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Grabt die Toten aus!

Dimiter Gotscheff inszenierte Heiner Müllers »Zement« in München

»Wir können die Geschichte nicht aufhalten/ wie einen Gaul da wo es uns gefällt.«
Heiner Müller, Zement

Von Zement vorerst keine Spur. Dennoch ist alles grau hier auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Es staubt geradezu in vorauseilend ungesunder Penetranz: Boden, Hintergrund, ja sogar die Menschen. Die Welt in Grau aber ist nicht ohne Farbe. Sie schlägt Bögen. Vom leichenhaft eingetrübten Weiß zum fast schon tödlichen Schwarz. So sieht Hoffnungslosigkeit aus. Aber es ist der Anfang von etwas Neuem, trotz alledem. Trotz alledem?

Zuerst die Frage: Sagt uns Gladkows Roman überhaupt noch was? Oder hat sich derartige frühe sowjetische Heldenprosa nun endgültig überlebt und gehört - wie etwa Nikolaj Ostrowskis »Wie der Stahl gehärtet wurde« - zum bloßen Bestand jener aus Agitationswut hervorgetriebenen Literatur, die uns im Lichte der historischen Erfahrung als pure Verlogenheit erscheint? Gladkow erstaunt von den ersten Zeilen an, verblüfft mit seinem spätexpressionistischen (mitunter etwas blumig ausmalenden) Ton. Das waren die Freiräume der 1920er. Sergej Tretjakow, der Theoretiker des kollektivistischen Industrieromans der frühen 1930er Jahre dagegen, sah bei Gladkow noch jene bürgerlichen »Individual-Idiotismen«, die es abzuschaffen gelte.

In diesem Anfang wütet bereits das Ende - als Vernichtungsfuror gegen alles Alte, auch jenes Humanum, ohne das der Mensch eine Bestie scheint. Darum ist dies hier für uns so interessant: als Röntgenaufnahme des Traums vom »Neuen Menschen«. Auch Träume können sterben. Mehr noch, sie können töten, zuerst jene, die diesen Traum zu unbedingt leben. Das vorherbestimmte Schicksal aller Jakobiner und Tschekisten. In dieses Grau also ist bereits alles gelegt: Fjodor Gladkows Roman »Zement«, der 1926 auf Deutsch herauskam und sofort großen Erfolg hatte, Heiner Müllers Adaption für die Bühne von 1973 und nun Dimiter Gotscheffs Münchner Inszenierung. Wer den Bühnenbildner Ezio Toffolutti kennt, den seit Jahrzehnten märchenhaft mit Farben spielenden italienischen Altmeister, ahnt die Überwindung, die ihn die monochrome Askese gekostet haben muss.

Gleb Tschumalow kehrt nach drei Jahren Bürgerkrieg 1921 in seinen Heimatort zurück, zu Frau, Kind und Fabrik. Aber die Heimat ist eine Wüste, sie kennt ihn nicht mehr. »Es gibt in der Republik keinen Weg, keinen Steg, der nicht durch Menschenblut gedüngt wäre: Ist hier der Tod nur auf der Straße vorübergegangen, an den Arbeiterhütten vorbei, oder ist seine Hütte im Feuer und Wirbel untergegangen?« Dies ist die Chronik einer inneren und äußeren Verwüstung. Seine Frau Dascha blickt ihn kalt an und sagt »Genosse« zu ihm, dann geht sie zu einer jener Ausschusssitzungen der Sowjetfrauen, die ihre Tage jetzt ausfüllen. Ihr gemeinsames Kind Njurka hat sie ins Kinderheim gegeben (wo es bald sterben wird). Familie war gestern, Liebe ebenso. Auch die Fabrik liegt darnieder: kein Zement, kein Aufbau, kein Sozialismus. Gleb Tschumalow weiß, er ist der »letzte Arbeiter« unter all denen, über die die Verwüstung hinweggegangen ist. Der Fortschritt trinkt seinen Nektar aus den Schädeln der Erschlagenen, wie Marx formulierte? Hier scheint er einen besonders tiefen Schluck zu nehmen. Mit Kleist (Paul Wolff-Plottegg), dem alten Ingenieur des Werks, beschließt er, die Produktion wieder in Gang zu bringen. Ohne Zement, so weiß er, entgleist die Sowjetordnung in pure Barbarei. Darin droht Lenins Wort von der Elektrifizierung des ganzen Landes, ohne die es keinen Kommunismus geben werde. All das sind Vorspiele zur NÖP, der Neuen Ökonomischen Politik der 1920er Jahre, die den »linken Radikalismus« des Kriegskommunismus zurücknahm und mit der Warenproduktion wieder ein ziviles Element in die Gesellschaft zu bringen versuchte. Das sollte Stalin als eine »rechte Abweichung« bezeichnen - er ließ Bucharin, den Kopf der NÖP-Reform per Schauprozess ermorden, ebenso wie den »linken« Agitator Tretjakow.

