Kälte Nothilfe wird obdachlos

»Zerrüttetes Verhältnis« zwischen Wärmestube und GeSoBau

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Berliner Kälte Nothilfe ging erst vor einem guten Monat durch die Medien der Bundesrepublik. Die Rentnerin Rosemarie F. war dort nach ihrer Zwangsräumung bis zu ihrem Tod nur zwei Tage später untergekommen. Nun werden ihre Helfer selbst geräumt.

Diesen Donnerstag soll es endgültig soweit sein. »Wir hoffen, dass viele Unterstützer kommen und das verhindern«, sagt Zoltan Dominic Grasshoff, Gründer der Bürgerinitiative. Die Räumung will er nicht hinnehmen. »Es geht ums Prinzip«, so Grasshoff.

Schon im Frühjahr letzten Jahres war der Vertrag zwischen der Kälte Nothilfe und dem Vermieter, der GeSoBau AG, ausgelaufen. Das Ende des Mietverhältnisses kam für die Betreiber trotzdem überraschend. Seit Grasshoff im Winter 2010 von der GeSoBau eine Wohnung für die Einrichtung einer Wärmestube erhalten hatte, wurde der Vertrag immer wieder verlängert, erst um sechs Wochen, dann drei Monate, danach ein Jahr. Die Zahl der Unterstützer wuchs, auch Künstlerin Nina Hagen gehört dazu. Von der Nichtverlängerung erfuhr Grasshoff erst über einen Interessenten, der die Wohnung auf einem Portal gefunden hatte und mieten wollte.

Mehrere hundert Menschen habe die Wärmestube beherbergt, über tausend auf der Straße mit Essen und Kleidung versorgt - aus dem Nichts heraus, »ohne Spenden und Aktenordner«, allein durch die Kraft eines privaten Netzwerks, das sich hauptsächlich über Facebook organisiert. Den Richtungswechsel bei der GeSoBau findet der Nothilfegründer unerklärlich, vor allem, da bereits Verhandlungen über die Anmietung weiterer Objekte geführt worden seien. Einigungsgespräche mit der Wohnungsgesellschaft blieben erfolglos, was Grasshoff auch darauf zurückführt, dass die bisherige Sachbearbeiterin ausfiel. »Wir haben ja gar keinen Ansprechpartner mehr«, beschwert er sich.

Die GeSoBau hat dem Fall Kälte Nothilfe mittlerweile einen eigenen Unterpunkt auf ihrer Webseite gewidmet. Dort nachzulesen sind die Etappen, in denen sich die Wärmestube von einem unterstützten Projekt zum Störenfried entwickelte. Heute sei die »Kooperation zerrüttet«. In den Augen der GeSoBau halten die derzeit sechs Obdachlosen, darunter ein sechsjähriger Junge, und die Kältehelfer die Wohnung besetzt. Die Zusammenarbeit sei nur zeitlich begrenzt vorgesehen gewesen. Es sei zu Lärmbelästigungen und Mietrückständen gekommen. Man habe sogar angeboten, den Betreuten eine eigene Wohnung zu vermitteln. Den Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD), hat die Wohnungsbaugesellschaft hinter sich. Die Initiative sei nicht anerkannt, das Verhalten ihres Gründers obskur, so Hanke.

Grasshoff bestreitet, dass GeSoBau ernsthaft Alternativen angeboten habe. Er fordert ein Gebäude, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Mit über 100 000 Wohnungen habe die größte Wohnungsbaugesellschaft schließlich genug Platz. Entmutigen lässt er sich nicht. »Wir investieren nichts außer unserer Zeit, wir können also auch nicht pleite gehen«, meint er. Sollte die Zwangsräumung erfolgreich sein, will er Protestcamps einrichten. »Wenn sie uns auf die Straße setzen, dann kämpfen wir eben von da.«

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