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Eine Tür zur neuen Welt

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

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Wer kennt das nicht: Gedränge in Bus und Straßenbahn, rabiate Radfahrer, drängelnde Autos, Fußgänger, denen die Ampel egal ist. Die Verrohung der Sitten auf den Straßen Berlins ist eine deprimierende Angelegenheit, die mit dem Kapitalismus allein nicht vollständig zu erklären ist, aber ganz ohne ihn eben auch nicht.

Wir können nicht ausschließen, dass an solchen Akten der Rücksichtslosigkeit gelegentlich Mitarbeiter der sozialistischen Tageszeitung beteiligt sind. Auch sie sind gestresste Menschen, und schon wenn sie sich morgens erheben, lastet auf ihren schmalen Schultern schwer wie Blei der Druck des abendlichen Redaktionsschlusses.

Aber wenn sie erst einmal das Redaktionsgebäude erreicht haben, wenn sie das Foyer durchschritten und die Redaktionsetage erklommen haben, dann geraten sie an eine Schleuse aus drei Glastüren, die die große Außenwelt von der kleinen nd-Innenwelt trennen. Spätestens an diesen Türen werden die Mitarbeiter zu anderen Menschen. Die letzte Tür lässt sich von außen nur öffnen, wenn man fehlerfrei, nicht zu schnell und nicht zu langsam sowie mit dem richtigen Fingerdruck einen Code in eine fragil angebrachte Tastatur eingegeben hat. Ein befugter Angestellter hat dereinst in einem Anflug von Selbstherrlichkeit sein Geburtsdatum zum Passwort bestimmt. Und nun wird ihm zu Ehren täglich hundertfach - nicht selten fehlerhaft und deshalb vergeblich - diese Zahlenkombination getippt.

Wenn nicht gerade von innen ein Kollege naht und aufklinkt. Oder an der geöffneten Tür ausharrt, um die von außen herbeiströmenden Arbeitskräfte zügig einzulassen. Rührende Szenen spielen sich an diesen Glastüren ab. Geduldig wird gewartet, kleine Nettigkeiten werden ausgetauscht. Jüngere lassen Älteren den Vortritt; Ältere vollbringen erstaunliche, an Gret Palucca erinnernde gymnastische Leistungen, um die codebewehrte Tür noch kurz vorm Zuschnappen aufzufangen. Mancher streckt sich bis zum Äußersten, um mit Hand und Fuß gleich zwei Durchgänge offenzuhalten; zuweilen bilden sich, bei stärkerem Begängnis, regelrechte Stafetten. Und dies alles in einer Atmosphäre der Herzlichkeit, der Aufmerksamkeit und Zuwendung. Eine Oase der Höflichkeit. Freiherr von Knigge hätte seine helle Freude an uns.

Wie erklärt sich das? Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Zeitung all zu oft über das Unzulängliche, Garstige und Verabscheuungswürdige dieser Welt schreiben müssen. Wenigstens an einer Stelle aber, an diesen Glastüren, können wir uns versichern, dass die Kräfte des Fortschritts doch recht haben: Ja, eine andere Welt ist möglich!

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