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Das anständige Deutschland

Der Briefwechsel zwischen Günter Grass und Willy Brandt

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Es beginnt mit einem verwarnenden Gong. Nein, für ein »Gag-Festival« sei er nicht zu haben, lässt Günter Grass vergnatzt über solch banales Ansinnen Willy Brandt am 5. März 1964 wissen. Drei Jahre zuvor hatte Brandt dreißig Schriftsteller nach Bonn geladen, um sie für seinen Wahlkampf zu gewinnen. Der Autor der »Blechtrommel« fehlte auf der Liste. Das mag ihn gekränkt haben. Unglücklicher Auftakt einer letztlich geistig fruchtbaren Liaison und schließlich innigen Freundschaft über drei Dezennien. Die briefliche Absage an Brandts Büro eröffnet den dieser Tage erschienenen, unikaten Briefwechsel zweier großer Gestalten deutscher Geschichte.

Ab 1968 duzen sich der Literat und der SPD-Vorsitzende bereits herzlich. Am 31. Januar des Jahres schreibt Grass an Brandt: »Ich sehe in Dir zur Zeit den einzigen sozialdemokratischen Politiker, der die SPD aus der (nicht wirtschaftlichen) Talsohle führen kann. Dem steht nur Deine begreifliche, doch von mir her gesehen gefährlich ausschließliche Freude an der Außenpolitik im Wege. Du bist aber Parteivorsitzender und solltest es bleiben.« Sodann empfiehlt sich der Absender: »Mein Angebot ..., neben und mit Dir direkt für die SPD zu arbeiten (und nicht nur die schon lästigen Mahnbriefe zu schreiben), war ernst gemeint.« Gut, dass Brandt darauf nicht einging und Grass lieber als kritischen Wegbegleiter denn Kabinettsmitglied sah. Das dürfte auch für den Schriftsteller besser gewesen sein, selbst wenn er das damals anders sah. Zum Wohl für Europa wie der Welt war ebenso, dass entgegen dem gut gemeinten Rat, Brandt in seinen außenpolitischen Anstrengungen nicht nach ließ, weder hinsichtlich der Entkrampfung der Beziehungen zur DDR noch im Nord-Süd-Dialog.

Der Briefwechsel macht deutlich, dass im Gegensatz zum gewöhnlichen Politikertyp Brandt ein vitales Interesse an kritischer Dreinrede hatte. Auffallend ist aber auch, dass seine Briefe lakonischer ausfallen, der Schriftsteller ausführlicher und wesentlich mehr Briefe verfasste, 1968 bis 1973 gar das Fünffache. Diese Ungleichgewichtung sieht Herausgeber Martin Kölbel in Brandts Zeitknappheit und Bevorzugung von Telefon- oder Vier-Augen-Gesprächen. Für den Politiker sei der Meinungsaustausch nur ein Moment seiner politischen Arbeit gewesen, für Grass indes das Herzstück seiner sozialdemokratischen Politisierung. Kölbel kommentiert: »Grass’ Briefe leben von einer hohen Moralität. Sie entspringt dem Anspruch, Politik nicht bloß wählen oder erdulden, sondern aktiv mitgestalten zu wollen.«

Und mehr noch: Der Schriftsteller mit der (erst 2006 offenbarten) SS-Vergangenheit gesteht dem antifaschistischen Emigranten, noch bevor man sich duzt: »... unumwunden bewundere ich Sie nahezu als Vater.« Klar, dass ihm der (nicht nur durch die Guillaume-Affäre erzwungene) Rücktritt Brandts schmerzt. Am 17. Mai 1974 schreibt er: »Vielleicht ist Dir nicht so recht bewusst, dass alle Verletzungen, die Dir während der letzten Wochen zugefügt worden sind, von einer Vielzahl von Menschen wie Verletzungen der eigenen Existenz empfunden wurden.« Und zwar, »weil Deine Art, Politik human zu betreiben und Toleranz als ihre Voraussetzungen zu werten, im Verlauf der letzten Jahre (besonders bei der jungen Generation) Allgemeingut geworden sind. Ich bitte Dich und Rut herzlich, dieser (parteigebundenen) Solidarität gewiß zu sein; schließlich gibt es dieses ›anständige Deutschland‹, von dem Du gesprochen hast - Du hast es mitgeschaffen.« Der aufmerksame Leser wird herausfinden, dass Grass ein Stück dieses Verdienstes für sich reklamiert. Zu recht. Und dies nicht nur, weil die vielzitierte Losung »Mehr Demokratie wagen« von Grass stammt, was nach Kölbel nun erwiesen ist.

Für den ostdeutschen Leser, der mit Neugier und Gewinn »Ein weites Feld« gelesen hat und den Verriss eines überschätzten Literaturkritikers nicht teilte, dürfte der Grass-Brief vom 9. Juni 1990 aus der Noch-DDR besonders interessant sein: »Gleich hinter der Kinderklinik von Altdöbern bricht die Erdkruste ab, um sich in gut vierzig Metern Tiefe zu einer neuen, womöglich dem Mond abgeguckten Landschaft zu weiten ... Braunkohle-Tagebau, wie allerorts hier in der Lausitz. Frau Schreck, meine Wirtin, eine alte Schlesierin, meint: Die müssen bald dicht machen … Die Sägerei hat schon lange zugemacht, die Schnapsabfüllung kürzlich ... Als ich heute Vormittag am Grubenrand saß und dort zeichnete, wollte mir diese zu unterst liegende Wüstenei zum Bild der DDR werden, nicht allein der vergangenen, die durch Misswirtschaft ruiniert wurde, nein, der zukünftigen, durch Federstrich demnächst angeschlossenen auch; denn dieser nichtswürdige Staatsvertrag wirft jetzt schon seine Schatten und wird, sobald er in Kraft tritt, die bislang erfahrene Barbarei nicht nur verlängern, sondern auch bereichern; mit westlichem Beigeschmack, mit der Kehrseite der Marktwirtschaft, mit zu später Einsicht: Das haben wir nicht gewollt. Wer hat das denn gewollt? Nur Kohl mit seinen ungedeckten Versprechungen? Haben nicht andere auch der Eile das Wort geredet?«

Kurzum: Dieser Briefband ist wahrlich eine reichliche Fundgrube - für kritische Dreinrede und Debatte auch heute.

Martin Kolbel (Hg.): Willy Brandt und Günter Grass. Der Briefwechsel. Steidl Verlag, Göttingen. 1230 S., geb., 49,80 €.

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