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Reichlich Platz für Selbstdarsteller

Auf der UNESCO-Weltsportministerkonferenz in Berlin haben 137 Ressortchefs die Muskeln spielen lassen und sich auf eine Erklärung geeinigt

Als eine Kampfansage in Richtung Mauritius und in Richtung Singapur darf man die am Donnerstagabend verabschiedete »Berliner Deklaration« der 137 Teilnehmerdelegationen von Sportministern und deren Vertretern aus aller Welt werten. Mauritius war in aller Munde, weil dort zeitgleich der FIFA-Kongress stattfand. Der mächtige Weltfußballverband wird wegen der Gigantomanie seiner Wettbewerbe, der mangelnden Nachhaltigkeit vieler Investitionen in die Sportinfrastruktur und der fehlenden Transparenz bei seinen Vergabeentscheidungen inzwischen auch von den Sportministern kritisch beäugt. An vorderster Front forderte der in Deutschland für Sport zuständige Innenminister Hans-Peter Friedrich seine Kollegen auf, »Verbänden, die zu Großmannssucht neigen, die Grenzen aufzuzeigen«.

In Singapur hingegen logieren immer noch weitgehend unbehelligt einige Schlüsselfiguren der internationalen Wettmafia. In der »Berliner Deklaration« verpflichten sich die 137 Teilnehmerländer der UNESCO-Weltsportministerkonferenz MINEPS 5, in internationalem Maßstab für »strafrechtliche Sanktionen zur unmittelbaren Abschreckung gegen Manipulationen von Sportwettbewerben« zu sorgen und den Justizbehörden bei der Ermittlung zu den »nötigen Finanzmitteln« sowie zu einer »angemessenen operativen Kapazität« zu verhelfen.

Derart wegweisende Beschlüsse waren im Verlauf der Konferenz nicht unbedingt zu erwarten. Auffällig waren im Kongresszentrum des Hotels Intercontinental zunächst eher die holprigen Versuche, die Redner zu bestimmen. Die Delegierten waren aufgefordert, ihr Länderschildchen hochzuheben, um einen Redewunsch zu signalisieren. Vom Podium aus waren die Ländernamen jedoch nicht zu entziffern, was eine Zeit lang zu drolligen Identifizierungsversuchen führte. Es wäre wohl besser gewesen, sich vorab der Kompetenz einiger Routiniers basisdemokratischer Verfahren aus dem benachbarten Kreuzberg zu versichern. Die hätten aus der Erfahrung quälend langer Plenardiskussionen auch die Selbstdarstellungsbeiträge einiger Sportminister von der Tagesordnung verbannt.

Dann gab es aber doch bemerkenswerte Einlassungen. Jamaikas Sportministerin Natalie Neita-Headley bekannte sich angesichts der Dominanz ihrer Landsleute auf den Kurzstrecken der Leichtathletik zu »effektiven Dopingkontrollen«. Sie stellte heraus, dass es zu Siegen im Sport »ausreichend sein muss, allein das natürliche Beste zu geben«. Die Abordnung Spaniens - hier werden Akten der »Operacion Puerto« über Dopingaktivitäten in Fußball, Leichtathletik und Tennis noch immer unter Verschluss gehalten - betonte, dass »Sportler, die sauber gewinnen wollen, den Schutz des Staates verdienen«.

Australiens Vertreter wies darauf hin, dass die wichtigsten Erkenntnisse über Doping wie über Wettbetrug bislang weder durch das Dopingkontrollregime noch durch sportinterne Mechanismen zur Manipulationsabwehr ausgelöst wurden, sondern durch strafrechtliche Ermittlungen, die meist selbst eher zufällig begannen. Er erinnerte an den Balco-Skandal in der US-Leichtathletik sowie das USADA-Verfahren gegen Lance Armstrong. Die Wettbetrugsverfahren in verschiedenen europäischen Ländern gehören ebenfalls dazu. Stärkere rechtliche Grundlagen für systematische Ermittlungen wurden daher von vielen Sportministern begrüßt. »Möglicherweise reichen die sportrechtlichen Sanktionen nicht aus«, erklärte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gegenüber »nd«: »Wir müssen diese Diskussion auch hierzulande führen.« Womöglich rückt ein kombiniertes Gesetz gegen Doping und gegen Wettmanipulation in Deutschland damit wieder näher.

Am überraschendsten war die Kampfansage der Herren Minister an selbstherrliche Sportverbände. Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International, kritisierte die Monopolstellung der Verbände. Innenminister Friedrich erwähnte, dass Deutschland wegen überzogener Forderungen eines Verbandes bereits die Ausrichtung einer Europameisterschaft in einer Ballsportart abgelehnt hat. »Wir hoffen, dieser Verband hat daraus gelernt. Wir werden das auch wiederholen. Und wenn meine Kollegen in anderen Sportressorts merken, dass es da eine Solidarität gibt, wird sich auf Dauer etwas ändern.«

UNESCO-Vertreter zeigten sich optimistisch, dass die Berliner Erklärung bei der nächsten Vollversammlung angenommen und damit von einer bloßen Absichtserklärung zu einem offiziellen Dokument geadelt werden wird. Es gingen durchaus beachtliche Impulse von Berlin aus. Auf die Echos aus Mauritius und später Zürich sowie Singapur darf man gespannt sein.

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