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»Jugend, mach dich fort«

Zustimmung zum oder gar Euphorie über den EU-Beitritt des Landes trifft man in Kroatien kaum an

  • Von Michael Müller, Zagreb
  • Lesedauer: 6 Min.

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»Nun sind wir also in der EU. Tut mir leid für Sie, tut mir auch leid für uns.« So wie Branko Krakan witzelt, ein Schiffbauingenieur aus Rijeka im kroatischen Nordwesten, bekommt man es als (deutscher) EU-Bürger zwischen Drava und Adria öfter zu hören. Vor allem wenn man auf der Suche nach etwaiger Euphorie oder wenigstens schlichter Zustimmung zum EU-Beitritt ist. Finden lässt sich beides nur schwer.

Wobei Krakan, der eine Im- und Exportfirma für Werftmaschinen und Schiffsbauzubehör betreibt, vielleicht eher noch zum Kreis der zumindest potenziellen EU-Optimisten im Land zu rechnen ist. Allein die Umrüstung der kroatischen Hochsee- und Fischereiflotte auf EU-Standards könnte auch sein Geschäft beflügeln. Ebenso dümpelt die Hafenwirtschaft nur noch so vor sich hin. »Vielleicht kommen wir jetzt nach dem grausigen Pleite- und Entlassungsaderlass durch die Privatisierung tatsächlich wieder aus der Talsohle raus«, meint er. Und er liebäugelt dabei mit den relativ niedrigen Lohnkosten in kroatischen Werften sowie relativ niedrigeren Liegegebühren in den kroatischen Adriahäfen.

Für Ivo Tecic sind solche Hoffnungen kein Thema. Er ist Landwirt in einem slawonischen Dorf nahe der Stadt Slavonski Brod an der Sava im nordöstlichen Kroatien und kalkuliert nüchtern: »Bisher erhielten wir für alle Produkte, von Eiern, Weizen, Mais bis Milch, staatliche Förderungen. Die fallen grundsätzlich weg. Die GAP-Zuwendungen (aus dem EU-Agrarförderfonds - d.A.) dürften auf die Betriebe heruntergerechnet bis zu 30 Prozent niedriger sein.«

Was dann passiert, konnte man nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens vor sechs Jahren sehen. Dort hatte es ab 2007 einen sprunghaften Anstieg der ländlichen Arbeitslosigkeit gegeben und - geradezu grotesk für diese Agrarländer - in den Supermärkten jahrelang keine Tomaten und Gurken mehr aus eigener Produktion, sondern nur aus Holland und Spanien. Tendenziell hat sich daran übrigens bis heute nicht viel geändert.

Überhaupt scheint nicht zuletzt das Beispiel Rumäniens und Bulgariens, die in fast allen relevanten ökonomischen und sozialen Kennziffern am Ende der EU-Rangliste rangieren, auf die einst deutliche EU-Affinität der Kroaten ernüchternd gewirkt zu haben. »Zwei Drittel der Kroaten wollen in die EU«, heißt es zwar oft in deutschen Medien. Doch richtig geht die Rechnung des EU-Referendums von 2012 etwas anders:

Kroatien hat bei rund 4,4 Millionen Einwohnern etwa 3,3 Millionen im Land lebende Wahlberechtigte. Davon haben bei einer Wahlbeteiligung von 43 Prozent ganze 62 Prozent mit Ja gestimmt - absolut von den 1,4 Millionen, die zu den Urnen gingen, also weit unter 900 000. Womit nicht 66 Prozent, also nicht »zwei Drittel der Kroaten« in die EU wollten, sondern 26 Prozent, also gerade ein Viertel.

Professor Alexandar Jakir von der Universität in Split an der Adriaküste nennt das »inzwischen abgeebbte überhöhte Erwartungen der 1990er Jahre«. Er meint indes, dass die meisten Bürger im Stillen dennoch davon ausgingen, »dass es keine wirkliche politische Alternative zum EU-Beitritt« gebe. Jakir räumt jedoch ebenso einen (Selbst-)Bewusstseinswandel in Kroatien ein. »Heute ist vielen Menschen wieder zunehmend bewusst, dass kroatische Identität durchaus auch eine balkanische Komponente hat.«

Das hieße im Klartext unter anderem, sich politisch und wirtschaftlich stärker regional zu orientieren. Doch davon war Kroatien trotz des Freihandelsabkommens CEFTA mit seinen Nachbarländern auch bisher noch recht weit entfernt. Nun muss es mit dem EU-Beitritt auch das CEFTA verlassen. Mit dessen Zollvorteilen fallen reale Marktchancen vor der nahen Haustür weg, ihre Kompensation durch neue Märkte in der etwas ferneren EU steht in den Sternen.

