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Rechtsrock bei Barbarossa

Neonazis aller Schattierungen wollen zum Kyffhäuser pilgern - verfallen Kommunen in Schreckstarre?

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Im August steht Sachsen-Anhalt ein Rechtsrockfestival ins Land. Über 1000 Neonazis aller Schattierungen wollen offenbar Barbarossa rocken. Ein Bündnis möchte die ungebetenen Gäste vertreiben, damit die Raben weiter in Ruhe kreisen können.

Kaiser Rotbart, genannt Barbarossa, schläft im Harz. So jedenfalls geht die Sage. Und alle 100 Jahre schickt er einen Zwerg vor seine Höhlenburg, zu schauen, ob da die Raben noch kreisen. Falls ja, so muss der Herrscher weitere hundert Jahre schlafen.

Sollte er auch! Nicht nur, weil Deutsche unter diesem Namen Panzer bis vor Moskau rollen ließen. Auch sonst wäre der kreuzfahrende Staufer-Herrscher alles andere als ein Segen für ein demokratisches und friedliches Europa.

Das übrigens gilt auch für jene, die sich Anfang August zu Füßen des Kyffhäuser treffen wollen. Obgleich die meisten der anreisenden Neonazis noch nie und nichts von dem schlafenden Rotbart gehört haben mögen. Sie interessieren sich für die brutalen Beats von Bands, die sich »Kraftschlag«, »Oidoxie«, »Strafmass« oder »Painful Awakening« nennen und deren Hardcore-Texte allzu deutlich Hass verströmen: Hass auf Linke, Hass auf Ausländer, Hass auf Juden, Hass auf Schwule - kurzum auf alles, was nicht nazideutsch ist.

Die Liste derer, die da »In.Bewegung« sind und beim »politischen Fest der Nationalen« mittun, ist lang. Allen voran steht die NPD und ihre Jugendtruppe JN. Dann folgt so ziemlich alles, was in einem ordentlich verfassten Verfassungsschutzbericht Platz finden sollte. Doch den (siehe Randspalte) gibt es ja derzeit nicht. Freie Kameradschaften - also die Nachfahren des Thüringer Heimatschutzes, aus dem die NSU-Mörderbande erwachsen ist - sind präsent. Auch Dresdner Neonazis streiten »gegen das Vergessen«, der Ring Nationaler Frauen beginnt schon mit dem Zöpfeflechten. Devotionalienhändler en gros sind ebenso angekündigt wie die Gefangenenhilfe, die Nachfahre der verbotenen »Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige« ist.

Als Veranstalter tritt der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes des Kyffhäuserkreises, Patrick Weber, auf, und er hat natürlich das »lustige Kinderprogramm« nicht vergessen. Da kann doch gleich die ganze Familie »In.Bewegung« sein, denken sich die Kinderfänger und bieten neben einer »riesigen Hüpfburg auch einen Clown« auf.

Wer glaubt, das ganze Spektakel hätte etwas mit Wahlkampf zu tun, liegt nicht falsch. Zwei Generationen Volksverführer sind als Redner angekündigt: Udo Voigt, der abgehalfterte Parteichef, der sein Comeback anstrebt, und Udo Pastörs, der Coole aus dem Norden, der als Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender den Grat zwischen Agitation und Hetze wohl kennt, ihn dennoch immer wieder überschreitet. Auch der Chef der inzwischen verbotenen Wiking-Jugend will in den Harz kommen, dazu ein Landtagsabgeordneter aus Dresden und ein paar regionale Plappernationale.

Ursprünglich hatten die Rechtsextremen Sangerhausen als Austragungsort ausgewählt. Nun haben sie sich vorfristig aus der Stadt entfernt. Ein paar Kilometer nur, ins Örtchen Berga. Das ist einer jener kleinen Häuserhaufen, in dem der Supermarkt noch Kaufhalle genannt wird und ein Ort der Begegnung ist. Es gibt zwar eine Bürgermeisterin, doch die, so sagt jemand am Telefon im Gemeindeamt, sei nicht da. Er selbst hält dann den vereinbarten Termin mit dem Pressemenschen aus Berlin nicht ein. Worüber man nicht spricht, das gibt›s vielleicht gar nicht ... Irrtum! Die Neonazis mobilisieren fleißig. Berga ist bestens erreichbar per Auto und Zug - aus Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Brandenburg, Thüringen, Bayern. Irgendwie ist hier doch »Mitteldeutschland«.

