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Solidarität statt Kommerz

Günter Könsgen über 50 Jahre Deutscher Entwicklungsdienst und die Herausforderungen für die Zukunft

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Günter Könsgen ist Maschinenbauingenieur und ging 1967 als Entwicklungshelfer (Lehrtätigkeit in Pädagogischer Hochschule/Fachbereich Technik) für zwei Jahre nach Peru. Anschließend war er bis zum Eintritt in die Rente 2008 in unterschiedlichen Funktionen für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Deutschland und Ländern Lateinamerikas tätig. Zum 50-jährigen Jubiläum des DED sprach mit Könsgen für »nd« Martin Ling.

nd: Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) wurde am 24. Juni 1963 gegründet. Für mehr als 750 ehemalige Entwicklungshelfer/-innen (EH) war das Ende Mai Grund zum Feiern. Dabei ist doch der DED seit der Fusion von GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit), InWEnt (Internationale Weiterbildung und Entwicklung) und DED zur GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) Anfang 2011 mehr oder weniger Geschichte, oder?
Könsgen: Ja, aber wir wollten den DED und seine über 48 Jahre geleistete, erfolgreiche Arbeit nicht so sang- und klanglos in Vergessenheit geraten lassen. Das Treffen in Werbellin wurde in einer Privatinitiative ohne jeglichen institutionellen Hintergrund und Logistik von einem guten Dutzend ehemaliger DED-Kolleginnen und -Kollegen hier aus Berlin organisiert. Die Initiativgruppe »DED 50« und der »DED Freundeskreis« sind quicklebendig. Wir tauschten Erfahrungen aus und reflektierten über die Notwendigkeit, nach der Fusion einen neuen Entwicklungsdienst zu schaffen. Der sollte natürlich nicht eine Blaupause des Alten sein, sondern den heutigen Herausforderungen entsprechen.

Von der Idee eines neuen Entwicklungsdienstes dürfte Entwicklungsminister Dirk Niebel nicht zu überzeugen sein. Er hält die Fusion für das Glanzstück seiner Amtszeit. Wie bewerten Sie die Zusammenlegung der drei Organisationen?
Definitiv anders. Die GIZ ähnelt nicht nur dem Namen nach der GTZ, sondern die GTZ-Strukturen sind handlungsleitend für die GIZ. Dabei kommen die DED-Programme mehr und mehr unter die Räder. Von den fünf Programmen zum Zeitpunkt der Fusion sind bereits drei abgewickelt. Geblieben ist die Entsendung von Friedensfachkräften und von Entwicklungshelfern.

Wie steht es um das DED-Kerngeschäft, die Entsendung von Entwicklungshelfern?
Das geht unter anderen Vorzeichen weiter. Die GIZ setzt Entwicklungshelfer nur noch in ihren Vorhaben ein, die im Rahmen der Auftragsvergabe durch das Entwicklungsministerium (BMZ) realisiert werden. Planungsprozesse laufen dabei häufig von oben nach unten (ihr habt ein Problem - wir haben die Lösung), es werden Fremdstrukturen aufgebaut und große Teile des Projektbudgets werden für das eigene Personal und den Apparat aufgewandt - kommen also nicht bei Partner und Zielgruppe an. Eigentlich lauten die Vorgaben des BMZ, Partnerstrukturen zu stärken und Organisationsentwicklung zu betreiben, um dann, wenn das GIZ-Vorhaben zu Ende ist, eine nachhaltige Weiterentwicklung zu gewährleisten.

Wie viele Mitarbeiter sind für die GIZ auf Grundlage des Entwicklungshelfer-Gesetzes noch unterwegs?
Die Zahl geht zurück, von etwa 1100 zum Zeitpunkt der Fusion auf unter 700. Es gibt zwar eine Weisung des BMZ, diese Zahl wieder aufzustocken. Aber das ist nicht der Dienst, den wir uns vorstellen. Wichtige Elemente und Kriterien, die früher beim DED gepflegt wurden, sind inzwischen obsolet. Jetzt handelt es sich um Fachkräfte, die nur noch im Rahmen der GIZ-Vorhaben eine sehr genau vorgeschriebene Rolle erfüllen. So fehlt ihnen die Möglichkeit, sich voll in die Partnerstrukturen zu integrieren. Das war im DED-Ansatz sehr wichtig. Unter dem neuen Stellenprofil leidet die Nähe zur Zielgruppe. Und durch die enge Rollenbeschreibung gehen für Entwicklungshelfer Handlungsspielräume verloren, wo sie früher kreativ und innovativ zusammen mit den Partnern Lösungen für vorhandene Probleme entwickeln konnten. So bleibt die Ausfüllung des dem Entwicklungshelfer-Gesetz zugrunde liegenden Leitspruches »solidarisches Lernen und Helfen« auf der Strecke.

Das ist eine düstere Bestandsaufnahme. Was will der seit fünf Jahren aktive DED-Freundeskreis dem entgegensetzen?
Unser Grundanliegen entspricht dem Titel unserer Pressemitteilung im Anschluss an das Jubiläumsfest in Werbellin: »Entwicklungshelfer fordern Solidarität statt Kommerz in der Entwicklungszusammenarbeit.« Gerade unter der derzeitigen Leitung des Ministeriums hat man ja häufig den Eindruck, dass es um Außenwirtschaftsförderung geht und nicht um Entwicklungszusammenarbeit.

Wir müssen uns Gedanken machen, einen neuen Entwicklungsbegriff zu formulieren und auch zu gebrauchen. Entwicklung hat noch immer diesen Klang, wir entwickeln euch, ihr seid unterentwickelt. Das gehört in die Mottenkiste. Dankenswerterweise hat es in vielen Ländern des Südens und des Südostens einen Prozess gegeben, der einen neuen Entwicklungsbegriff nötig macht, besonders für einen Dienst, wie wir ihn uns vorstellen. Zumindest muss man einen globalen Entwicklungsbegriff und nicht einen Nord-Süd-Entwicklungsbegriff definieren. Wir würden auch eher von solidarischem Dialog und Austausch reden.

Was bedeutet das in der Praxis?
Ein wichtiges ganz neues Element wäre, dass wir nicht nur Fachkräfte aus dem Norden in den Süden vermitteln, sondern in gleicher Weise und Größenordnung vom Süden in den Norden. Gemeinsam arbeiten, lernen und für eine friedliche und gerechte Welt ohne Armut streiten und das vorwiegend eingebunden in Organisationen der Zivilgesellschaft im Süden wie im Norden. Wir wollen eine zivilgesellschaftlich basierte Trägerstruktur, die öffentlich mitfinanziert wird. Das könnte zum Beispiel ein Dachverband zivilgesellschaftlicher Organisationen sein, die an einem solchen Personalaustauschprogramm interessiert sind.

Sind Sie trotz der Ausgangslage optimistisch, eine Neugründung hinzukriegen?
Wir arbeiten daran. Wir sind institutionell als kleiner Freundeskreis nicht in der Lage, eine solche Neugründung zu schultern. Wir sind Ideengeber, wollen einen Dialog anstoßen und müssen ganz viele Menschen gewinnen insbesondere aus der Zivilgesellschaft und nach der Bundestagswahl auch aus der Politik. Das ist nicht ganz einfach, weil außer der LINKEN alle Parteien dieser Fusion zugestimmt haben. Inzwischen sind aber zumindest bei den Grünen und der SPD einige hellhörig geworden und beobachten die Ergebnisse der Fusion kritisch und mit Sorge.

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