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Vergiftungsarbeit

Peter Sloterdijk und sein angebliches »antiamerikanisches Ressentiment«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Die USA betrieben Staatsterrorismus, urteilte Peter Sloterdijk, als er den Ludwig-Börne-Preis erhielt. „Antiamerikanisches Ressentiment“ attestierte die „Welt am Sonntag“ daraufhin dem Philosophen. Hans-Dieter Schütt erinnert der Streit an vergangen geglaubte Zeiten.

Kürzlich erhielt der Philosoph Peter Sloterdijk in Frankfurt am Main den Ludwig-Börne-Preis, sein Dank wurde in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« veröffentlicht - darauf reagierte die »Welt am Sonntag«. Es sei bemerkenswert, so Richard Kämmerlings, was doch »im Jahr 2013 bei einem Gipfeltreffen des geistigen Lebens der Bundesrepublik an antiamerikanischem Ressentiment ausgeschüttet wird«. Dieser Vorwurf des Ressentiments bezieht sich vor allem auf Äußerungen des Preisträgers über Washingtons »Krieg gegen den Terror«, in Vehemenz ausgelöst vom Massaker am 11. September 2001 in New York.

Sloterdijk spricht nämlich von einer US-Politik, die nach diesem Grauen weltweit »furchtpolitisch misshandelte« Bevölkerungen schuf - denen damals militärische, geheimdienstliche Gerechtigkeitsaktionen eingeredet wurden, wo doch in Wahrheit grassierender »Staatsterrorismus« stattfand. Dessen Folgen bis heute ausgebadet werden müssen.

Die Dialektik der Lage: Keine Kampfflugzeuge über unseren Köpfen bedeuten noch lange nicht Freiheit, und Kampfflugzeuge über unseren Köpfen sind noch lange nicht Garanten für Frieden. Was wir zu leben gezwungen sind, ist der subtile Terror einer Befriedung, die inzwischen gefährlich wenig dem Frieden der Bürger zu dienen scheint, sondern zuvörderst der Sicherheit des Systems.

Man kann darüber streiten, welche Strategie Not täte für den Frieden, aber es ist schon bemerkenswert: Was bei Sloterdijk als »antiamerikanisches Ressentiment« denunziert wird, findet in einer Zeit statt, da doch allein von Afghanistan- und Irak-Krieg längst sämtlicher Aufputz an patriotischem und weltrettendem Pathos abfiel; der Anwurf gegen den Denker geschieht in einer Zeit, da der beflissen angestrengte Verweis herrschender Politik auf die Terrorbekämpfung längst erkannt ist als Vertuschung einer erheblichen, bedenkenlosen Bedrängung demokratischer Rechte.

Aber es findet dennoch jenes alte Spiel statt, das man als Ostmensch, in den Westen gewechselt, für erledigt hielt: Wer die quasi verwandtschaftlich bestimmte Großmacht in deren Wesen kritisiert, gerät sofort in den Generalverdacht einer nestbeschmutzerischen, politisch höchst unkorrekten Verfehlung. Und das Prädikat der Unvernunft, auf Washington bezogen, wird als Herzenskälte gegenüber den Opfern des Terrors missbewertet. Wo doch nur ein einziges Verhalten fiesester Antiamerikanismus bleibt: Bush und Co. nicht als Verbrecher und UNO-Belügner zu geißeln. Ohne diese Lügen keine Folter in Abu Ghraib und Guantanamo, keine Videos und Dokumente von Kriegsverbrechen, kein Verrat von Geheimnissen, kein Wikileaks, kein Julian Assange, kein Bradley Manning, kein Edward Snowden.

Ausgerechnet an Sloterdijk wird nun die Art nachgeholt, mit der man lange Zeit jene behandelte, die schon immer von Lüge gesprochen hatten: Undankbare wider das westliche Bündnis - gegeißelt und bespöttelt, niedergeschrieben und niedergeschrien. Aber wann hat je ein Kommentator sich schambewusst revidiert, im Zuge jener allgemeinen, freilich auffällig langsam sickernden Wahrheitskorrektur: »militärische Einsätze« endlich »Krieg« zu nennen. Nennen zu dürfen! Stille - bei den Gralshütern der Ungebundenheit, Unparteilichkeit, Unbestechlichkeit, die so gerne groß ihre selbstbewusst anklagenden Rechnungen gegen den Rest der politischen Strukturen auf dieser Welt aufmachen.

Sloterdijks Klartext: »Ich sah sie ja kommen, die Vergeltungstruppen und ihre eingebetteten Journalisten, mit ihrer großspurigen Imperium-Versteherei, ihrem Applaus für den Krieg unter gefälschten Vorwänden und ihrer antiislamischen Verbissenheit. Und wir haben Grund festzustellen: Diese September-Krieger, diese besinnungsfeindlichen Maul-helden von damals, diese Drohnen, die als unbemannte Hohlschädel ihre Überwachungsflüge über dem freien Denkraum ausführen, sie sind noch immer im Einsatz und lassen von ihrer wutgetriebenen Vergiftungsarbeit nicht ab.«

So flammte auch Peter Handke, gegen die NATO auf dem Balkan. Und? Demokratiehass wurde ihm, aus Niveau-Ebenen weit unten, an Leib und Geist gekläfft. Jetzt Sloterdijk. Was er da ausruft, ist nicht nur eine grandiose Sprache, die Zornarbeit des Bürgers und Zunft des Schriftstellers betörend verbindet - es ist trauernde Besinnung auf das, was nach dem 11. September 2001 an Möglichkeit verfehlt wurde. War denn nicht bis dahin die Ankunft im neuen Jahrtausend eine Beschwörung des Verheißungsvollen gewesen? Es wurde doch das Gefühl geschürt, mit dem Zeitrechnungssprung und der befreienden Sprengung der Blöcke sei nahezu automatisch eine höhere Zivilisationsebene anvisiert. Im 21. Jahrhundert würden wir gewiss fähig sein, politisch und ethisch auf dem Niveau einer allseits höheren Weisheit der Konfliktbeherrschung zu handeln. Mit Schwellenlust auf neue Lösungen und von Illusionen entlastet, würden wir uns, so der Eindruck, aus den klammernden Erfahrungen des bösen 20. Jahrhunderts lösen.

