Von Volkmar Draeger
11.07.2013

Der die Bürde trägt

Bei Kai Dikhas präsentiert Kálmán Várady seine »Gipsy Warriors«

Auf den ersten Blick wirken die Exponate des Kálmán Várady fast schön in ihrem Gold- und Silberglanz. Zu schön, um so gemeint zu sein. Der genauere Blick eröffnet die dahinter verborgene Dimension. Sie klammert die 25 verschiedenen Genres zugehörigen Ausstellungsstücke in der Berliner Galerie Kai Dikhas. Unter dem Namen »Gypsy Warriors« tragen sie Militanz schon im Titel. Denn der Mittfünfziger Várady, geboren in Hoffnungsthal, ansässig in Köln, dazwischen Erwanderer dieser Welt, ist ein Rom-Künstler. Und trägt an der Bürde jener, die vielerorts nicht wohlgelitten sind und denen permanente Wanderung zum Lebenszustand geworden ist. Várady, aus Ungarn stammend, hat in Studienreisen den Globus erkundet: von Ländern Afrikas über die Türkei und Südamerika bis in die USA. Das schafft Bildung und Eindrücke, obzwar nicht immer die besten. Auch davon kündet die Ausstellung. Konzipiert ist sie als Rundgang.

Er beginnt mit einer hängenden »Sonne« aus polimentvergoldetem Holz. Bei dieser Technik wird viertausendstel Millimeter dünnes Blattgold in einem speziellen Verfahren dem Grund aufgebracht, was die Illusion massiven Goldes erzeugt. »Sonne« erinnert an das Chakra, das Speichenrad der Roma-Flagge, steht für lichte Zeit und Aufbruch, verbirgt jedoch nicht Risse im Holz und eine bröckelnde Oberfläche. Neben dem Rad als Reisesymbol platziert Várady einen gleichsam goldenen »Fleischerblock«. Der einstige Nutzgegenstand auf weißen Beinen wird zum Kunstobjekt veredelt; stumpffleckig schimmert Rot hindurch, vielleicht vom Blut der zerlegten Tiere. Vielleicht auch als düstere Reminiszenz an das Schicksal der ermordeten Roma und Sinti: Eine eingestanzte Deportationsnummer legt diese Deutung nahe. Darüber schweben drei hölzerne Schiffchen, zwei von ihnen polimentversilbert. »Die Reise« heißen sie summarisch und sind, durchlöchert, teils ohne Boden, ungeeignet für diesen Zweck. Sie schwimmen einzig durch die Zeiten, sind, einst dem Fischfang dienend, Fundstücke wie vieles auch, woraus Várady seine Objekte und Installationen kreiert.

Dafür steht »Calypso«, eine mit gelackten Muscheln bedeckte, so »angezogene« Schaufensterpuppe in unnatürlich geziertem Gestus. Várady »bindet« ihr ein Collier um, drapiert Brustbein, Rücken, Genital mit kreisförmigen Mustern, verpasst ihr aus Glasstücken einen Irokesenschnitt, legt in die verdrehten Hände die »Säge« eines Schwertfisches und bietet die Finger einer Libelle als Landeplatz. Verführerisch wie jene Meernymphe, die Odysseus verhexte, ist sie doch ein Konstrukt der Kunst.

Konkreter wirkt der übermannshohe »Gypsy Warrior«: Über eine Gipsgestalt sind so viele Attribute für Attacke und Verteidigung verteilt, dass man Mühe hat, sie zu entschlüsseln. Den Schädel formt ein Fischkopfskelett, dem ein Skorpion aufsitzt und ein Nager über das geöffnete Maul blickt. Harpune, umstickter Säbel, antike Pistole, mit Perlmutt intarsierte Muskete, Feuerzeug gewordene Granaten stellen Wehrhaftigkeit aus. In Beinkleidern aus alten Teppichen steckt die Gestalt; Fläschchen, Flakons, Perlbeutel und Stofftaschen dekorieren sie ebenso, wie ein Rugbyschutz als Schulter fungiert. Der »Krieger« mag für die Umtriebigkeit der Sinti und Roma stehen, ihre farbigen Wanderwege durch die Welt, auch für die Unmöglichkeit, sich angemessen gegen Ablehnung zu verteidigen. Sieben namentlich benannte goldene Köpfe stehen als »Ahnengalerie«, nur einige mit ausgearbeitetem Gesicht, die anderen, eher stellvertretend allgemein, mit glattem Antlitz.

An Eindrücke von Váradys Reisen gemahnt »Jagen verboten«, ein Digitaldruck auf Plexiglas: Vor dem Schild mit jener Aufschrift stapeln sich Knochen, wieder Anspielung auf Ermordete. Und die vergoldete Munition hypertrophierter Größe spielt auf Schüsse an, denen Várady selbst in Mexiko ausgesetzt war. Fünf kleinere »Gypsy Warriors« widmen Marienfiguren und Jesusstatuette durch mannigfache Draperien zu skurrilen Figuren auf Postamenten um. Ein christlich bekrönter Totenschädel ist silberner Kopf; der anderen Figur wird das Panzerkettenhemd zum verbergenden Tuch, in das vor einem filigranen Ast als Kragen Hutnadeln stechen; auch ein knopfbesetztes Bockshorn kann Kopf sein. Wundersames vom Spiegel, in dem man sich erblickt, bis zum Heiligenfoto ziert die Körper.

Den gesamten abendländischen Kulturraum hat Várady für seinen Parcours der Entdeckungen geplündert und collagiert, mit Hintersinn und viel Fantasie. Wenn er sich auf einem Fototriptychon die Pistole ans maskierte Gesicht setzt, ist das ein bitterer Schlusskommentar.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken