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Schwedische Brennpunkte

Nächtliche Ausschreitungen in sozialen Problemvororten Stockholms

  • Von André Anwar, Stockholm
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Krawalle in Vororten der schwedischen Hauptstadt Stockholm gingen auch in der Nacht zum Donnerstag weiter. Mehrfach seien Polizeikräfte mit Steinen beworfen worden, erklärte ein Polizeisprecher.

Das malerische Stockholm hat eine Kehrseite. Während die einheimischen Schweden fast ausschließlich in der wohlhabenden Innenstadt und einigen beschaulichen Vororten wohnen, kommen Einwohner mit südländischem Hintergrund gewöhnlich nur zur Arbeit in die Stadt. Nach Dienstschluss verschwinden sie wieder in ihre deprimierenden, abseits liegenden Betonvororte. Normalerweise ist es dort sehr ruhig.

Doch seit inzwischen schon vier Nächten brennen dort Autos und Schulen. Öffentliche Plätze werden verwüstet. Die Polizei muss anrücken, um die Löscharbeiten der Feuerwehr zu beschützen. Erwachsene, Jugendliche, und sogar Kinder im Alter von zwölf Jahren stehen herum und werfen Steine auf Beamte und Feuerwehrleute. »Es läuft so ab: Die zünden irgendwo was an. Die Feuerwehr kommt zum Löschen. Die Polizei muss dann die Feuerwehr schützen. Dann fliegen die Steine und der ganze Zirkus zieht weiter«, so Polizeisprecherin Diana Sundin.

Begonnen hatte der Aufruhr in der Nacht zum Montag im Vorort Husby. Die Polizei schritt in Kampfanzügen ein. Zwischen 50 und 100 Krawallmacher zählte die Polizei. In den folgenden Nächten weiteten sich die Ausschreitungen auf weitere Vororte Stockholms aus. 30 Autobrände und zahlreiche brennende Mülltonnen meldete die Polizei allein am Mittwoch. Zudem wurde ausgerechnet im als Vorbild für Integration auserkorenen Stadtteil Skärholmen eine Schule angezündet. In Husby standen eine Vorschule und ein Kunst- und Handwerksvereinsgebäude in Flammen. Acht Personen wurden festgenommen.

Fahd Luyomba, Gründer eines Jugendzentrums in Husby, hält die Perspektivlosigkeit für den Hauptgrund. »Hier herrscht enorme Arbeitslosigkeit und keinerlei Zukunftshoffnung.« Dennoch gilt ein Polizeieinsatz in Husby vor einer Woche, bei dem ein 68-jähriger Mann mit Einwanderhintergrund von der Polizei erschossen wurde, als auslösender Faktor. Der Mann hatte sich in einer Wohnung verbarrikadiert. Die Polizei versuchte zunächst, ihn in Verhandlungen zum Aufgeben zu bewegen. Dann stürmten Beamte die Wohnung. Der Gesuchte lief in Angriffshaltung mit einer Machete auf sie zu. Einer der Polizisten drückte angeblich zu schnell ab und tötete den Mann.

Die Stockholmer Vororte gelten im Gegensatz zu denen in London oder Paris nicht als besonders gefährlich. Augenzeugen äußerten sich kritisch über das Vorgehen der Polizei. Die Beamten hätten die Krawallmacher noch mit rassistischen Aussprüchen wie »Neger, Affen und Ratten« angestachelt.

Der rechtsliberale Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt kündigte einen verstärkte Konzentration auf Schule und Berufschancen an. Zunächst gelte es aber, durch erhöhte Polizeipräsenz in den Problemvierteln Recht und Ordnung wiederherzustellen. Die sozialdemokratische Opposition kritisierte Reinfeldt. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten fordern weniger Einwanderung.

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