Sloterdijk ließ, ohne es vielleicht direkt zu beabsichtigen, an diese naive utopische Erwartung nach dem 11. September denken: Vielleicht sei ja das politische US-Amerika so tief getroffen und plötzlich so schmerzend verletzt worden, dass es endlich erwachen würde aus der imperialen Trance. Und im Taumel einer so noch nie erfahrenen Verletzbarkeit würde sich die Weltmacht gar endlich interessieren für die Ursachen jenes Hasses, der da einen mörderischen Ausdruck gesucht und im Türmesturz auch gefunden hatte.

Die »Welt« spricht offen kopfschüttelnd von Sloterdijks »provokativer Nine-Eleven-These«, nämlich, »dass man im Prozess der Demokratie mehr und mehr auch für seine Feinde verantwortlich wird«. Das sei, so das Blatt, »die feinsinniger klingende Formulierung von: ›Selbst schuld, ihr Yankees!‹«. Nein, eben nicht! Sloterdijk ruft einfach nur auf, was damals für eine Geschichtsmillisekunde als Märchenglaube aufblitzte: Bin Laden wird nicht gejagt, sondern, um Schlimmeres zu verhüten, ernst genommen. Alles auf Anfang!, Mörder beider Seiten an einen Tisch! Mörder beider Seiten? Ja. Christoph Schlingensief damals: »Gerade auch Amerika ist ja wohl spätestens seit Chile 1973 weltpolitisch und sozial, selbst im eigenen Land, in ganz andere Menschengruppen hineingerast als diese beiden Flugzeuge über New York.« Das ist, Gott behüte!, kein Zynismus gegenüber unschuldigen Opfern, das ist Präventivtrauer über die absehbaren Folgen eines politisch-militärischen Spiraldenkens, das sich in Bekämpfung eines Wahnsinns selber ins Höhenwahnsinnige dreht.

Inzwischen leben wir doch in laufender Zerstörung zahlreicher sozial-markwirtschaftlicher Formen und deren Fundamente aus Kultur und Solidarität. Der globalisierte Markt verschärfte den Bruch zwischen den Welten und erweiterte jenen Raum, in dem sich privatisierte Gewalt entfalten kann - als Mischung zwischen politischem Fundamentalismus und ökonomischer Kriminalität. Aus Zivilgesellschaften sind Zitadellengesellschaften geworden. »Deshalb«, so der SPD-Politiker Erhard Eppler in einem »nd«-Gespräch, »halte ich den amerikanisch befohlenen Trend, so viel Politik wie nur möglich an den Markt und das Militär abzugeben, für eine Gefährdung der Menschheit. Wir führen Krieg gegen einen Terror, den wir nähren.«

Das ist er, der von Sloterdijk benannte Staatsterrorismus. Und also bleibt die Frage nach dem, was aus einer Demokratie werden soll, die sich nicht auch selber ins Visier der Prüfung nimmt. Die sich mehr und mehr selber beschneidet gegen den Attentatsschnitter Tod. Die an sich selber eingeht, weil nichts mehr von ihr ausgeht. Die Stärke zeigen will, was sie alles im Keime ersticken kann - und die nur immer neue Keime dessen legt, was uns irgendwann ersticken könnte. Da festigt sich doch zwanghaft der Eindruck, der »Terror« sei zum tragischen letzten und stärksten Kitt zur Verewigung unseres Systems geworden - und zugleich zum letzten Antrieb zu dessen Überwindung.

Wir sind Menschen des 20. Jahrhunderts geblieben. Krieg und Friedensbewegung. Gut und Böse. Alles beim Alten. Begriffe wie Solidarität, Pazifismus, Gewissen wurden fatal zurückerobert für Frontziehungen der noch weit unversöhnlicheren Grabentiefe. Die so über die Welt kam, dass sich Botho Strauß, in Furcht vor US-amerikanischer Missions- und Befriedungsgier, nach einem »panislamisches Reich vom Sudan bis nach China« sehnte. »Hätten wir es schon! Ein kalter Krieg wäre wieder möglich. Also Bedrohungspotenziale. Waffenruhe.«

Im »Krieg gegen den Terror« muss Politik dauernd hektische, heillose Entscheidungen treffen, und die Tragik besteht darin, dass dieser Tempozwang in krassem Gegensatz steht zur allgemeinen menschlichen Geschwindigkeit, Ereignisse zu verarbeiten. Keiner weiß wirklich, was richtig ist - aber man entscheidet zügig. Keiner vermag Auswirkungen abzusehen - aber man tut sehr rational. Ratlosigkeit, Zweifel, Sprachunfähigkeit, korrektives Bedenken stehen nicht wirklich hoch im Kurs. Utopisch, dass »die ehrlich zerrissene Seele eines Politikers zum Erregungsbestand der Öffentlichkeit« (E. M. Cioran) gehört.

Sloterdijk verriet in seiner Rede sein »Sympathiesystem«: ein System der Menschen, »die sich Zeit für einen zweiten Blick auf ihre Reflexe nehmen«. Mit dieser Definition bleibt er für die »Welt am Sonntag« ein »linksdrehender Dickschädel«. Woran man erkennen kann, wie veränderbar doch auch die Definition geworden ist, wer oder was als links gilt.

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