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Einzwängen bringt nichts

Hohe Mauern als Hochwasserschutz stoßen bei vielen Bürgern auf Ablehnung

  • Von Michael Bartsch
  • Lesedauer: 3 Min.
Im mittelsächsischen Roßwein haben Bürger erfolgreich eine geplante Hochwasserschutzmauer verhindert. Auch nach der jüngsten Flut gibt es bei diesem exemplarischen Konflikt kein Umdenken.

Nur zwei Tage nach dem Hochwasserscheitel herrscht an der Mulde im mittelsächsischen Roßwein erstaunliche Gelassenheit. In einigen Häuschen der Uferstraße stand zwar das Wasser knietief im Erdgeschoss. Andere Anwohner haben sich spezielle Barrieren gebaut und blieben ganz trocken. Auch ohne die geplante Flutschutzmauer, die seit rund sieben Jahren das Städtchen spaltet. »Lieber aller paar Jahre Wasser im Wohnzimmer als ständig eine Mauer vor dem Fenster«, sagen die einen. Die anderen hätte der gestörte Blick auf den Fluss weniger gestört.

In einem Punkt aber sind sich alle einig: Das große Hochwasser vom Wochenanfang hätte auch die Mauer nicht zurückgehalten. Dabei hätte die Roßweiner Mauer an den tiefstgelegenen Uferzonen beeindruckende Mannshöhe gehabt, wie der parteilose Bürgermeister Veit Lindner mit erhobenem Arm demonstriert. Die Landestalsperrenverwaltung hatte schon einmal ein Pappmodell aufgebaut, um für mehr Akzeptanz zu werben. Denn irgendetwas sollte nach der Katastrophe von 2002 geschehen, und die Talsperrenverwaltung setzt nun einmal zuerst auf technischen Hochwasserschutz. Doch mit ihrer Bürgerinformation erreichte sie das Gegenteil.

Zunehmend formierte sich Widerstand. »Man hörte nur noch negative Stimmen«, berichtet Bürgermeister Lindner. Einwände im Planfeststellungsverfahren häuften sich. Im Vorjahr fiel die Mauer in den Köpfen der Talsperrenverwaltung endgültig. »Dort, wo Hochwasserschutz partout nicht gewollt ist, wird er auch nicht gemacht«, resignierte auch Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU). Der Fall Rosswein steht stellvertretend für zahlreiche andere verzögerte oder verhinderte Hochwassersperren nicht nur in Sachsen.

Die Verzögerungen durch Bedenken des Denkmalschutzes, durch Bürgerinitiativen und Grundstückseigentümer in Grimma wurden in den Medien der erfolgreichen »Einmauerung« von Eilenburg gegenübergestellt. Aus Wilkau-Haßlau, Oberbobritzsch oder Niederseidewitz bei Pirna sind ähnliche Konflikte bekannt. Die Stadt Radebeul wandte sich schließlich auch gegen eine riesige Spundwand im Ortsteil Kötzschenbroda.

Verärgert hatte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) deshalb am Dienstag in Pirna schon eine sächsische Bundesratsinitiative angekündigt, die in solchen Fällen Individualrechte zugunsten von Gemeinschaftsrechten einschränken soll. Doch ist wirklich jede Hochwassermauer sinnvoll?

Wie die Einwohner seiner Stadt ist auch Roßweins Bürgermeister hin- und hergerissen. »An einigen Stellen wie am Stadtbad hätte eine Schutzwand genützt und Reaktionszeiten verlängert«, meint er. Andererseits bezweifelt auch er, ob sie dem zweithöchsten Pegel seit 1958 standgehalten hätte. Und versteht optisch-ästhetische Bedenken: »Bei einer 60 Zentimeter Betonwand hätte mancher gedacht, er stünde am Todesstreifen!« Ökologische und hydrologische Argumente bringt hingegen Kay Hanisch von der »Initiative für einen bürger- und umweltfreundlichen Hochwasserschutz« vor.

Eine Mauer staue auch das Regenwasser auf der Uferseite, wie jüngst das benachbarte Döbeln zeigte. Und für Ausbreitungsräume und Zuflüsse und Randbedingungen überhaupt interessiere sich die Talsperrenverwaltung nicht. Der pensionierte Ingenieur Lothar Grandke hat anhand der Planungsunterlagen selbst nachgerechnet. Die Einengung des Flusses erhöht die Fließgeschwindigkeit, und sogar die Talsperrenverwaltung habe einräumen müssen, dass damit auch der Spitzenpegel um 30 cm steige.

»Einzwängen bringt nichts«, sagen deshalb die meisten derer, die wie Grandke unmittelbar an der Mulde leben. Viel wirksamer sei die Ausbaggerung von rund 40 Zentimetern Schlamm und Geröll im Flussbett nach 2002 gewesen. Man genießt die Flussnähe während der übergroßen Mehrheit der Tage und arrangiert sich mit seinen Tücken. Der Mahle-Schmiede, die in Rosswein Motorpleuelstangen für Autos herstellt, genügte das allerdings nicht. Sie zog um das Firmengelände einen privaten Deich, höher als das Rekordhochwasser von 2002.

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