Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Troppe guerre - zu viele Kriege

»Deutschland - Italien«: Eine lehrreiche und faszinierende Entdeckungsreise

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Buch wie ein Monument, das sich zugleich dem Begriff »Buch« entzieht: Ein Kompendium, Nachschlagewerk und zugleich eine faszinierende Entdeckungsreise für Italienfreunde, die mehr wissen wollen über dieses Nachbarland, dem wir Deutsche seit mindestens einem Jahrtausend verbunden sind und das seine Spuren tief in unsere Kultur eingegraben hat. Und umgekehrt: Denn aus italienischer Kultur, Ökonomie und europäischer Identität ist auch Deutschland nicht wegzudenken. Zwei Kulturen, die sich aneinander spiegeln und zugleich unterscheiden im Umgang mit aktuellen Herausforderungen.

Der historische Bogen spannt sich von der »Achse Rom-Berlin« 1936 bis zum Fall der Mauer 1989. Einen breiten Raum nehmen naturgemäß die kriegerischen Ereignisse ein. Immer wieder erschütternd und beschämend die grausigen Verbrechen der Wehrmacht und SS. Das methodisch Besondere der »Vergangenheitsbewältigung« in diesem Buch ist, im Unterschied zu deutschen Bearbeitungen des faschistisch-nazistischen Schreckens, die Reflexion in Kunst, Malerei, Dichtung, Literatur und Musik - bis hin zu den Erinnerungsstätten. Da erfährt man Erstaunliches - zum Beispiel, dass auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof am Futa-Pass jedes Jahr eine Tragödie von Aischylos aufgeführt wird. Und ebenso erstaunlich ist es, dass mehrere Denkmale und Gedenkstätten in Deutschland von italienischen Künstlern geschaffen wurden. Erinnert wird an die mörderische Behandlung der etwa 650 000 nach Deutschland verschleppten italienischen »Militärinternierten« und die Leiden der Zivilbevölkerung im Krieg und in den ersten Nachkriegsjahren.

Spannendes wird über die wechselseitige Befruchtung in der Theaterarbeit berichtet (z. B. Strehler-Brecht), über den Vorbildcharakter des italienischen Film-Realismus für die Anfänge des deutschen Nachkriegsfilms (Staudte) sowie über die Anziehungskraft von »Darmstadt« und »Donaueschingen« für italienische Musiker wie Luigi Nono - und umgekehrt von Italien für Hans-Werner Henze. Nicht vergessen ist die Präsenz italienischer Künstler in der DDR. Und wer weiß schon, dass der deutsche Architekt Egon Eiermann seine Inspiration für den neuen Turm der kriegszerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Westberlin auf einer Reise zu frühchristlichen Kirchen und mittelalterlichen Domplätzen Norditaliens im Oktober 1957 empfing?

Erinnert wird auch an die ökonomische Bedeutung der italienischen Gastarbeiter für das westdeutsche »Wirtschaftswunder«: Einwandererland Deutschland - Auswandererland Italien, was Werner Schroeter zu seinem Film »Palermo oder Wolfsburg« (1980) inspirierte. Gebührend gewürdigt werden die Proteste und die Solidarität der italienischen Linken für die von den Berufsverbote in der Bundesrepublik Deutschland Betroffenen. Das Material, das die beiden Herausgeber zusammengetragen haben, und die Beiträge der hoch qualifizierten Experten und engagierten Mitarbeiter aus beiden Ländern stellen alles Vergleichbare auf dem deutsch-italienischen Büchermarkt in den Schatten. Es gibt kaum ein zeitgeschichtliches Thema, zu dem man keine Auskunft erhält.

Methodisch ist es nur folgerichtig, diese Enzyklopädie mit zwei Dialog-Kapiteln zu krönen - eines davon in Gestalt imaginärer Gegenüberstellungen italienischer und deutscher Künstler-Porträts: Luchino Visconti und Heiner Müller; Luigi Nono und Paul Dessau; Pina Bausch und Maria Callas; Joseph Beuys und Pier Paolo Pasolini, um nur einige der hier vorgestellten Künstler zu nennen. Eingeladen wird an lebendige Orte deutsch-italienischer Begegnungen: die »Villa Massimo« und die »Villa Romana«, die Goethe-Institute und die Film-Festivals sowie das Italienische Kulturinstitut in Berlin. Herzschlag des Buches ist die abschließende Widmung. Sie zitiert einen italienischen Bauern, der in Volterra einst Nachbar der Herausgeber war, Überlebender des Abessinien- und des Griechenlandkrieges, 1943 von den Naziokkupanten nach Mauthausen verschleppt. »Troppe guerre« - zu viele Kriege - pflegte der 1994 verstorbene Jahrhundertzeuge seinen deutschen Nachbarn immer wieder mahnend zu sagen.

Wolfgang Storch/ Klaudia Ruschkowski (Hg.): Deutschland - Italien. Aufbruch aus Diktatur und Krieg. Stiftung Deutsches Historisches Museum/ Sandstein Verlag. 396 S., br., 48 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln