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Fußballdeutsche und Vereinsquerelen

Im Ballhaus Naunynstraße lässt Neco Çelik seine »Liga der Verdammten« auftrumpfen

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Einlass in den Saal des Ballhauses Naunynstraße geschieht diesmal über die Bühne. Dort stürmen vehement die neun Akteure unter den Publikumsstrom, bedrängen die Zuschauer, brüllen sie an mit Schlagsätzen, die später im Stück wiederkehren werden: Ihr wart immer gegen uns, Ich war's nicht, Ihr kennt mich, Ich krieg' das hin, Konzentriert euch, Ich hab's satt. Was sich dann 90 Minuten lang in der Uraufführung von »Liga der Verdammten« abspielt, geht über ein Vereinsdebakel im Fußball mit realem Hintergrund weit hinaus.

Autor Imran Ayata und Regisseur Neco Çelik, dezidierte Fußballfans beide, haben sich dazu ausgiebig mit der Geschichte des Kreuzberger Klubs Türkiyemspor befasst. Gegründet wurde er 1978 von türkischen Arbeitern, bekam 1987 seinen heutigen Namen und erlebte große Zeiten im Kampf vom Hobbyverein um den Einzug in die Profiliga. Damit stand er lange Zeit als Paradebeispiel für gelungenes Migrantentum, wurde deutschlandweit kopiert und zog bei seinen Spielen Tausende von Zuschauern an. Als er aus der Klasse fiel, sank das öffentliche Interesse, bis der Klub Insolvenz anmelden musste. Dabei engagiert sich Türkiyemspor für Minderheiten, gegen Gewalt an Frauen, kooperiert mit den Respect Gaymes und unterhält, neben Mannschaften für Senioren, Jugendliche und Kinder, auch ein Mädchenteam. Von Neonazis wurden die Spieler von Türkiyemspor immer wieder beschimpft, wenn sie gegen deutsche Mannschaften antraten. Von einer inzwischen verbotenen rechtsextremen Band stammt gar ein wüster Schmähsong auf den Verein.

Bei einem Regisseur vom Schlage Neco Çeliks ist dieses Thema, trotz der Basisinterviews mit Klub-Vertretern verschiedener Generationen, freilich ein Fund, um Migration in weit größerer Dimension zu verhandeln. Dazu schickt er Typen in die Arena, wie sie nicht bloß in türkischen Vereinen auftauchen dürften: das fußballerische Jungtalent und seinen psychogestörten Vater; den durch permanente Ausschreitungen gebeutelten Schiedsrichter und den zum unsensiblen Vereinspräsidenten avancierten Mäzen, der für seine Wäscherei nur einen neuen Kundenkreis akquirieren möchte; die Mutter einer Spielerin aus der Mädchenmannschaft; den zum Deutschen erblondeten Aufsichtsratsvorsitzenden mit rigiden Methoden. Alle wollen sie den Vereinsniedergang und das Aus für ein Prestigeobjekt stoppen, nur unterscheiden sich die vorgeschlagenen Wege.

Çelik lässt in hektischer Überspannung agieren, setzt die Darsteller dauerhaft in teils spastisches Zittern, die Hand volksverbunden am Genital, als erwarteten sie jeden Augenblick den entmannenden Schuss. Man gängelt, schubst, würgt einander, wird vom Pfiff des Schiedsrichters getrieben, der sich bitter beklagt und lieber in Brasilien pfeifen würde: Dort gehöre er hin und nicht zum »Freundschaftsspiel« einer türkischen Mannschaft aus Kreuzberg in Hohenschönhausen mit seiner Ausländerfeindlichkeit.

Das Wort multikulti quält sich manchem aus dem Mund, seit das Vorhaben offiziell für gescheitert erklärt wurde. Symbolisch steht dafür der nach hinten hochgezogene Fußboden, den jeder immer wieder zu erklimmen versucht und daran abrutscht. Nur dem Jungtalent gelingt es, das Hindernis zu überwinden, als es sich aus der titelgebenden, auf einem Zitat von Feridun Zaimoglu fußenden »Liga der Verdammten« noch oben spielen will.

Berühmt war er geworden, ein Star in Kreuzberg, geriet aber zwischen das Nutzendenken des Vaters und den Untergangsstrudel des Vereins. Zudem stehen Vorbehalte gegen den Anderen bei Deutschen wie Türken im Weg. Çelik fährt dafür ein Überarsenal von ineinander verschachtelten, parallel laufenden Bildern und kurzen Szenen sowie einige Argumente auf, denen man Mühe hat zu folgen. Dem Tempo des Spiels, der Dichte, dem unbedingten Engagement aller Akteure mit vielen Monologen sowie den immer wieder hineininszenierten Passagen funkelnder Ironie kann man sich dennoch kaum entziehen, selbst wenn die Textverständlichkeit der Sprechgeschwindigkeit und der prallen Aktion bisweilen geopfert wird. Dass türkische und deutsche Schauspieler, Amateure wie Profis, das Stück tragen, erhebt es zusätzlich ins Allgemeinere, über den Kreuzberger Kiez und den Inspirationsquell Türkiyemspor hinaus. Paul Wollin als Schiri und, hervorgegangen aus der überaus verdienstvoll am Ballhaus initiierten akademie der autodidakten, Hasan Tasgin als Jungtalent im Fußball wie auch im Schauspiel seien hier stellvertretend genannt.

Weiter: 17. bis 19., 23. u. 24.5., Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg, Karten: (030) 75 45 37 25, www.ballhausnaunynstrasse.de

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