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Sündenregister

Kulturnation?

In zehn kurzen Texten verbinden sich sachliche Feststellungen, Literaturauswertung und zornige Polemik zu einer wirkungsvollen Streitschrift: gegen die Diffamierung und die Zerstörung von kulturellen Zeugnissen dafür, dass es die DDR als einen ernsthaften Versuch zu einer neuen, besseren Gesellschaft gegeben hat. Peter Michel, der dreizehn Jahre lang Chefredakteur der vom Verband Bildender Künstler der DDR herausgegebenen Zeitschrift »Bildende Kunst« gewesen war, setzt damit seine vielfache publizistische Auseinandersetzung mit den Siegern der Wende in Deutschland fort.

Die Beseitigung von öffentlicher Kunst und von allen Arten kultureller Institutionen - Bibliotheken, Theatern, Orchestern, Galerien, Kulturhäusern - ist eine besonders auffällige und emotional wirksame Form von Machtwechsel und von Demütigung der Unterlegenen. Das war zu allen Zeiten so, und Michel verweist auch auf entsprechende Vorgänge in der DDR wie die Sprengung der Leipziger Universitätskirche. Aber das Sündenregister an Abrissen, Übermalungen, Beschädigungen, Schließungen, Entlassungen und Beschimpfungen nach 1990 ist erheblich länger.

Eindrucksvoll dokumentiert Michel, wie gesetzliche Vorschriften des Urheberrechts und Festlegungen im Einigungsvertrag scham- und straflos missachtet wurden. Dafür gibt es auch Beispiele im Westen. Baugebundene Werke des hervorragenden Kunstschmieds und Flächengestalters Fritz Kühn, die auch in der Bundesrepublik gefragt waren, wurden später dort ebenso wie im Osten beseitigt.

Mit Recht besorgt fragt Michel, ob die jetzt in Staat und Kommunen herrschenden politischen Kräfte das im Verlauf der Geschichte erreichte kulturelle Niveau des deutschen Volkes dauerhaft zerstören. Er verwendet dazu den gebräuchlichen Begriff Vandalen, der an eine Plünderung Roms durch diesen Germanenstamm im 5. Jahrhundert erinnert. Er kann aber auch erfreuliche Beispiele anführen, dass Denkmalpflegeämter, Gemeinden, Bürgerinitiativen und auch finanzkräftige Privatleute eingreifen, um bedrohte Kunstwerke zu retten. Walter Womackas Bildfries am Berliner Haus des Lehrers wurde restauriert. Die Stadt Thale holte ein abgetragenes Wandbild Willi Neuberts aus Suhl und brachte es neu an. Die kleine Fassung von Jürgen Raues Greizer Denkmal »Befreiung« gelangte aus Auschwitz über das Depot in Beeskow vor kurzem nach Potsdam.

Wachsamkeit ist jedoch weiterhin geboten. Unlängst startete der FDP-Nachwuchs eine neuerliche Attacke auf das Berliner Thälmann-Denkmal. Peter Michels Taschenbuch ist ein Wegweiser zu landesweitem Widerstand.

Peter Michel: Kulturnation Deutschland? Streitschrift wider die modernen Vandalen (weißdruck, 7), Berlin u. Böhlund: Verlag Wiljo Heinen 2012; 121 S., 33 Abb.; 7,50 €.

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