungston zu glänzen. Michael Volle war ein so glänzender, nach Aktivität drängender Sänger-Darsteller des Holländers, dass er als bloße Traumfigur szenisch unterfordert war. Seine grandios gesungene Auftrittsarie »Die Frist ist um« machte Sentas Versessenheit sofort begreiflich. Ihr schmachtender Jugendfreund Erik dagegen ist in Stölzls Inszenierung derart unterbelichtet, dass Stephan Rügamers wohlklingender und inniger Gesang in denkbar großem Kontrast zu seiner Bühnenfigur stand.

Mit diesem »Fliegenden Holländer«, den Philipp Stölzl aus Basel ins Berliner Schillertheater übertragen hat, ist ihm nach seinem Opernerstlings-Überraschungscoup, dem »Freischütz« in Meiningen, zum zweiten Mal eine genau analysierte, ästhetisch geschlossene und schlüssig erzählte Inszenierung gelungen. Wieder war es ein romantisches Stück, in dem sich Naturbild und Seelendrama mit ein wenig Schauer und Horror verquicken. Das scheint dem Regisseur zu liegen.

Weitere Vorstellungen am 4., 10., 16., 19. und 22 Mai

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