Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schluss mit Disko

Ein Club muss schließen, ein Kiez fällt: Die Revaler Straße verändert sich - gegen den Willen der Anwohner

  • Von Marlene Göring und Sarah Liebigt
  • Lesedauer: 4 Min.
Vom Aussterben bedroht: Das Morlox in Friedrichshain steht beispielhaft für die drastischen Veränderungen der Clubszene in Berlin.
Vom Aussterben bedroht: Das Morlox in Friedrichshain steht beispielhaft für die drastischen Veränderungen der Clubszene in Berlin.

Freitags geht Max klettern am Kegel auf dem RAW-Gelände. Seine Freunde trifft er zum Sonnenuntergang-Schauen ein paar Meter weiter auf der Modersohnbrücke. Dann das erste Bier des Abends im R19, gleich gegenüber. Die Nacht verbringen sie meistens mit Kickern und Tanzen im Morlox, ebenfalls direkt um die Ecke.

Max ist Berliner, und seine Lieblingsorte zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße sind vom Aussterben bedroht. Wo einmal auf Brachflächen zusammengezimmerte Clubs für wenig Geld Spaß bis zum Morgen anboten, entstehen jetzt - na sicher, Eigentumswohnungen.

Nun soll es das Morlox treffen. Gerade hat dessen Besitzerin Ute Güldag die Berufung gegen eine Räumungsklage zum 30. September verloren. Besonders ärgerlich: Grund war ein bloßer Formfehler in ihrem Mietvertrag. Den hat sie vor Jahren mit der Gebauer GbR geschlossen. Der Richter konnte »aus dem Vertrag nicht erkennen«, dass tatsächlich die vier heutigen Erben dahinter stehen, die sich damals so nannten. Die Folge: Der neue Eigentümer, die Baugemeinschaft Haasestraße GbR, muss den Mietvertrag nicht übernehmen. Eigentlich hätte Güldag mit dem Morlox bis 2020 bleiben können.

»Dabei war sogar schon angedacht, dass der Investor eine Ausweichfläche bezahlt«, sagt Güldag. Jetzt ist keine Rede mehr davon. Ob sich eine Berufung nochmal lohnt, prüft zwar ihr Anwalt, ist aber unwahrscheinlich. Sie hofft jetzt auf Unterstützung aus Politik und Öffentlichkeit. Im August sind Aktionen geplant, vielleicht sogar ein Straßenfest - wenn sich die anderen Betroffenen anschließen. RAW, R19, Rosi's - die meisten Kultureinrichtungen in der Nachbarschaft sind bedroht. Güldag empört das Gebaren der Investoren im Kiez. »Ich weiß nicht, ob die skrupellos sind oder ›nur‹ ahnungslos, was sie hier zerstören.«

»Die Gegend um die Revaler Straße ist überhaupt die letzte, die noch den Charakter von Friedrichshain bewahrt«, sagt Ralf Gerlich, Vorsitzender der Piraten in Friedrichshain-Kreuzberg. »Skurril« seien die gemeinsamen Sitzungen der Bezirksverordneten mit Altanliegern und neuen Investoren: »Im Publikum nur Künstlertypen und die Bauherren zeigen Präsentationen, in denen Rentner vor blitzenden Fassaden auf einer Bank sitzen.« Seine Fraktion und die der Grünen wollen eine ausschließliche Wohnbebauung verhindern, auch auf dem Morlox-Gelände. Beide haben Anträge eingebracht, damit teilweise kulturelle Nutzung im Bebauungsplan festgeschrieben wird. »Für die derzeitigen Pläne des Investors gibt es im Bezirk keine Mehrheit.«

Hinter der Baugemeinschaft Haasestraße steckt Architekt Andreas Stahl. Unter seiner Federführung ist zwei Querstraßen weiter schon ein Neubaublock entstanden: Oben Edelwohnungen, unten Kita und Ingenieurbüro. »Klar ist das Morlox nur ein Club«, sagt Gerlich. »Wohin es führt, wenn man Stückchen um Stückchen rausschneidet, kann man aber am Prenzlauer Berg sehen.«

Vor etwa drei Jahren begann die dortige Clubszene auszudünnen. Im Jahr 2010 zog der Magnetclub an die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg. Das Icon musste im selben Jahr wegen Ruhestörung schließen. Der 50 Jahre alte Knaack-Klub verlor 2010 vor Gericht endgültig gegen die Klagen von Käufern umliegender Eigentumswohnungen. Der Klub der Republik wurde im Frühjahr 2012 symbolisch zu Grabe getragen. »Wir ziehen zurück aufs Land, hier ist es uns zu still« ist nur einer der vielen bösen Kommentare, die angesichts der grassierenden Verdorfung kursieren.

Ähnlich beliebt wie der Prenzlberger Kiez: Von der Jannowitz- bis zur Elsenbrücke sind die Ufer der Spree heiß begehrt. Die Strandbar »Kiki Blofeld« wich sechsgeschossigen Wohnhäusern, das YAAM ist noch in Betrieb, soll aber bis etwa Jahresende zwangsumziehen. Ein positives Gegenbeispiel ist der Holzmarkt. Auf dem Gelände direkt an der Spree werden nun keine Wohntürme errichtet. Die Holzmarkt-Genossenschaft plant hier einen neuen Kiez inklusive Hotel und Stadtgarten.

Robert ist DJ, noch legt er zweimal im Monat im Morlox auf. Er wünscht sich endlich eine verantwortliche Stadtplanung. »Man kann nicht Grundstücke verschleudern und sich dann wundern, welche merkwürdige Entwicklung ein Kiez nimmt.« Immer öfter, sagt er, »fühlt man sich als Berliner ausgeschlossen von seiner Stadt«.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln