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Die Wahrheit strahlt viel zu hell

In Guatemala hat der Völkermord-Prozess gegen Exdiktator Efraín Ríos Montt eine Debatte um die Vergangenheit entfacht

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Ein bronzenes Staatswappen prangt an der Marmorwand über dem massiven Richtertisch im Saal des Justizpalastes. Rechts davon eine imposante Standuhr, deren Pendel unaufhaltsam hin- und herschwingt. In Guatemala stand dennoch die Zeit still, als das Verfahren gegen den ehemaligen Machthaber Efraín Ríos Montt und seinen Geheimdienstchef Mauricio Rodríguez Sánchez im April vorübergehend ausgesetzt wurde.

Es ging in diesem Prozess nicht nur um Verbrechen im guatemaltekischen Bürgerkrieg (1960-96), es ging um weit mehr. »Genozid ist der potenzierte Ausdruck des geplanten Mordes, es ist das menschliche Böse, das mit der Vernunft Hand in Hand geht«, versuchte der renommierte Akademiker Edelberto Torres-Rivas das Phänomen zu fassen, das die Gemüter in Guatemala erhitzt. Besonders als das Verfahren Mitte April kurzfristig annulliert wurde – wohl mehr aufgrund politischer Interessen als wegen juristischer Verfahrensfehler.

»Es ist, als ob jemand versucht, mit der bloßen Hand die Sonne zu verdecken«, verglich María Aguirre die Versuche, einen Schuldspruch zu verhindern. »Die Wahrheit strahlt viel zu hell, als dass man sie noch verbergen könnte.« Die heute 30-Jährige erlebte die dunkelste Epoche Guatemalas als Kind. Vergessen wird sie die nie, denn ihre Mutter wurde eines Morgens verhaftet und verschwand für immer.
Ihre Tochter María gehört der Bewegung H.I.J.O.S. an: die »Kinder« der gewaltsam Verschwundenen jener Jahre. Sie haben sich der historischen Erinnerung verschrieben, pflastern die Wände von Guatemala-Stadt mit den Porträts derer, die in Polizeihaft zu Tode gefoltert wurden. Seit Mitte März verteilte María Aguirre große bunte Kopfhörer im Gerichtssaal – an die Familienangehörigen der Opfer der Diktatur im Hochland. Dort, wo Anfang der 80er Jahre nicht Einzelne entführt, sondern Hunderte brutal niedergemetzelt wurden.

Die Angehörigen füllten die Reihen sandgelber Schalensitze vor den Staatsanwälten. Frauen in reich bestickten Blusen und mit Bändern und Troddeln hochgesteckten Haaren. Männer in verwaschenen Hemden, mit Cowboyhüten und roten Westen mit schwarzen Ornamenten. Diejenigen, die nur ihre eigene Sprache Maya-Ixil sprechen, konnten über die Kopfhörer die Übersetzung aus dem Spanischen hören. Dreißig Jahre hatten die Überlebenden versucht, Normalität zu mimen und die Grausamkeiten, die sie im Unterschied zu vielen anderen überlebten, aus Herz und Seele zu verdrängen. Die Aussetzung des Verfahrens war ein Schock für sie.

»Es soll nie wieder geschehen«, murmelte Anselmo Aguilar aus Cuarto Pueblo im Department Quiché. Elf Jahre war er alt, als er mit den Überlebenden seiner Familie aus Furcht vor weiteren Massakern nach Mexiko floh. Neun Leichen von Männern, Frauen, Kindern und brutal aus dem Mutterleib geschnittenen Ungeborenen verscharrten sie vor der entbehrungsreichen Flucht ins Nachbarland.
Auch die Flüchtlingslager boten erbärmliche Bedingungen. »Der Genozid begann mit Massakern und endete im Exodus«, konstatierte der Anfang-40-Jährige mit den traurigen Augen. Viele Menschen in Guatemala leugnen die Geschehnisse, je lauter, desto näher das Prozessende rückte. »Doch wo sind all die geblieben, die ich so schmerzlich vermisse?«, fragte Aguilar und legte die Hand auf die Brust, dorthin, wo sein Herz ist.