Berga teilt sich seinen Bahnhof und auch sonst allerlei mit Kelbra, Dort ist das Zentrum der Verwaltungsgemeinde »Goldene Aue«.

»Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen«, ist an den Holzbalken des Rathauses zu lesen. Im Innern regiert Amtsleiter Ernst Hofmann. Und zwar schon seit Wendezeiten. Ursprünglich war er Ingenieur im Mansfeld-Kombinat. Doch den Kupferbergbau hat man ebenso eingestellt wie das Graben nach Kali in der Gegend. Die Fabrik, die Einspritzdüsen für Schiffsdiesel fertigte, ist zu. Die Pianofabrik hatte einst Weltgeltung. Vorbei. Selbst die Knopffabrik hat den abermaligen Bruch der deutschen Geschichte nicht überlebt. Von wegen, was du ererbt von deinen Vätern ...

Dennoch, die Gegend ist schön. Mit der überregionalen Bedeutungslosigkeit unterhalb des gerade eingerüsteten Kyffhäuser-Denkmals hat man sich arrangiert. Hofmann drücken andere Lasten. Es sind die, die man von oben an die nach unten durchreicht, freilich ohne die entsprechende Finanzausstattung. Da hatte er mit Hilfe der Arbeitsagentur so ein tolles Programm zur Beschäftigung der Beschäftigungslosen aufgelegt. Den Leuten tat‹s gut und den fünf Gemeinden ebenso. Auch die Suppenküche lief. Doch solche Träume kosten Geld. Nicht viel, doch selbst das Wenige hat man Hofmann gestrichen. Umso »erfreuter« ist er nun, wenn eine SPD-Landtagsfrau Eltern um sich schart und gegen die Kitagebührenerhöhung in den Kampf zieht. Hat sie doch selbst mitbeschlossen, da im noblen Magdeburger Parlament, schimpft der Amtsleiter.

Über »diese Nazis« mag er gar nicht reden. Kein Wort, denn das wäre doch auch noch Reklame. Klar würde er die gern fernhalten, doch die NPD sei nun einmal eine zugelassene Partei. Warum auch immer. Nun müsse er alle gleich behandeln.

Und wie ist das mit kreativem Widerstand? Hofmann guckt verständnislos. Nur so als Beispiel, vielleicht Rot gegen Braun. 14 freiwillige Feuerwehren gibt es in den fünf Gemeinden. Die sind hoch geachtet, nicht erst seitdem sie anderen beim Hochwasser beigestanden haben. Wie wäre es nun mit ein bisschen Bürgerbeistand gegen Nazihaufen - so mit Sirene, Tatü-Tata und allem drum und dran? Das Gespräch treibt ab in die Fantasie und strandet wieder in der Realität. Hofmann, sagt: Zum Glück sei er nicht zuständig.

Wer dann? Der Landrat? Aber nein! Auch die Leute von Dirk Schatz (CDU) können mit einem Aufatmen die Verantwortung aus dem Hause weisen. Man konzentriert sich lieber auf die inzwischen 13. »Nacht der 1000 Lichter«, die zeitgleich mit dem Nazitrubel steigt. Verständlich. Doch wo liegt nun die Verantwortung für Anstand? In Halle bei der Polizeidirektion. Und dort wird man als Journalist kurz und knurrig abgefertigt. Über Einsatzkonzepte sagen wir nichts!

Weshalb man nur hoffen kann, dass die Leute in den Uniformen sich kein Beispiel nehmen an den Dresdner Blockadejägern. Denn natürlich werden die Nazis mit »Gegenwind« empfangen. Das Bündnis »für Demokratie und Vielfalt in Sangerhausen und im Landkreis Mansfeld-Südharz« ist am 9. und 10. August mit allerlei Veranstaltungen vielfältig organisiert: SPDler, Jusos, LINKE, Grüne, Kirchgemeinden, Gewerkschafter, überparteiliche Jugendorganisationen. Der gemeinsame Nenner lautet: Barbarossa soll ruhig weiter schlafen, die Bürgerinnen und Bürger aber nicht.

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