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Streit um ein Kreuz aus Holz

NSU-Prozess

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Bei »bild-online« wurde der Kommentar-Modus unter diesem Artikel deaktiviert. Es war eine weise Entscheidung, die Kritik des türkischen Parlamentariers Mahmut Tanal von der Republikanischen Volkspartei »CHP« am Holzkreuz, das über dem Eingang von Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts hängt, für sich stehen zu lassen und die Internetmeute auszusperren. Im Saal A 101 wird morgen der Prozess gegen Beate Zschäpe und andere Angeklagte des sogenannten NSU fortgesetzt. Das Kreuz stört den Politiker, der zu einer türkischen Beobachtergruppe beim NSU-Verfahren gehört. Tanal weist zur Begründung auf die religiöse Neutralität des Staates hin und darauf, dass das schlichte Kreuz eine »Bedrohung für Nichtchristen ist«.

Von CSU-Politikern wurde das Ansinnen Tanals sogleich heftigst zurückgewiesen und auf die Selbstverständlichkeit gepocht, mit der ein Kreuz in einem Gerichtssaal zu hängen habe. Doch so selbstverständlich ist das beileibe nicht. In vielen Gerichtsräumen wurde das Kreuz in den letzten Jahren entfernt und auch das Bundesverfassungsgericht hat bereits vor 40 Jahren in einem Urteil betont, dass das christliche Symbol das Grundrecht eines Prozessbeteiligten verletzen könne und daher auf Antrag von Prozessbeteiligten zu entfernen sei.

Nun ist Mahmut Tanal kein Prozessbeteiligter und von den Nebenklägern wie den Angeklagten im NSU-Prozess sind bislang keine Beschwerden gegen das schlichte Holzkreuz geäußert worden. Dennoch ist der Furor heftig, der derzeit durch diverse Internetforen tobt. Es ist dabei weniger eine vom christlichen Glauben geleitete Gemeinde, die sich da zu Wehr setzt - Gläubige brauchen für ihren Glauben kein Symbol in einem öffentlichen Gebäude -, sondern eine sich um ihre Identität betrogen fühlende Koalition aus Islamhassern, christlichen Fundamentalisten und Verschwörungsfetischisten.

Die Symbole des christlichen Glaubens dienen in diesem Kulturkampf lediglich als Metaphern - so wie die D-Mark den Gegnern des Euro auch nur ein Sinnbild für eine sich rasant verändernde Welt ist, deren Tempo sie nicht mehr mitgehen können oder wollen. Der hasserfüllte Reflex in zahlreichen Internetforen auf die Forderung eines türkischen Parlamentariers zeigt, wie tief der kulturelle Graben mittlerweile in dieser Gesellschaft geworden ist. Auf der einen Seite eine vornehmlich junge Generation, europäisch orientiert, mehrsprachig, computertechnisch versiert, vielfach mit einem sogenannten Migrationshintergrund, die religiöse Symbole eher kulturell interpretiert und sich daraus ihren eigenen Patchworkglauben gebastelt hat. Auf der andere Seite jene, die sich allein von der Existenz Kopftuch tragender junger Frauen, beschnittener Juden und Muslime sowie Moscheebauten bedroht fühlen.

Dass dieser Konflikt anhand eines Kreuzes in einem Gerichtssaal entflammt, in dem derzeit die juristische Aufarbeitung einer rassistischen Mordserie gegen Migranten verhandelt wird, hat seinerseits große Symbolkraft. Der geistige Urgrund der Angeklagten wurzelt in jener aus der Angst vor Kopftüchern und Minaretten gespeisten Intoleranz.

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