Über dem Zuschauerraum surrte die Klimaanlage. Während Jazmín Barrios, die Richterin mit der schwarzen Löwenmähne, schlagfertig die Einwände der Verteidigung zurückwies, geladene Forensiker sich durch Aktenberge wälzten, um Massengrabfunde und Leichenzahlen zu verlesen, internationale Militärexperten die Auswirkungen der Armeestrategie der »Verbrannten Erde« auf die Bevölkerung bewerteten, protestierten vor dem Justizpalast Militärangehörige gegen das Verfahren.
Zum ersten Mal seit Kriegsende entbrannte in der guatemaltekischen Gesellschaft eine intensive Debatte über die nicht allzu weit entfernte Vergangenheit. Akademiker und Journalisten äußern Bestürzung über die Gräuel des Bürgerkrieges, ziehen Vergleiche zu den Nürnberger Prozessen – die ersten Verfahren zum Tatbestand Völkermord –, diskutieren über Erinnerung und Versöhnung. Im Gegenzug zieht eine neue »Stiftung gegen den Terrorismus« gegen die »Farce des Genozids« zu Felde.

Mehrseitige Anzeigen in führenden Tageszeitungen diffamierten täglich Anwälte, Gerichtsgutachter und Zeugen als vermeintliche »Kommunisten und Guerilleros«. UN-Sonderbotschafter Frank La Rue wurde ein »neomarxistischer Verschwörer« genannt. In der konservativen Elite scheint der Jargon des Kalten Krieges, vor dessen Hintergrund der 36-jährige bewaffnete Konflikt in Guatemala ausgetragen wurde, die Zeitenwende überlebt zu haben.

Überlebt hat laut indigenen Bewegungen auch der Rassismus gegen die Maya-Bevölkerung. »Erst 30 Jahre sind seit dem Genozid vergangen – der über Jahrhunderte manifestierte Rassismus hat sie unbeschadet überstanden«, konstatierte Edwin Canil von der Menschenrechtsorganisation CALDH und wies schweigend auf die Zuschauer, die ihre Sympathien durch die Wahl des Sitzplatzes hinter den Angeklagten bekundeten. Männer in feinen Anzügen und aufwendig zurechtgemachte Frauen unterhielten sich dort lachend und eine Spur zu laut, während Zeuginnen aus der Ixil-Region über die schlimmsten Stunden ihres Lebens berichteten. »Für sie sind wir indios, chocolates und manchmal einfach nur Tiere«, bemerkte Edwin Canil, ein redegewandter Jurist, der dennoch manchmal blinzeln musste, um die Tränen zurückzuhalten. Denn auch sein Herkunftsort Santa María Tzejá wurde von Regierungstruppen niedergebrannt. Der damals Sechsjährige musste zusehen, wie seine kleine Schwester zerstückelt wurde. Er legte sich zu seinen toten Familienangehörigen, um zu warten, dass sie aufwachen. Das Konzept des Todes war ihm fremd.

Rassismus, Kriegsstrategie und ökonomische Interessen verquickten sich im Völkermord, erklärt der Anwalt. »Die Militärs rissen das Land der Vertriebenen an sich.« Als die Familien nach Abschluss der Friedensverträge 1996 aus dem Exil zurückkehrten, sahen sie keine Chance, gegen den Landraub vorzugehen.

»Auch heute sind die eng mit ihrem Land verbundenen Maya von der Enteignung für Palmölplantagen, Goldminen und Staudammprojekte betroffen«, sagt Canil. Diejenigen, die sich wehren, müssen erneut damit rechnen, dass Militär in ihr Dorf einzieht. »Als ob die Bilder der Vergangenheit nicht präsent genug wären«, schließt er leise.

