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Es gibt keinen deutschen Islam

Lale Akgün fordert die Gründung einer Organisation liberaler Muslime

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Am Wochenende fand in Berlin die zweite »Kritische Islamkonferenz« statt. Debattiert werden sollte über das, worin die »Deutsche Islamkonferenz« des Innenministeriums versagte: Integrationspolitik und die Macht der Islamverbände. Um die Emanzipation von Migranten und die Zurückweisung von Muslimfeindlichkeit ging es entgegen der Ankündigung nicht. Stattdessen zelebrierte man bekannte Feindbilder.

nd: Frau Akgün, es gibt den Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD und den Bundesarbeitskreis Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Wo bleiben die Muslime?
Akgün: Für so einen Arbeitskreis muss man schon so 50 bis 60 Leute zusammen bekommen. Ich habe es noch nicht versucht, man könnte darüber aber nachdenken.

Na ja, wenn schon keine sozialdemokratischen Muslime, wieso dann nicht die Interessenvertretung der liberalen, nicht-konservativen Muslime in Deutschland?
Weil der Islam im Grunde keine Organisation kennt. Ich stelle mal die These auf, dass es gerade in Deutschland mehr liberale Muslime gibt als traditionell-orthodoxe in den organisierten Verbänden. Die haben aber eine Scheu vor den bereits organisierten Muslimen in den Verbänden, die für sich die alleinige Deutungshoheit beanspruchen.

Die islamischen Organisationen, egal ob Zentralrat der Muslime, Islamrat oder Koordinierungsrat, repräsentieren höchstens etwa 20 Prozent der Muslime in Deutschland. Was aber tun, wenn die Mehrheit der liberaleren und eher säkular eingestellten Muslime sich nicht bemerkbar macht?
Sie haben Recht. Ich habe mal im Freundeskreis nachgefragt, und alle haben abgewinkt. Die meisten meinen immer noch ohne eigenen islamischen Verband auskommen zu können. Aber natürlich brauchen wir eine Organisation, sonst werden wir nicht wahrgenommen. Wir haben zum Beispiel eine kleine muslimische Gemeinde Rheinland, und dort treffen wir uns regelmäßig, aller drei Wochen, als liberale Muslime. Ein loser Verbund von Menschen, die miteinander beten und diskutieren.

Dann müssen die Bundesinnenminister also weiterhin die muslimischen Verbände nebst wenigen eher säkular eingestellten Muslimen zur Islamkonferenz einladen.
Aber schon die erste Runde unter Wolfgang Schäuble war eine Totgeburt. Wieso sollte man gerade mit Muslimen explizit über Integration sprechen? Oder Gesetzestreue? Das gilt doch für jeden! Das hat doch mit Religion nichts zu tun. Das erzeugte von Anfang an ein falsches Bild in der Bevölkerung, als würden sich Muslime nicht an Gesetze halten. Übrigens war auch die Mehrheit der Muslime in Deutschland entsetzt, dass ein paar obskure Verbände in ihrer aller Namen unterschreiben sollen, dass sie sich an die Gesetze halten.

Immerhin reden Staat und Muslime miteinander. Gibt es denn keinen Klärungsbedarf?
Doch es gibt wichtige Punkte: Wie entwickelt sich der Islam theologisch in Deutschland? Wie bekommen wir einen deutschen Islam? Und welche Rolle sollen die islamischen Verbände spielen?

Also müssen Sie froh sein, dass es jetzt islamisch-theologische Fakultäten in Deutschland gibt, damit Imame und Religionslehrer nicht mehr aus der Türkei kommen müssen.
Im Prinzip begrüße ich das. Aber ich sehe gleichzeitig, wie die Islamverbände bei der Ausbildung der Religionslehrer mitreden dürfen. Und ich sehe, wie der liberale Hochschullehrer Mouhanad Khorchide in Münster angegriffen wird, wenn er die orthodoxe Linie verlässt. Nur weil er sagt, dass die Gesetzestexte des Koran zeitgebundene Texte sind und in einem modernen Rechtsstaat eine zeitgemäße Interpretation einfordert. Wer den islamischen Verbänden auf die Füße tritt, wird mundtot gemacht. Religionslehrer sollten aber nicht zu einem Kadavergehorsam erziehen, sondern dazu, sich kritisch mit den Gottesbildern auseinanderzusetzen.

Wollen die Eltern denn überhaupt noch die alten überkommenen Glaubensvorstellungen?
Multiplikatoren, also Lehrer, Sozialarbeiter, Kita-Mitarbeiter, Ärzte erzählen mir, dass jetzt eine konservative Strömung da ist, die es so vor etwa 20 Jahren unter Muslimen in Deutschland noch nicht gab. Sie befürchten, dass die Gesellschaft auseinanderbricht, dass eine Gruppe heranwächst, die sagt, mit Ungläubigen wollen wir nichts zu tun haben.

Mit wem soll die Politik also jetzt ins Gespräch treten?
Auf jeden Fall muss man wissen, mit wem man da redet. Alle muslimischen Verbände in Deutschland werden aus dem Ausland finanziert. Alle, ausnahmslos! Das heißt, wir haben gar keinen deutschen Islam.

Wollen wir es so haben, dass der Islam in Deutschland von außen geregelt und kontrolliert wird? Dagegen müssen wir das zarte Pflänzchen eines liberalen Islam etablieren.

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