Nun also ist es Dimiter Gotscheff, wie kein zweiter Regisseur in diesem Land mit dem Werk Heiner Müllers vertraut, der dessen dramatische »Zement«-Adaption im Münchner Residenztheater auf die Bühne bringt. Das von Martin Kusejs geleitete Haus ist kein schlechter Ort für Müller; hier kam schon dessen in der DDR lange ungespielt gebliebener »Philoktet« (1965) zur Uraufführung. Und siehe, das Interesse an »Zement« ist verblüffend groß hier in München. Man giert nach Geschichte, nach großen Geschichten. Die hier ist eine. Denn Müller gab den inneren Verwerfungen des Sozialismus eine mythische Dimension, brachte Tschumalow in die Nähe von »Medeakommentar« oder »Sieben gegen Theben«. Das lässt dessen Geschichte als die eines modernen Prometheus erscheinen.

Da steht dieser Text nun in kühl und genau beobachtender Distanz, nimmt auf, was bei Aischylos, Shakespeare und Büchner über die alte Ordnung und den Aufstand gegen sie gesagt wurde. Was ist der Mensch? Zum Helden unbegabt, aber zu jeder Untat verführbar? Ja, aber dennoch auch ein mitleidendes Wesen, das immer dann, wenn das große Pathos der Weltgeschichte gerade Pause hat, im Verborgenen die größten Opfer bringt - jenseits aller Ideologie.

Die Regie von Gotscheff blickt in die Schatten dieser großen Geschichte. Ist es denn überhaupt ein Fortschritt, der hier unermessliche Opfer für eine ferne Zukunft wie selbstverständlich reklamiert - oder das Gegenteil davon: die Verhinderung jeglicher Zukunft? Das herauszufinden, ist für jeden sozialen Veränderungswillen heute von entscheidendem Interesse.

Als erstes tritt ein Chor auf, den es weder bei Gladkow noch bei Müller gibt. Graue Elendsgestalten, von denen man nicht weiß, ob sie nicht den Gräbern entstiegen sind. Ein Totentanz der Revolution? Auch das. Die Gestalten bleiben lange stumm, sie grimassieren nur, um dann leise ein einziges Wort hervorzustoßen: »Pomogite!« (Helft!) Was ist das? Wer bittet da wen um Erlösung von seinem Schicksal? Sollen sich die Elenden der Welt nicht gefälligst selbst helfen, sich organisieren und unter Führung fachkundiger Genossen zur Revolution schreiten? Man ist, sieht man das, erst einmal selber wie stumm, spürt, das wahre Elend bleibt unsichtbar für die Heroen auf weltgeschichtlicher Bühne.

Das bei Gladkow so beiläufig erledigte Kind Njurka (im roten Heim, wo die Aufsicht führenden Weiber immer fetter werden, aber die Kinder verhungern) ersteht bei Gotscheff wieder auf. Eine Rolle für Valery Tscheplanowa, als der Schatten der Revolution, die ihre Kinder nicht liebt und beschützt und damit bereits das Urteil über sich gesprochen hat. Valery Tscheplanowa gelangt zu einer unerhörten und bei ihr so noch nicht gesehen Intensität; sie kommt wie von weit her ganz dicht heran an uns. Es schmerzt. Unbeteiligt ihr Gesang wie der Ton jener Fremdtexte von Müller, die Gotscheff einfügt. Eine des eigenen Lebens Enteignete! Für sie war keine Zukunft, nur eine kurze traurige Gegenwart.

Dieser Regisseur benutzt Schauspieler nicht, er übergibt ihnen Raum, den sie selbst verantworten müssen. Bibiana Beglau als Dascha und Sebastian Blomberg als Gleb Tschumalow zuzuschauen, heißt, unmittelbar ins Chaos einer geschichtlichen Bewegung hineingerissen zu werden, deren Ende nicht abzusehen ist. Rettung verheißt hier niemand. Iwagin (Lukas Turtur) zu Polja (Genija Rykova), beide wegen »linken Radikalismus« zu Feinden erklärt: »Nachdem sich die Partei, unsre Partei / Von uns befreit hat wie von einem Aussatz / Von uns gereinigt wie von einem Dreck. / Was bleibt. Die Solidarität der Toten.«

Ein großer Abend, vom Publikum begeistert aufgenommen, auch wenn Gotscheffs ausschließlich negative Interpretation der NÖP wesentliche Perspektiven verschenkt (sie war immerhin ein zivilisierendes Instrument!). Doch die Dimension des Rückblicks auf die Epoche des Sozialismus ist mit Müller zu verteidigen. Dahinter sollte man nicht mehr zurückgehen müssen: »Was man braucht, ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.«

Weiter: 11. und 12. Juni, 19 Uhr

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