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Entweder - Oder

Vor 200 Jahren wurde der dänische Philosoph Søren Kierkegaard geboren

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Er nahm sich nicht an und war so ganz bei sich selber. Er nahm die Verführung nicht an, Frieden mit der Welt zu schließen. Aber der Preis war hoch. Keine Ehe, kein Amt, keine Verwirklichung in der Gesellschaft. Nein, absolute Isolation und damit Entschiedenheit, nichts zu werden, nichts anderes zu werden, sich nie »in etwas anderes umzudichten«.

Was das heißt? Keine Chance offen lassen, mit der das eigene Versagen begraben werden könnte. Und Versagen, das ist gesetzt. Da kannst du Weltlagen und Sachzwänge und geschönte Erinnerungen herbeischaufeln, so viel du willst. Das Versagen besteht darin, immer lieb und lauter und lohnend die Lage zu leben, die gerade herrscht, und am besten auch noch die, die herrschte und in der man so oder so schuldig wurde. Das Versagen besteht darin, sich einrichten zu wollen, etwas mit beiden Händen greifen zu wollen, etwas erreichen zu wollen, jemanden lieben zu wollen.

Leben wollen? Für Kierkegaard war das Flucht vor der Wahrheit der Existenz. Leben wollen, das heißt Eingemeindung, heißt Wurzelschlag, heißt Einverständnis mit Regeln und allgemeinem Treiben in den Riten des unvermeidlichen Alltags. Nichts für ihn, der jedes Anlehnungsbedürfnis durchkreuzte, weil es korrumpiert.

Der Mensch ist ein Geworfener und Geschobener und Gedrängter, der sich seinen freien Willen herbeifantasiert mit jedem Morgen, da er aus dem Bett steigt - aber was bleibt von diesem freien Willen, wenn er abends wieder hineinsteigt in dieses Bett und ehrlich bilanziert, was am heutigen Tag so frei und selbstbestimmt war. Wieder ein bisschen Kritik an der kruden, grausamen Welt geübt - aber auch Gedanken darüber, welchen Schuldanteil man selber am Elend der Verhältnisse hat? Wieder am Geld für den Broterwerb gearbeitet - aber auch Gedanken darüber, was man dafür immer wieder hinnimmt, wen man dafür verleugnet, wie viel man dafür herunterschluckt an Wahrheit? Wieder versucht, ein bisschen gut und verträglich und friedlich zu sein - aber auch Gedanken darüber, wie viel Ehrlichkeit (und Ehrlichkeit stört jeden Frieden!) man dabei unterdrückt hat? Wieder fest geglaubt, an Gott, an die bessere Zukunft, an das menschliche Zeitalter - aber auch Gedanken darüber, dass man sehr oft nur deshalb glaubt, weil man keine Kraft für wirklich tätigen und also Konsequenz fordernden Zweifel besitzt?

Das sind die Konfliktstellungen, an denen Kierkegaard greift. Dieser dänische Philosoph, streng fromm erzogen in einem Tuchhändlerhaus, der zunächst Schauspieler werden will und dann Kandidat für ein Predigeramt ist, 1813 in Kopenhagen geboren und dort 1855 gestorben. Dieser härteste und unerbittlichste aller Denker, hat aus seinem Geist nie wirklich einen Erfolg, eine stärkende Anerkennung herausschlagen können. Es ist dies wohl die größte Bestätigung seines Geistes. Der nämlich schlägt in einen Bann, der entsetzlich anstrengt - der aber nicht mehr loslässt, der aufwühlt, unsicher macht und verstört.

Kierkegaards wesentlicher Gedanke ist die Lehre vom »Einzelnen«. Dieser Mann, der sich eine große Liebe aus dem Herzen riss, der kaum reiste (außer nach Berlin an die Universität), der sich lediglich in Fußgängerzonen herumtrieb, schrieb in seiner Autobiographie im Jahre 1848: »Wenn ich eine Aufschrift für mein Grab verlangen sollte, ich verlange keine andere als ›Jener Einzelne‹«.

Kierkegaard (gesprochen: (kerkegoor) ist der erste Autor der Neuzeit, der in seinen Schriften (»Die Wiederholung«, »Furcht und Zittern«, »Philosophische Brocken«, »Begriff Angst«) auf besonders radikale Art das »Ich« artikuliert. Ein fortwährender Wühler im Gewissensgrund. Wahre Menschlichkeit ist ihm nur als Bruch mit dem natürlichen Behagen im Bürgerlichen möglich. Diesem Verein der Versicherungen. Dieser Ordnung, in der alles, was geschieht, auf Gegenseitigkeit beruht. Dieses Wesen des Menschen (ich teile mit dir, ich rede mit dir, ich lebe mit dir, ich leide mit dir, ich genieße mit dir) führt zwangsläufig und immer wieder und unumkehrbar zum Unwesen des Menschen: Wie du mir, so ich dir! Dies hätte zu einer Weltfriedensregel werden können, wurde aber zum ewigen Kriegsgrundgesetz.

Der Weg aus der Schlinge: »zur Gnade fliehen«, aber das ist der Abschied von jeder diesseitigen Gemeinschaftsform, die doch stets auch einen Rückhalt bedeutet. Es ist dies der Abschied von jeglicher Kenntlichkeit in einer irdischen Beziehung. Denn jede Vergesellschaftung des »Ich« bedeutet für Kierkegaard »Nivellierung« - sie vermittelt dem Einzelnen das trügerische Bewusstsein, er sei durch Anschluss an eine Gruppe, Parteiung, Kollektivität von persönlicher Gewissensverantwortung entbunden, er sei aufgehoben in Höherem und dürfe sich daher als gerechtfertigt fühlen. Es ist ein gefährliches Gerechtfertigtsein. Es ist nämlich nur komfortabler Nachahmungstrieb längst gedachter und verbrauchter Dinge. Es führt in schweigende Mehrheiten und deren überwältigende Meinungsmacht. Es führt in die ideologische Rechthaberei, in Totalitätsfantasien, denen Hegel das Begründungsfutter von Weltvernunft und Objektivität gab.

Kierkegaard: »Es leben in jeder Generation wohl kaum 10, denen am meisten davor angst ist, eine unrichtige Meinung zu haben; aber es leben 1000 und Millionen, denen vor allem davor angst ist, mit einer Meinung allein zu stehen, und wäre es auch die richtige.« So kam eine Welt in die Welt, wie Jürgen Habermas schrieb, in der wir »zur Not einen einzigen Selbsterschlagenen betreuen können, während wir als Leichenproduzenten bereits das stolze Stadium industrieller Massenproduktion erreichten«. Diesen Philosophen lesend, seine Tagebücher, ja: seine sokratischen Brocken, erweist sich jeder Blick in die Welt als Anlass für gesteigertes Schuldbewusstsein, ein Bewusstsein davon, wie diese Welt ausgestattet ist, wohin sie rutscht.

Was Kierkegaard dem Einzelnen - der er selber ist: gnadenlos einsam - abfordert, das ist freilich nicht lebbar. Aber deshalb nicht weniger nötig. Rilke: »Du musst dein Leben ändern.« Dein Leben, nicht die Welt. Aber die Welt gibt den Impuls. Die in ihrer westlichen Ausprägung ja auch dauernd das »Ich« feiert - um es in die Uniformität der fiebernden Leistungssklaven und des gelifteten Gecken zu zwingen. Eine Welt der Lebenshilfe-Events, der Kirchen- und Parteitage, der politischen Dösereien, der experimentfaulen Scheinalternativgruppen, eine Welt, die in Ratgeberschriften für den selbstbewussten Einzelnen schier erstickt - und damit doch nur mehr und mehr Anpasser heranbilden wird. Eine Welt, die den Einkaufsbeutel zur Reliquie erklärte - und vergessen machen möchte, dass darin das Wort Beute steckt, also auch die Assoziation dessen, was Beute möglich macht: Ausbeutung.

»Entweder-Oder« heißt das Hauptwerk Søren Kierkegaards. Klar, schwer, überfordend. Alternative. Ein bisschen schwanger sein mit dem richtigen Dasein, das geht nicht. Entweder, oder. Richtiges Leben geht vielleicht überhaupt nicht. »Zurück zum Ich, sagt Kierkegaard, wie es Luther gesagt hatte. Vorwärts zum Ich ist die Losung der bürgerlichen Welt.« So der Essayist Friedrich Dieckmann. Das ist der Widerspruch, in dem der moderne Mensch seinen Schmerz austragen muss. Trotzdem in der Hoffnung, es werde ein Leben daraus. Illusion, wenn man Søren Kierkegaard ernst nimmt.

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