Nur fünf Meter von der ersten Zuschauerreihe entfernt – nicht einmal durch eine Absperrung getrennt – saß der Mann, der die Befehle zu den Gräueltaten gegeben haben soll. Efraín Ríos Montt: ein ordnungsliebender General, alkoholkranker Militärattaché und evangelikaler Prediger. 1982 kam er durch einen Putsch an die Macht, die er zuvor vergeblich ersehnt hatte. Er führte die menschenverachtende Militärstrategie seines Vorgängers fort – die Basis der Guerilla, die Maya-Gemeinschaften im Hochland, auszulöschen. Allen voran die Ixiles wurden kollektiv zu Staatsfeinden erklärt und sollten vernichtet werden.

Nun wurde Ríos Montt dafür der Prozess gemacht. Besorgt schien der 86-Jährige darüber nicht. Er zeichnete, malte, schrieb, wohl um nicht einzunicken. Wenn er aufschaute, lag ein selbstgefälliges Lächeln auf seinem Gesicht.

»Efraín Ríos Montt ist immer noch überzeugt davon, dass er sein Vaterland verteidigt hat«, mutmaßte Nieves Gómez, eine spanische Psychologin und Kriminologin. Hunderte von Überlebenden berichteten der Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation ECAP von den Massakern und Massenvergewaltigungen, die als Strategie des Genozids vor Gericht verhandelt wurden.
Ein Urteilsspruch wegen Verbrechen gegen die Menschheit sei unausweichlich, hatte die Gerichtsgutachterin geäußert. »Auch für den Tatbestand Völkermord ist die Beweislage mehr als ausreichend« sagte sie und hoffte nur, dass der Prozess auch zu Ende geführt wird. Alles andere wäre das Eingeständnis der in Guatemala vorherrschenden Korruption und der Straflosigkeit.
Eine Zuschauerin des Prozesses wurde von Kamerateams bestürmt. Auch sie in bestickter Bluse und gewebtem Rock. Im eigenen Land gilt sie vielen als »Verräterin«. Rigoberta Menchu erhielt 1992 den Friedensnobelpreis für ihre unermüdliche Arbeit, den Völkermord in Guatemala vor die internationale Öffentlichkeit zu tragen. Als »heilsam« für die guatemaltekische Gesellschaft bezeichnete die Angehörige der Maya-Quiché das Gerichtsverfahren. »Mein eigenes Leben war nach dem Genozid nie wieder dasselbe«, sagte Menchú, die Vater, Mutter und Bruder verlor. Es sei an der Zeit, Wahrheiten anzuerkennen, so unbequem und schmerzhaft sie auch sein mögen.

Einer, der das nicht tut, ist Guatemalas Staatspräsident Otto Pérez Molina. Er leugnet den Völkermord im eigenen Land. Die Friedensnobelpreisträgerin wundert das nicht. Ein Zeuge, einst als Heeresmechaniker im Hochland stationiert, erwähnte während des Verfahrens unerwartet den jungen Major Pérez Molina als Ausführenden von Massakern in der Ixil-Region.

»Ich an seiner Stelle würde das Präsidentenamt niederlegen, um mich gegen derart schwere Vorwürfe vor Gericht zu verteidigen«, sagt Rigoberta Menchú mild lächelnd. Sollte der Staatschef ihrem Ratschlag nicht nachkommen, dürften noch einige Jahre vergehen, bis auch Pérez Molina vor Gericht zitiert werden kann.
Am Freitag fiel das Urteil gegen Ríos Montt. Richterin Jazmin Barrios verfügte die sofortige Überstellung des Verurteilten in ein Gefängnis. Sein mitangeklagter Geheimdienstchef allerdings wurde freigesprochen. Aber die Richterin ordnete auch Ermittlungen gegen weitere mutmaßlich Verantwortliche der Massaker an. Während sich der Gerichtssaal leerte, schwang das Pendel der großen Standuhr weiter.

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