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Linke Politik im Schutz der Mauer

Vor 25 Jahren besetzten Umweltschützer und Autonome das Kubat-Dreieck

In Berlin wird zurzeit über den Ausbau der Autobahn A 100 gestritten. Schon in den 80er Jahren regte sich in West-Berlin heftiger Protest gegen die Verkehrspolitik des Senats. Einen Widerstand der ganz besonderen Art erlebte Berlin 1988 während der Besetzung des Norbert-Kubat-Dreiecks am Potsdamer Platz.

Ende der 1980er Jahre wollte West-Berlin am Potsdamer Platz eine Autobahn-Tangente bauen. Das vier Hektar große Lenné-Dreieck gehörte zum Territorium der DDR, befand sich aber zur Begradigung des Mauerverlaufs auf der Westseite und war Anfang der 60er Jahre eingezäunt worden. Dadurch war ein einzigartiges Naturbiotop entstanden, das Umweltschützer Ende Mai 1988 besetzten und darauf ein Hüttendorf errichteten. Die West-Berliner Polizei konnte das Territorium nicht räumen, da es Hoheitsgebiet der DDR war. Am 1. Juli sollte das Dreieck jedoch als Filetstück zum Autobahnbau im Zuge eines umfangreichen Gebietstauschs von der DDR an West-Berlin abgetreten werden.

In der »Freien Republik Kubat« siedelten neben Öko-Aktivisten auch zahlreiche Autonome und Punks. Der Tag der Besetzung, der 26. Mai 1988, war der erste Todestag von Norbert Kubat, der nach den Krawallen am 1. Mai 1987 in Berlin-Kreuzberg von der Polizei festgenommen worden war und sich in der Untersuchungshaft erhängt hatte. Von dem Besetzerexperiment Kubat-Dreieck aus sendete der Piratenfunk Radio Sansibar, nachts wurde in den Sommerhimmel hineingetrommelt, und in der Volxküche verdrückten Punks und Ökos Käsestullen und Schokokuchen.

Während die DDR-Grenztruppen das bunte Treiben interessiert beobachteten, belagerte West-Berlins Polizei die linken Besetzer wie die römischen Legionen das gallische Dorf. Über den »Ho-Chi-Minh-Pfad«, wie die Besetzer den Fußweg durch das Dickicht nannten, schlichen Besucher und Besetzer auch aus Westdeutschland und aus dem Ausland an der Polizei vorbei aufs Gelände. Einige Male wurden Linke dabei von Unbekannten nachts krankenhausreif geprügelt. Als ein Besetzer mit einer Spielzeugpistole aus Holz auf das Dach eines Streifenwagens klopfte, hieß es in der Presse, die Autonomen gingen mit Schusswaffen gegen Polizisten vor. Gerade ein halbes Jahr zuvor waren an der Startbahn-West in Frankfurt am Main während eines Protestes Polizisten erschossen worden.

Schließlich begann West-Berlins Polizei das Gelände regelmäßig mit Tränengas zu beschießen, an einem Tag sogar mit mehr als tausend Kartuschen, so dass die Schwaden bis zum drei Kilometer entfernten Kreuzberger Südstern zogen. Sogar die DDR intervenierte gegen den indirekten Beschuss ihrer Grenztruppen. »Unmenschlichen Polizeiterror« nannte das seinerzeit das »nd«. Nachts spielte die West-Berliner Polizei über Lautsprecher »We Are the Champions« ab, um die Besetzer vom Schlafen abzuhalten.

1988 war auch das Jahr, in dem die von CDU-Innensenator Wilhelm Kewenig ins Leben gerufene und als Prügeltruppe verschriene Einsatzhundertschaft EbLT (Einheit für besondere Lagen und einsatzbezogenes Training) ihr Unwesen trieb. Auch die Gegenseite war nicht zimperlich, die Autonomen warfen Pflastersteine, Molotowcocktails und verschossen Stahlkugeln mit Zwillen.

Am Morgen des 1. Juli rückte die Polizei schließlich mit 900 Mann, Wasserwerfern und schwerem Räumgerät gegen das Kubat-Dreieck vor. 182 Personen kletterten auf den »antifaschistischen Schutzwall«, und so kam es zu einer spektakulären Massenflucht in die DDR. Auf der Ostseite wurden die Besetzer bereits erwartet. »An der fremdwärtigen Seite des vorderen Sperrelements wird 1 LKW ab 30.6.1988 Uhr stationiert«, hieß es im Maßnahmeplan der Stasi, der auch »bei Notwendigkeit Speisen durch eine Versorgungsgruppe des Grenzkommando Mitte« vorsah. Die Besetzer wurden in verschiedene Kantinen zum Frühstück gefahren, dann ging es zur Personalienfeststellung, und einige mussten angeblich mit Grenztruppen zusammen die Internationale absingen, was den antiautoritären Linksradikalen wenig schmeckte. Schließlich wurden sie einzeln über Grenzübergänge zurückgeschleust. Gerade einmal 13 Mauerspringer konnte die West-Berliner Polizei festnehmen.

Auch wenn der Sprung über die Mauer vorher mit DDR-Behörden abgesprochen gewesen sein soll, wie Besetzer später erzählten, wusste niemand, wie die sich schließlich verhalten würden. Am wahrscheinlichsten schien vielen eine Auslieferung an die West-Berliner Polizei. Ein Besetzer hatte im Vorfeld sogar bei der Staatssicherheit angerufen. Auskunft gab es aber erst einmal keine. Für die Verantwortlichen in der DDR war die Hilfe für die West-Protestierer willkommen, da sie von eigenen Problemen ablenkte. Während des ersten schweren Tränengasbeschusses des Kubat-Dreiecks am 19. Juni war zeitgleich die Staatsmacht in Ost-Berlin gegen Jugendliche vorgegangen, die in der Nähe des Brandenburger Tors einem Michael-Jackson-Konzert auf der anderen Mauerseite lauschen wollten. Während man im Osten unangemeldet für das Recht auf die Straße ging, ein Popkonzert zu hören, stemmte man sich im Westen gegen brachiale Polizeigewalt und betonorientierten Stadtumbau. Den Autobahnbau verhinderte schließlich der Mauerfall. Aber die linke Szene hatte nicht das erste Mal versucht, die Autobahnbausünden des Senats zu verhindern: Die Besetzungen in Kreuzberg Anfang der 80er hatten den großflächigen Abriss und den Bau eines Autobahnkreuzes auf dem Oranienplatz verhindert. Man darf gespannt sein, welches Protestpotenzial die A 100 noch freisetzt.

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