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Immer Ärger mit Darth Vader

Pokemons waren die Seuche der 1990er. Aus jedem Kiosk und jeder Schultasche leuchtete einem Pikachu, die gelbe, dauergrinsende Mischung aus Maus, Flughörnchen und zickzackschwänzigem Tiger, entgegen. Mit Videospielen hatte es angefangen; Comics, Spielkarten, Hefte, Tassen, Lutscher und Gardinenstoffe waren dann nur die logische Weiterentwicklung eines Geschäftsmodells, das einzig darauf abzielt, Eltern mittels psychologischen Druckes ihres Nachwuchses das Geld stapelweise aus der Tasche zu ziehen. Und es funktionierte: Es wurde gekauft, getauscht und im Ex- tremfall auch geklaut, um die neuesten Figuren, Aufkleber oder Sammelkarten zu bekommen, ohne die ein gesellschaftliches Leben auf den Spielplätzen und Schulhöfen zeitweise nicht denkbar schien.

Seitdem stand meine Meinung zu solch billig zusammengeschustertem, aber dafür teuer verkauftem Spielzeug und anderen Merchandise-Produkten fest: Niemals würden meine Kinder damit spielen dürfen, niemals würde ich dafür Geld ausgeben und Verwandte und Bekannte würden bei Strafandrohung gezwungen, sich ebenfalls an diese Regel zu halten.

Soweit die Theorie. Und dann kam George Lucas. Der Hollywood-Regisseur war natürlich auch vorher schon da, aber spätestens die Fortsetzung der Star-Wars-Saga führte ab 1999 zu in ihrem Ausmaß bisher ungeahnten Auswüchsen der Kitsch-, Werbe- und Spielwarenindus- trie. In der Praxis also sitzt mein Sohn in einem Zimmer zwischen Lego-Star-Wars-Raumschiffen, Star-Wars-Sammelkarten und -Spielfiguren. Vom Hausaufgabenheft starrt Darth Vader, vom Sweatshirt Anakin Skywalker, und aufblasbare Laserschwerter und Wasserpistolen in Clonetrooper-Optik zieren den Fußboden.

Die Anfänge der Leidenschaft, die sich quasi mit dem Tag der Schuleinführung manifestierte, ließen sich noch mit logischen Argumenten bekämpfen: zu teuer; noch nicht für dein Alter geeignet; man muss nicht immer alles haben ... Irgendwann werden aber auch ideologisch gefestigte Mitmenschen weich; spätestens, wenn Geburtstage oder Weihnachten anstehen und die Fragen der Verwandtschaft zu Geschenkideen immer hartnäckiger werden. Und wer einmal schwach wird, kommt aus der nicht enden wollenden Spirale der »Absatzförderung von Konsumprodukten« kaum wieder heraus.

Mit jedem gekauften Lizenzartikel, mit jeder Tüte Sammelkarten werden neue Bedürfnisse erschaffen, die befriedigt werden wollen und denen nicht nachzugeben selbst vielen Erwachsenen in der kapitalistischen Glitzerwelt schwer fällt. Denn dass das Lego-Modell des »Millennium-Falken« (legendäres Raumschiff aus den ersten drei Star-Wars-Filmen), das bei Ebay derzeit für rund 4000 Euro zum Sofortkauf angeboten wird, von Kindern erworben wird, ist kaum wahrscheinlich.

Das Lucas-Imperium hat die Pokemon-Masche noch erweitert: Im Jahr 2005 wurden die durch Merchandise-Produkte zu den Filmen erzielten Einnahmen bereits auf 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Inzwischen dürfte die Zahl um ein Vielfaches höher sein - und ein Ende ist nicht abzusehen.

Nun kann man das aus ideologischer Sicht geißeln, aus pädagogischer Sicht ungeeignet finden und aus elterlicher Sicht schlicht teuer - den bettelnden Kinderaugen ist so nicht beizukommen. Und haben wir selbst - besonders nach der Deutschen Einheit, wo es plötzlich massenweise bunten Plastemüll in noch bunteren Tütchen für Pfennigbeträge zu kaufen gab - nicht auch unser Taschengeld für sinnlosen und schnell kaputtgespielten Will-ich-sofort-haben-Kram ausgegeben?

Muss man also nicht jedes Kind die Erfahrung selbst machen lassen, dass der Nutzen eines beliebigen Produktes in der westlichen Warenwelt eng begrenzt und meist nur auf den Hersteller beschränkt ist? Zumal wenn man sich als Vertreter der Taschengeldfraktion dafür einsetzt, dem Nachwuchs in Sachen Geld nicht reinzureden, um ihm damit hoffentlich ein leidlich kritisches Verhältnis zum Konsum mit auf den Weg zu geben.

Sich mit elterlicher Kontrolle zurückzuhalten, fällt zugegebenermaßen schwer; selbst wenn man es schafft, noch schwerwiegendere Bedenken gegen den Konsumwahn - wie tonnenweise im Meer schwimmende Plasteabfälle und die Ausbeutung von Menschen in der asiatischen Spielwarenindustrie - auszublenden. Dem allgegenwärtigen Gruppenzwang auf dem Schulhof ist mit solchen Argumenten ohnehin nicht beizukommen.

Realität und Zeit ersetzten die strikte Antihaltung also durch eine Art Teilresignation, die mir ab und an die Illusion lässt, auf das Konsumverhalten der Kinder nennenswerten Einfluss auszuüben. Mit dem Älterwerden meiner Tochter rückt aber bereits die nächste Herausforderung näher. Eins steht felsenfest: Hello-Kitty-Weihnachtsbaumkugeln und Prinzessin-Lillifee-Badelatschen kommen mir nicht ins Haus!

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