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Der Forsa-Chef, die Linke als Flut-Kümmerer und nörgelnde Intellektuelle

»Warum die Linke jetzt schon bei neun Prozent steht«, twitterte am Mittwoch ein Kollege von Süddeutsche online, »das will sich mir auch nicht recht erschließen.« Im neuen »Stern« versucht der Chef des Instituts Forsa, in dessen jüngster Umfrage die Partei neun Prozent erhalten hatte, eine Erklärung: Es sei die Flut, die dazu beitrage, dass die Linke sich in Umfragen stabilisiere. »Solidarität zählt jetzt insbesondere im Osten, wo die Linke nach wie vor ihre Kernwählerschaft hat. Wie im Landkreis Wittenberg an der Elbe, wo sie den Landrat stellt, kümmert sie sich vielerorts um die Anliegen der Menschen, etwa beim Ausfüllen von Hartz-IV- oder Wohngeldanträgen«, schreibt Manfred Güllner.

Der Hinweis auf das Image als »Kümmerer-Partei« in den neuen Ländern ist so richtig, wie die sich anschließende Behauptung des Forsa-Chefs einen falschen Gegensatz konstruiert: Im Westen würde die Partei »viele über die Gesellschaft nörgelnde Intellektuelle« wählen. Einmal abgesehen davon, dass auch »nörgelnde Intellektuelle« von Hochwasser betroffen und sogar jenseits von Fluten auf die Hilfe anderer angewiesen sein könnten – die bisherigen Wahlen haben nicht gerade gezeigt, dass die Linke im Westen die Partei der »nörgelnden Intellektuellen« sei; jedenfalls erschließt sich so eine Behauptung angesichts in der Regel überdurchschnittlicher Wahlergebnisse bei Arbeitern, Erwerbslosen, Gewerkschaftsmitgliedern nicht, Menschen also, die gemeinhin nicht als Intellektuelle bezeichnet werden, was freilich nichts darüber sagt, ob sie nicht doch klüger als Herr Güllner sind.

Vor allem gibt der Forsa-Chef mit seinem Hinweis auf die »nörgelnden Intellektuellen« ein beachtliches Selbstbekenntnis darüber ab, was er von kritischem Denken und einem akademisch geprägten Milieu hält. Der »nörgelnde Intellektuelle« ist ihm der Intellektuelle überhaupt, in ihm sieht Güllner jemanden, der etwas an der Gesellschaft auszusetzen hat, nichts Gutes offenbar für den Forsa-Chef – zumal wenn der Intellektuelle als Gegenbild zum Hilfe suchenden Linken-Wähler im Osten gemalt wird, den Güllner dabei quasi gleich miterledigt als jemand, dem er anscheinend weder Intellekt noch Kritik an den Verhältnissen zutraut.

Wie dem auch sei. Zygmunt Baumann hat einmal formuliert, »jeder Versuch, Intellektuelle zu definieren, ist ein Versuch der Selbstdefinition; jeder Versuch, den Status eines Intellektuellen zu gewähren oder zu verweigern, ist ein Versuch der Selbstentwerfung.« Oder anders gesagt: Manfred Güllner will nicht, dass man in ihm einen Intellektuellen sieht. Wäre jemand auf die Idee gekommen?

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