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Gelöschte Literatur

Klaus Bellin über die Bücherverbrennung 1933

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Einer stand da und sah alles mit an. Sah die SA-Männer auf dem Berliner Opernplatz, die johlenden Studenten, die Flammen und wie sie Bücher ins Feuer warfen, auch seine eigenen. Er ging eilig fort, als ihn jemand erkannte und seinen Namen rief. An diesem regnerischen Abend des 10. Mai 1933, den Erich Kästner 1946 beschrieben hat, verlor das Land seine Literatur, nicht bloß Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Kurt Tucholsky, auch Karl Marx und Heinrich Heine. Die Nazis demonstrierten gleich, wes Geistes Kind sie waren. Danach bekräftigten sie auch Heines Satz: »Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.«

Die Deutschen mussten nun vorlieb nehmen mit Literaten wie Beumelburg, Blunck oder Hanns Johst, ihnen blieben die Bücher der NS-Dichter und -Ideologen, der Angepassten, der Geduldeten, die sich duckten und ins Unverbindliche flüchteten, oder jener, die faule Kompromisse schlossen oder der Selbsttäuschung unterlagen. Die anderen, die für Glanz und Ansehen deutscher Literatur standen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hatten sich längst, wenn sie nicht wie Erich Mühsam der Gestapo in die Hände gefallen waren, in Sicherheit gebracht, manche in allerletzter Minute. Sie saßen jetzt im Exil, viele zuerst noch in der Erwartung, der Spuk könnte bald vorübergehen, aber bald schon ohne Hoffnung auf Rückkehr. Was sie veröffentlicht hatten, war in hektischer Eile vernichtet worden, verbannt aus Buchhandlungen und Bibliotheken.

»Wenn es Goebbels gelingt«, schrieb damals der elsässische Schriftsteller René Schickele, »unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot, Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.« Er irrte sich nicht. Als Leonhard Frank, der in den USA ausgeharrt hatte, nach Europa zurückkam und in Aachen den Zug verließ, suchte er als Erstes eine Buchhandlung auf. Er fragte nach seinen Büchern. Er nannte ein paar Titel. Der junge Mann, der ihn bediente, kannte sie nicht. Er kannte auch nicht Franks Namen. Die deutschen Leser bis zu vierzig Jahren, heißt es im autobiografischen Roman »Links wo das Herz ist«, wussten nichts von ihm. Ihnen war kein Thomas Mann, kein Arnold Zweig, weder Franz Werfel noch Erich Maria Remarque jemals begegnet.

Leonhard Frank hat seine Bücher damals zum letzten Mal kurz vor seiner Abreise aus New York gesehen: hinter einem Schaufenster in der Fifth Avenue. Die vertriebene deutsche Literatur, die Werke von gestern und die Werke, die im Exil entstanden waren, gab es nur dort, wo Hitlers Armeen nicht hinkamen: in Moskau, Mexico-City, New York, Stockholm.

Die Soldaten der Roten Armee wussten, wer Heine war, die Deutschen nicht, und die Amerikaner, die 1944 in der Normandie landeten, hatten eine vieltausendfach aufgelegte Broschur bei sich, eine Übersetzung des Romans »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers, geschrieben in Frankreich, gedruckt und verfilmt in den USA. Sie sollten wissen, was für ein Land sie vorfinden würden.

Die Deutschen lernten alles erst viel später. Auch aus den Büchern, die sie zwölf Jahre lang nicht lesen durften.

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