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Durch Hamburg rollen Brennelemente

Umweltinitiativen kritisieren hochgefährlichen Atomtransport über die Straßen der Hansestadt

Beim Großbrand auf einem auch mit radioaktiven Stoffen beladenen Containerschiff Anfang Mai im Hamburger Hafen konnte die Katastrophe knapp vermieden werden. Der nun anstehende Straßentransport geht vermutlich nach Brokdorf.

»In den nächsten Tagen sollen zwei Lkw mit plutoniumhaltigen Mischoxid (Mox)-Brennelementen aus Belgien mitten durch Hamburg zum Atomkraftwerk Brokdorf transportiert werden«, sagte gestern Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation »ausgestrahlt«. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es - wie üblich - zwar nicht. Nach nd-Informationen hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den Transport aber genehmigt, die Genehmigungsfrist gilt demnach bis zum 24. Mai.

Die Brennelemente wurden im belgischen Dessel gefertigt. Die Stadt ist Sitz einer Produktionsanlage für Kernbrennstoffe der Franco Belge de Fabrication de Combustible (FBFC) einer Tochtergesellschaft des französischen Atomkonzerns Areva.

In Brokdorf könnten die Brennstäbe bei der für den Frühsommer angekündigten Jahresrevision in den Reaktor eingesetzt werden. Sie enthielten rund 200 Kilogramm Plutonium und damit deutlich mehr als die noch ausstehenden 26 Castortransporte, so Stay. Mit dem Material, das schon in allerkleinsten Dosen tödlich sei, ließen sich etwa 25 Atombomben vom Nagasaki-Typ bauen. Würde bei einem Unfall ein Mox-Behälter undicht und das Plutonium durch Brandeinwirkung über eine größere Fläche verteilt, hätte dies in der dicht besiedelten Millionenstadt Hamburg »fatale Folgen«. Eine rechtzeitige Evakuierung sei kaum möglich. Konkrete Katastrophenschutzpläne für einen Unfall mit einem Mox-Transport gebe es nicht. Mox-Brennelemente seien nicht nur bei Verkehrsunfällen ein unverantwortbares Risiko, erklärte Tobias Darge vom Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen. Welche besonderen Gefahren sie im Reaktor bergen »wurde der Weltöffentlichkeit durch die Ereignisse im Reaktorblock 3 von Fukushima besonders deutlich.« Atommüll aus Mox strahle etwa doppelt so stark wie der aus herkömmlichen Uran-Brennelementen.

Der Mox-Transport müsse deshalb abgesagt werden, verlangen Bürgerinitiativen. Dies sei möglich, wenn sich die Innenminister der betroffenen Bundesländer - Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und wohl auch Bremen - nicht in der Lage sähen, kurzfristig genügend Kräfte zur Sicherung bereitzustellen. »Dann muss das Bundesamt für Strahlenschutz die Transportgenehmigung zurückziehen«, sagte Stay. 2012 hatten zwei Mox-Transporte von der britischen Atomschmiede Sellafield zum AKW Grohnde für einiges Aufsehen gesorgt und Proteste von Atomkraftgegnern ausgelöst.

Der Containerfrachter »Atlantic Cartier« war am Abend des 1. Mai im Hamburger Hafen in Brand geraten. An Bord waren der Frachtliste zufolge neben 70 Autos auch 180 Tonnen leicht entzündliches Ethanol, 33 Container mit Munition und 20 Tonnen radioaktives Material. Bei neun Tonnen davon handelte es sich um Uranhexafluorid. In dieses Gas wird Uran 238 vor der Anreicherung zu Uran 235 umgewandelt. Uranhexafluriod ist radioaktiv und giftig. Bei Kontakt mit Wasser kann sich Flusssäure bilden, die noch ätzender als Salzsäure ist. Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz vermutet, dass die Substanz für die Urananreicherungsanlage Gronau oder die Brennelementefabrik Lingen bestimmt war.

Über 200 Feuerwehrleute waren im Einsatz, um den Brand zu bekämpfen und die Container an Land zu ziehen. Es dauerte fast 16 Stunden, bis das Feuer vollständig gelöscht war. Nur 500 Meter entfernt hatten sich zeitgleich tausende Menschen zur Eröffnung des Kirchentags versammelt. Öffentlich bekannt wurde der Unfall erst viel später durch die Antwort des Senats auf eine Anfrage der Grünenfraktion in der Hamburger Bürgerschaft. Die »Atlantic Cartier« liegt noch im Hamburger Hafen.

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