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Gitarren und Knarren

»Die wilde Zeit« von Oliver Assayas

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Der bewegte Mai 1968 liegt drei Jahre zurück, Paris nur ein paar Kilometer weit entfernt. Gilles (Clément Métayer) ist Gymnasiast, politisch bewegt - und ein Abbild seines Regisseurs: Olivier Assayas (»Carlos - Der Schakal«), Jahrgang 1955, verfilmt die eigene Jugend, die seiner Freunde und Weggefährten. Eine Jugend in Zeiten politischer Agitation und künstlerischer Selbstfindung.

Laure, Gilles’ Freundin, trägt Flatterkleider und Glasperlenketten, gewebte Hirtentaschen und ihre Haare lang wie die französische Jugend der Siebziger sie eben trug. Und zieht demnächst nach London, wo ihr Stiefvater die Lichtshow bei den Konzerten von Soft Machine machen wird. Gemeinsam entdecken sie neue Schriftsteller, gehen im Wald spazieren, haben Sex zu Klampfenmusik vom Plattenteller. Ihre Unterhaltungen sind Floskeln, ihre Liebe ist eine bedingte, ungewisse, jedenfalls auf ihrer Seite. Als er sie verliert, läuft sie ihm durch den Wald davon wie in der Zeitlupe einer immer wieder abgespulten Erinnerung. (Im selben Wald wird man sich wenig später treffen, um zu nächtlichen Plakatklebeaktionen mit Kleister und Besen auszuschwärmen.)

Ansonsten hat der Film es nicht mit der Verklärung. Er ist in blaugrau gehalten, nicht im Sepiabraun nostalgischer Vergangenheitsbeschönigung, und erlaubt sich fransige Kanten anstelle glattinterpretierter Dogmen. Vor der Schule verteilt Gilles selbstgedruckte linke Zeitschriften - man druckt auf der Kellerpresse einer linken Gruppierung, die nicht immer glücklich ist über das, was die Nachwuchskräfte da durch die Maschine laufen lassen - und kauft am Zeitungsstand ein Blatt mit dem knappen Titel »Kampf«. Die Radikalisierung ist eine beidseitige: die Polizisten setzen Tränengas ein gegen Demonstranten und prügeln vom Motorrad auf die Fliehenden ein. Die ihrerseits nehmen bald nicht mehr nur Kleister und Sprühdose, sondern Flaschen und Brennbares in die Hand.

Privat klaut Gilles seinem gutbürgerlichen Fernsehschreiber-Vater Kleingeld aus den Taschen und malt. Händchenhalten im Kino, Knutschen im Olivenhain, Sex im Schlafsack (mit Christine, der nächsten Freundin) und Sitzungen voll Debatten über Ziele, Feindbilder und Trotzkismus haben die gleiche Wichtigkeit. Klampfenromantik und bewaffneter Widerstand, Aktionismus und Hormonüberschwang, es ist alles Teil der Zeit, der öffentlichen und der privaten. Man raucht, trinkt Wein und träumt von einer anderen Welt, zu der man selbst außer Gerede und Sachbeschädigungen wenig beiträgt, Paarbeziehungen kommen und gehen, politische Gruppierungen finden sich und spalten sich wieder auf. Mit dem VW-Bus und einem Kollektiv von Filmemachern fährt man schließlich nach Italien, weil man mal eine Weile untertauchen muss. Irgendwo im Süden Frankreichs sitzt man dann an einem Esstisch vor Rotwein und Brot und diskutiert mit Arbeitern im Blaumann über ihre nicht-kommunistische Gewerkschaftsgründung. Auch in Florenz wird geraucht, gelebt und Wein getrunken, man zeigt politische Aufklärungsfilme auf der Piazza und wohnt in großbürgerlichen Wohnungen. »Auflehnung ist richtig« steht an einer Hauswand, und das Filmpublikum moniert die klassische Erzählform des Kriegsberichts über den Widerstand der Bevölkerung von Laos - bräuchte ein revolutionärer Film nicht auch eine revolutionäre Syntax?

Für einen von ihnen wird der Wurf einer Münze über das nächste Ziel entscheiden: Nepal. Die Reise endet in Kabul, aber immerhin zeitigt sie künstlerische Ergebnisse. Um mit dem Film zu sprechen: Weltpolitik trift afghanische Webkunst. Vor allem aber wird immer klarer, dass das Blaise-Pascal-Zitat aus der Schulstunde vom Anfang wohl mehr Gültigkeit hat als ihnen lieb ist: »Zwischen uns und dem Himmel oder der Hölle gibt es nur das Leben, das die vergänglichste Sache der Welt ist.«

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