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Unentschlossen

In Eisenach feierte das Musical »Luther! Rebell wider Willen« Premiere

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Anfang dürfte »Jesus Christ Superstar« gestanden haben. Was damals, 1971, manche als Blasphemie abtaten, wurde kommerziell ein Langzeiterfolg: die Jesus-Geschichte in einer Rockoper, mit zündenden Songs aus Andrew Lloyd Webbers früher Feder und ganz aus dem Geist der Hippie-Ära. Damit zugleich so etwas wie das Maß der Dinge, will man ein solches Sujet der jungen Generation nahebringen. Ebenfalls von Lloyd Webber stammt von 1968 eine Joseph-Adaption; 36 Jahre danach, 2004, erinnert sich Fulda an seinen Klostergründer Bonifatius. Und 2007 feiert Eisenach mit »Elisabeth - Die Legende einer Heiligen« die verehrte Thüringer Landgräfin.

Zum 530. Geburtstag wurde nun Martin Luther Held eines Musicals in der Stadt, die ihm einen gut Teil ihrer Popularität für Touristen verdankt: Knapp ein Jahr lebte er in Schutzhaft als Junker Jörg auf der Wartburg, übertrug hier die Bibel ins Deutsche. Ein strahlender Heros war er nicht, eher zerrissen zwischen seinen auflehnenden Intentionen, zurück zu Gottes Wort zu gehen, und den unausbleiblichen Folgen: damit den Aufstand der Bauern zu befeuern, den der fügsame Gottesmann verdammte. Eine widersprüchliche Figur also, gut geeignet fürs moderne Musiktheater. Der Auftrag dafür ging an Tatjana Rese für Regie und Libretto, Erich A. Radke für die Musik. Zweidreiviertel Stunden lang umspielen sie die Zentralgestalt, mühen sich, ihr auch im Text so nah wie möglich zu bleiben.

Anlässlich seiner Hochzeit mit der Ex-Nonne Katharina von Bora erinnert sich Luther, der Rebellenjahre längst entwachsen, im Gespräch mit Freund Lucas Cranach an seinen Weg. Wie den Jura-Studenten während eines Gewitters Monster schreckten, er die heilige Anna, die leiblich einer bühnenhohen Plastik entsteigt, anfleht, ihn Mönch werden zu lassen. Ihm habe der Teufel ins Gehirn gekackt, wütet der Vater vorm Förderrad der Kupfergrube. Im Erfurter Kloster geißelt sich Luther auf der Suche nach der Wahrheit Gottes, der Abt empfiehlt ihm lakonisch, mal richtig zu sündigen. Nach Wittenberg wird er als Lehrer gesandt, dort mit dem empörenden Tun des Ablasshändlers Tetzel konfrontiert. Ein bewegendes Bild, wie einer Sterbenden die Hölle angedroht wird, weil sie den Zettel nicht zahlen kann. Das treibt Luther zusammen mit Schriftgießer Stephan zum Druck der 95 Thesen. Er muss fliehen, weil bereits päpstliche Häscher nach ihm kläffen, während - wirklich bis 95 zählend! - Thesenblätter vom Rang ins Parterre flattern.

Reichstag zu Worms 1521, Luther widerruft in einer Sprechszene nicht, wird für vogelfrei erklärt, sieht seine Bücher brennen, wird von einem gnädigen Fürsten auf die Wartburg entführt, wo er emsig schreibt, dort vom Teufel als Weib versucht und wirft, unabdingliche lokale Reminiszenz, das legendäre Tintenfass nach ihm.

Das aber ereignet sich schon im Teil nach der Pause. Dem Volk aufs Maul schauen will er da, gibt weit deftigere Sprüche von sich, soll den Brand löschen, den seine Lehren unterm Volk entzündet haben. Da jedoch scheiden sich bei ihm die Geister: Man müsse sich, so predigt er von der Kanzel, der weltlichen Ordnung im Glauben an deren Gottgefälligkeit unterordnen, denn: Wer das Schwert nimmt, solle auch durch das Schwert sterben. Die Mistgabeln als Waffen der Aufrührer richten wenig aus. Zu denen gehört auch Stephan, der Luther vergeblich an seine Rede von Gott als fester Burg gemahnt. Doch der einstige Reformer heiratet lieber, zeugt sechs Kinder, frisst, säuft, wird feist und müd. Wer nur einer Seele geholfen habe, habe nicht umsonst gelebt, verteidigt sich der »Rebell wider Willen«, so »Luther!« im Untertitel.

Das alles ist auf der Bühne zu sehen, in teils gleichnishafter Form und mit langer Sprechszene, in der das Musical pausiert. Radkes Musik, ihr Hauptmangel, bleibt unentschlossen zwischen choralhaft feierlichem Impetus, der den ersten Teil beherrscht und allenfalls balladeske Arien gestattet, und Rockgestus, wie er nach der Pause anklingt und dann zu sehenswerten Ensembles führt. Kein einziger Ohrwurm, den man mit nach Hause trüge, oft musikalische Sprachbebilderung statt eigenständiger Nummern. Ob das inszenatorische Konglomerat aus Gesangs- und ambitionierten Wortszenen, Videoprojektionen, Choreinspiel und entbehrlicher Choreografie ein langes Leben hat, bleibt abzuwarten. Matthias Jahrmärker als wackerer Titelheld, Tomasz Dziecielski als der in tenoraler Höchstlage balancierende windige Stephan und viele andere Akteure mühen sich jedenfalls redlich.

Vorstellungen bis 13. Juli

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