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Sie sagen, wer sie sind

»Living in translation« der Jugendtheatergruppe Tortuga in Neukölln

Immer als Gruppe sind sie präsent auf der Bühne im Studio des Heimathafens Neukölln. Aus weißen Buchstaben zusammengesetzte Worte prägen die Wände. Tritt einer einzeln auf, setzt er sich auf einen Stuhl und schaltet eine kleine Stehlampe ein oder tritt ans Mikrofon. Letztlich treten alle mehrfach ans Mikrofon, um ihre Erfahrungen zu schildern, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen, ihre Meinung zu sagen. Die Theatergruppe Tortuga der staatlichen Europaschule »Alfred Nobel« am Neuköllner Britzer Damm zeigt im Heimathafen zum zweiten Mal eine eigene Produktion: »Living in translation - Wer wir sind«.

Professionell mit Licht- und Musikeinsätzen inszeniert und gut einstudiert ist diese Produktion, die nicht nur zur Premiere zu Beifallsstürmen führte. Theater und darstellendes Spiel gehören zum Schulprofil mit Arbeitsgemeinschaften im Ganztagsbereich und Projekten im Deutschunterricht. Betreut von den Theaterpädagogen Maike Plath, Anna Maria Weber und Silva Friebe erhalten die Schüler Schauspielunterricht.

Das Spiel der Jugendlichen, von denen die meisten in diesem Jahr die Schule verlassen, ist selbstbewusst und eigenwillig. Es geht um Erfahrungen und Erlebnisse im Zusammenhang mit Vorurteilen und Klischees über Ausländer, um erlebten Rassismus. Nur eine Deutschstämmige ist unter den elf Darstellern. Sie all sprechen von ihrem Heimatgefühl für Berlin, das sie zu verteidigen bereit sind - und von neuen Todsünden, die sich in der Stadt breit gemacht haben. Dazu gehören Gleichgültigkeit, Habgier und Intoleranz.

Auch wenn die Themen zu einer Art Aufzählung geraten, bündeln sie sich zum Anliegen des Stücks, das den gesetzlichen verankerten Menschenrechten und dem Umgang, vielmehr dem Umspringen mit ihnen gilt. Locker lässig wird dann als Resümee getanzt oder im Chor gelacht, wie das beispielsweise nach den verlesenen Rechten der Frau geschieht.

Gewaltpotenzial und der Umgang damit spielen eine zentrale Rolle in dem einstündigen Stück und damit auch die Kraft, durch Verständnis und Freundschaft einen Gegenpol zu schaffen. Immer wieder spielen Beispiele aus dem Leben der Jugendlichen eine Rolle. Auch eine kleine Liebes- und Rächer-der-Armen-Geschichte sind darin verankert.

Besondere Anerkennung verdienen die Theaterpädagogen für ihre Arbeit. Auf der Website der Schule lässt sich lesen, was das dem Heimathafen-Erfolgsstück »ArabQueen« zugrunde liegende Buch der türkischstämmigen Journalistin Güner Balci bei den Jugendlichen auslöste. Für viele war es das erste Buch, das sie je lasen. Es kam zu Streit. Begleitet vom Medienrummel um das Sarrazin-Buch gab es Beschimpfungen und heftigen Auseinandersetzungen, »geschmückt« mit Vorurteilen, die in der Schule zu einer umfangreichen Sammlung von »Schimpf-Schildern« verarbeitet wurden.

16., 17.5., 19 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin, Eintritt 5 Euro, Tel.: (030) 56 82 13 33, www.heimathafen-neukoelln.de

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