Der Tote darf ein Held bleiben

UCI-Präsident Pat McQuaid sichert Marco Pantanis Eltern den Erhalt des Toursiegs von 1998 zu

  • Von Tom Mustroph, Tours
  • Lesedauer: 3 Min.

Seltsame Blüten treibt der Radsport. Da bequemt sich eine französische Senatskommission, Ergebnisse von Dopingnachtests der 1998er Skandaltour, die bereits geschlagene neun Jahre vorliegen, endlich zu veröffentlichen. Und statt Interesse an echtem Wissen - und nicht nur Spekulationen - über die Vergangenheit zu zeigen, sorgt zunächst eine selten so dicht geschlossene Allianz aus Profis, Rennorganisatoren und Sportpolitikern dafür, dass diese Erkenntnisse erst nach der 100. Tour bekannt gegeben werden.

Die Krone setzt diesem Handeln nun aber wieder einmal der Weltradsportverband UCI auf. Dessen amtierender Präsident Pat McQuaid versicherte den Eltern des auch von Drogen und Doping in Depressionen getriebenen Radprofis Marco Pantani, dass es keine Sanktionen gegen den Sohn geben werde. Er hatte die Tour 1998 gewonnen und sechs Jahre später sein Leben per Suizid beendet.

»Die Analysen des französischen Labors im Jahr 2004 entsprechen nicht den technischen Standards für Antidopingtests und können daher nicht als Beweis im Rahmen von Antidoping-Untersuchungen angenommen werden. Sie würden nicht die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens ermöglichen. Außerdem sind die Prinzipien der Anonymität nicht respektiert worden«, schrieb McQuaid laut Auskunft der italienischen Sportzeitung »Gazzetta dello Sport« den Eltern.

McQuaid mag formal Recht haben. Die Analysen waren 2004 aus wissenschaftlichen Gründen zur Verfeinerung der Testverfahren vorgenommen worden. Auf reguläre Dopingverfahren waren die Labore damals gar nicht aus. Da der WADA-Code allerdings die Aufnahme von Untersuchungen bei einem »Verdacht auf eine verbotene Methode« vorsieht, liegt McQuaid mit seinem Versprechen an Pantanis Eltern sachlich doch daneben.

Auch zeigte die Ermittlung der US-Antidoping-Behörde USADA gegen Lance Armstrong, dass solche Tests als Beweismittel durchaus sinnvoll sind. Parallel zu Tests der 98er Proben wurden vor neun Jahren auch Urinproben der Tour des Folgejahres untersucht. Ein Jahr nach diesen Tests - und einen Monat nach Armstrongs siebtem Toursieg - nannte die französische Tageszeitung »L’Equipe« den Amerikaner einen »überführten Epo-Doper«. Die Namen der anderen Betrüger von 1999 würden sich als Annex zu den »98ern« sicher nicht schlecht machen. Doch diese Form der Aufklärung ist im Radsport offenbar nicht erwünscht.

Der fünffache Toursieger Bernard Hinault und aktuelle Mitarbeiter beim Tourorganisator ASO, sagte »nd« auf die Frage, ob die Tour Konsequenzen aus dem Bericht der Kommission ziehen werde, nur: »Das interessiert mich alles nicht. Wir sollten erst einmal abwarten, wer überhaupt auf dieser Liste steht.« Da hat der »Dachs« nicht unrecht. Verblüffend nur, dass Pat McQuaid ohne jedes Wissen um den Inhalt dieser Positivliste vorschnell eine allgemeine Straflosigkeit verkündet.

Selbst angesichts des Dilemmas, dass es schwer fallen dürfte, nach etwaiger Disqualifikation von Pantani einen sauberen Sieger jener Tour zu identifizieren, so wirkt der Freibrief aus dem UCI-Hauptquartier in Aigle doch wie die Fortsetzung der bekannten Vertuschungspolitik. Statistisch kommen bei 96 in Paris angekommenen Profis nicht einmal fünf saubere Kandidaten infrage; auf 95 Prozent schätzte der damalige Tourteilnehmer Christophe Bassons den Doperanteil dieser Tour, die vom Festina-Skandal überschattet worden war.

Für heutige Radprofis ist es zudem ärgerlich, wegen dieses Missmanagements der Verbandsoberen in eine Art Sportarthaft genommen zu werden. Klarheit in der Vergangenheit wäre eine gute Basis für eine weniger befleckte Zukunft. Nur muss man eben auch die Courage zur Klarheit haben.

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