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Der leise Überlegene

Hermann Beyer 70

  • Von Christoph Funke
  • Lesedauer: 2 Min.

Im Fernsehen der letzten Jahre, in seinen Altersrollen, spielt Hermann Beyer die Väter, die Großväter, die Gütigen und Erfahrenen. Nichts Vertrotteltes haben diese in die Jahre Gekommenen an sich, mit ihnen ist zu rechnen, sie werden gebraucht, noch für lange. In Beyers zerfurchtem Antlitz - man kann darin lesen wie in einem Buch - liegen List und Härte nebeneinander, seine Alten »durchschauen«, was um sie herum vorgeht, wie sich Menschen verhalten. Es sind knorrige, seltsame, oft auch einsame Kerle, die sich da in den Wettstreit mit den Jüngeren begeben, auf ihre ganz eigene Art, noch immer auf der Suche nach Glück und Erfüllung.

Dieses Changieren zwischen Starrsinn, Anpassung und Besessenheit prägt das Profil der schauspielerischen Arbeit Hermann Beyers für Theater, Film und Fernsehen. In vielen Jahrzehnten hat er unter den herausragenden Regisseuren der großen Ostberliner Theaterzeit eine staunenswerte Vielfalt von Rollen gespielt. Und wenn es scheint, als sei er dabei oft im Hintergrund geblieben, offenbart das nur seine fast scheue Zurückhaltung, seine Abneigung gegen wohlfeilen Ruhm und Eitelkeit. Seine Figuren liegen ihm am Herzen, und Misserfolg macht ihm nichts aus, wenn er nur rückhaltlos ehrlich sein kann in der Gestaltung der Menschen, die ihm anvertraut sind. Im Sinne Brechts will er die Kunst der Beobachtung schärfen, vor schnellen Urteilen und Zuordnungen warnen. Das Eindeutige, anstrengungslos Durchschaubare mag er nicht.

Geboren am 30. Mai 1943 in Altenburg, erhielt Hermann Beyer seine Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Er spielte am Maxim-Gorki-Theater und am Hans-Otto-Theater Potsdam, an der Volksbühne, als Gast am Deutschen Theater und vor allem am Berliner Ensemble, er arbeitete mit den Regisseuren Jürgen Gosch, Karge/Langhoff, Benno Besson, Fritz Marquardt, Heiner Müller, Manfred Wekwerth, Peter Zadek. Besonders eng war Beyer Heiner Müller verbunden. In Stücken von Shakespeare und Brecht, von Büchner und Sternheim, von O’Casey und Beckett - und in so vielen anderen - hat Beyer gespielt, immer unverwechselbar, ob es die große Titelrolle war (Macbeth) oder eine nur scheinbar kleinere Aufgabe.

Hermann Beyer zuzusehen, bedeutet oft, das Geschehen um ihn herum, um die anderen Figuren und Geschehnisse zu vergessen. Der Schauspieler macht Menschen lebendig, die sich mit List, Spott, Zorn, auch mit Güte und Freundlichkeit in ihrem Dasein behaupten. Diese Zuversicht aber steckt in Beyer selbst. Er ist der leise, nie auftrumpfend Überlegene, dem der Schalk im Nacken sitzt, der seine Zuschauer an die Hand nimmt, um ihnen Mut zu machen. Dafür darf, dafür muss man ihm zum Siebzigsten danken.

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