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Viel zu viele Kaiserschnitte

Hebammen beklagen, dass es keinen finanziellen Anreiz für spontane Geburten gebe

  • Von Wilfried Neiße und Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Freiberufliche Hebammen haben es in Brandenburg nicht leicht. In ländlichen Regionen müssen sie weite Strecken zurücklegen, um Mütter und Neugeborene aufzusuchen. Denn Geburten sind dort spärlich gesät. Dazu kommen die erheblichen Aufwendungen für die Haftpflichtversicherung. Damit sichern sich die Hebammen gegen das Risiko ab, dass bei einer Geburt oder danach etwas schief geht. 98 Prozent aller Geburten in Brandenburg finden allerdings im Krankenhaus statt, und beinahe jede dritte dieser Geburten erfolgt per Kaiserschnitt.

Dabei hält die Weltgesundheitsorganisation beim Kaiserschnitt allenfalls eine Rate von 15 Prozent für vertretbar. »Wenn Brandenburg fast 15 Prozent darüber liegt, sollten auch im Gesundheitsministerium die Alarmglocken klingeln«, meint die Landtagsabgeordnete Ursula Nonnemacher (Grüne). Mit einer Kaiserschnittrate von 29 Prozent liegt Brandenburg immerhin noch unter dem deutschen Durchschnitt von 32 Prozent. Die Spanne reicht von 23 Prozent in Sachsen bis zu 38 Prozent im Saarland. In Dresden gibt es mit 17 Prozent die niedrigste Rate. Spitzenreiter ist Landau in der Pfalz mit 51 Prozent.

»Die Geburtshelferinnen wollen auf Nummer sicher gehen und haben - durchaus verständlich - Angst vor dem Haftungsrisiko«, sagt Nonnemacher. Daneben spreche für Kaiserschnitte auch, dass sie von den Krankenkassen doppelt so hoch vergütet werden wie eine natürliche Geburt.

»Die normale Geburt ist vom Aussterben bedroht«, warnt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. Aus Sicht des Verbandes liegen die Nachteile eines Kaiserschnitts auf der Hand. Zwar bleibe den Müttern der Schmerz bei der Geburt erspart. Doch steige die Gefahr von Thrombose, Lungenembolie und Blutungen. Außerdem seien die Neugeborenen nach einem Kaiserschnitt anfälliger für Krankheiten und Allergien. Leider gebe es keine Anreiz, auf einen Kaiserschnitt zu verzichten, denn für so einen Eingriff könne das Krankenhaus etwa 1000 Euro mehr abrechnen als für eine normale Geburt. Nach Ansicht von Klenk wäre es erforderlich, dass die Kreißsäle personell besser ausgestattet werden. »Jeder Frau muss unter der Geburt eine Hebamme verlässlich zur Seite stehen«, fordert die Verbandspräsidentin.

In der Praxis muss eine Hebamme in der Klinik mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen, verrät eine Berliner Hebamme. Die Überwachung erfolgt dann teilweise über Monitore, auf denen die gemessene Herzfrequenz abzulesen ist. Wenn die Gebärende sich aber allein gelassen fühle, komme es häufiger zu Komplikationen und am Ende zu der Entscheidung, einen Kaiserschnitt zu machen.

Im vergangenen Jahr kostete die Haftpflichtversicherung für Hebammen 4250 Euro, rechnete die Abgeordnete Nonnemacher vor. Wenn man einen Durchschnittsverdienst von 24 000 Euro im Jahr unterstelle, müsste eine freiberufliche Hebamme also fast zwei Monatsgehälter allein dafür aufwenden. Trotz vereinbarter Anpassung der Vergütung drohe deswegen das Verschwinden des Berufsstandes. Steigende Versicherungskosten, geringe Einkünfte, immer höhere Haftungsrisiken und steigende Fahrkosten würden dazu führen, dass sich die Arbeit als Hebamme nicht mehr lohnt.

Eine Hausgeburt verspricht zwar eine höhere Vergütung, weiß die Berliner Hebamme. Doch viele Kolleginnen scheuen die dann fällige viel höhere Summe für die Haftpflichtversicherung. Da Hausgeburten ohnehin selten sind, rentiert es sich kaum, den exorbitant höheren Beitrag zu bezahlen. Die Höhe der Versicherungssumme hänge davon ab, welche Leistungen sie anbiete, erklärt die Hebamme. Sie selbst mache nur Geburtsvorbereitung und Nachsorge. Sie zahle deswegen viel weniger für die Haftpflichtversicherung, verdiene aber auch deutlich weniger, erläutert die 38-jährige Hebamme. Zwischen 250 und 900 Euro pro Mutter nehme sie ein. Das komme auf die Zahl der Hausbesuche an. Manche Mutter komme nach der Geburt schon nach zwei Besuchen allein klar. Die Krankenkasse bezahle bis zu zehn Hausbesuche nach der Geburt.

Immer zwei bis drei Mütter betreut die 38-Jährige parallel, jeweils bis zu zwei Monate und länger. Von ihrem Einkommen allein könnte die Familie mit zwei Kindern nicht leben.

Die Hebamme bedauert die hohe Kaiserschnittrate auch. Viele Mütter versprechen sich von einem Kaiserschnitt vor allem eine weniger schmerzvolle Geburt, weiß sie. Leider werde den Frauen viel zu selten deutlich vor Augen geführt, dass eine normale Geburt, die ohne Komplikationen verläuft, angenehmer sei. Denn dann könne die Mutter nach der Geburt aufstehen und auch bald nach Hause gehen. Doch nach einem Kaiserschnitt müsse die Frau tagelang das Bett hüten und könne kaum ihr Baby im Arm halten. Schließlich sei so ein Schnitt eine richtige Operation mit einer großen Wunde, die erst verheilen müsse natürlich auch Schmerzen verursache.

Eine gute Nachricht gibt es aber. Wie Gesundheitsministerin Anita Tack (LINKE) unterstreicht, arbeiten in Brandenburg noch genug Hebammen: »Zum Glück, kann ich nur sagen.« Das hat natürlich auch mit dem Geburtenknick nach der Wende zu tun. Was die Höhe des Einkommens und des Versicherungsbetrags betreffe, habe die Landesregierung nur begrenzte Möglichkeiten, sagt Tack. »Das bedauere ich, aber es ist so.«

Die Landtagsabgeordnete Silvia Lehmann (SPD) verweist darauf, dass 2012 der Ausgleich für gestiegene Kosten der Berufshaftpflicht erfolgt sei. »Damit soll nicht gesagt werden, die Welt ist in Ordnung, aber es ist Bewegung im System.«

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