Was sich in Kroatien in Wirtschaft und Finanzen wohin oder eben auch nicht dreht, werden ab heute noch mehr als bisher Unternehmen und Banken aus - und zwar in dieser Reihenfolge - Österreich, den Niederlanden und Deutschland bestimmen. Firmenschilder und Supermarktnamen in jeder größeren Stadt belegen das ebenso wie die Eigentumsverhältnisse der kroatischen Medien. »Kroatiens EU-Beitritt wird die Rechtssicherheit für unsere Investoren dort weiter verbessern«, frohlockt Österreichs Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl im Wiener »Standard«. Hinter der Floskel Rechtssicherheit verbergen sich eben vor allem auch neue lukrative Möglichkeiten, Kroatien als Absatzmarkt oder verlängerte Werkbank zu benutzen.

Davon geht auch die Zagreberin Tatjana Maderic aus, Chemiestudentin und im »Jugendnetzwerk« aktiv. »Die Renditen für die ausländischen Investoren werden steigen, die derzeit fast 40-prozentige Jugendarbeitslosigkeit wird nicht sinken.« In größeren kroatischen Städten stößt man des öfteren auf gesprayte Losungen wie »Mladi, napustite Hrvatsku!« (Jugend, mach dich fort aus Kroatien!). Über 100 000 junge Leute taten das in den vergangenen zehn Jahren.

Der kroatische Kaufkraftstandard liegt mit 56 (EU-Durchschnitt gleich 100) etwa bei dem der baltischen Staaten und etwas über dem der sozial-ökonomischen EU-Schlusslichter Rumänien und Bulgarien. Verantwortlich dafür, dass es überhaupt noch so läuft, wie es läuft, ist der Adria-Tourismus an der rund 1800 Kilometer langen Festlandsküste mit den 1200 Inseln davor. Über die jährlich weit mehr als elf Millionen ausländischen Gäste wird ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts realisiert. Um das noch attraktiver zu machen, senkte die Regierung sogar die Mehrwertsteuer in diesem Wirtschaftszweig von 23 auf zehn Prozent.

»Erst hatten wir Kommunismus, dann Nationalismus, nun haben wir endlich Tourismus«, deklinieren die Hoteliers der vielen kleinen Häuser, die Besitzer der vielen kleinen Restaurants in Dalmatien gern. Gemeint ist eine besondere kleinteilige, sanfte Art von Tourismus, die es am Mittelmeer so nirgends mehr gibt. Was, wie die Lobby der inländischen Touristiker fordert, so bleiben soll.

Tourismusminister Veljeko Ostojic ist laufend dabei, Befürchtungen zu zerstreuen, dass die Küste nach dem EU-Beitritt »voll zugebaut wird« wie in Spanien in den 1980er Jahren und in Bulgarien ab Ende der 1990er. Doch Lockerungen, was das Verbot des Inselverkaufs an Investoren angeht, sowie Brandschatzungen an Waldflächen, die auf Umwidmung in Bauland warten, überschatten die Adriasonne bereits.

Kroatien soll bis 2020 pro Jahr rund zwei Milliarden Euro aus Brüssel erhalten. Wie Tatjana Maderic vom Zagreber »Jugendnetzwerk« bezweifeln viele, dass davon »nichts wie bisher auch in die privaten Taschen der sogenannten politischen Elite abgezweigt wird«. Was diese Elite so wert ist, macht die 28-Jährige an zwei Beispielen deutlich: Franjo Tudjman, von 1990 bis zu seinem Tod 1999 Staatspräsident, von dessen Gedenksymbolik das Land überschwemmt ist, wird vom Jugoslawien-Tribunal in Den Haag neuerdings gerichtsamtlich sogar als Kriegsverbrecher geführt. Ivo Sanader, bis 2009 für sechs Jahre Premierminister, wurde unlängst wegen Vorteilsnahme im Amt zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Kroatien ist kein reiches, aber ein schönes Land mit freundlichen, lebenslustigen Menschen. Die Krawatte wurde hier einst erfunden, die vierbeinigen Dalmatiner sind wie die Hand- und Fußballer weltweite Markenzeichen. Doch bei Beobachtern sorgt das Land auch immer wieder für, zurückhaltend gesagt, Irritationen. Etwa wenn staatlicher- und kirchlicherseits die Schuld des klerikal-faschistischen Ustascharegimes (1941-45) relativiert wird, das Hunderttausende Serben, Juden, Sinti und Roma abgeschlachtet hat. Wenn in Den Haag verurteilte kroatische Kriegsverbrecher aus den jugoslawischen Sezessionskriegen in Medien und mit Manifestationen solidarisch verehrt werden. Oder wenn wie jüngst im Mai in zwei Wochen im Auftrag von 30 katholischen Gremien 700 000 Unterschriften gegen die Homo-Ehe gesammelt werden.

Damit ist das verfassungsmäßige Quorum für ein Referendum weit übertroffen. Dies aber, beteuert der sozialdemokratische Premierminister Zoran Milanovic, wolle er verhindern. Gegen den Willen der Konservativen, die bis 2011 die Regierung dominierten, und vor allem gegen den Willen der katholischen Kirche. Im jüngsten EU-Land scheint sich also für den Herbst eine Verfassungs- wenn nicht gar Identitätskrise anzubahnen. Und wie beim EU-Beitritt steht Kroatien auch hier vor der Frage: Wende wohin?

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