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Mutter sein dagegen sehr ...

In der AWO SANO-Klinik in Rerik kommen Frauen und ihre Kinder wieder zu Kräften

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 8 Min.

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Gelassen sind sie, ausgeglichen, geduldig mit ihren Kindern. Sie sehen aus wie das blühende Leben, ausgeschlafen, ausgeruht, zuversichtlich - Deutschlands Mütter.

Die Rede ist von Deutschlands Müttern nach der Kur. Vor der Kur sind deutsche Mütter in deutlich anderer Verfasstheit. Beispielsweise Karolin G. Vor der Kur, die sie zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Lina-Maria antrat, war sie gesundheitlich ein Wrack. »Unser Immunsystem war heruntergefahren«, erzählt sie und meint mit »wir« auch Lina-Maria, die unter anderem an Neurodermitis leidet. »Sie brachte einen Infekt nach dem anderen aus der Kita mit, ich habe mich immer angesteckt.« »Immer angesteckt« hat sich die 36-jährige Sparkassenbetriebswirtin und stellvertretende Geschäftsstellenleiterin aus Leipzig, weil viel zu viel auf ihren Schultern lastete - der Beruf, das Kind, der Haushalt, die Pflege des kranken Vaters, die Wäsche. Ihr Ehemann, ein Polizist, sei permanent im Bereitschaftszustand und für die Familie oft nicht greifbar. Der Hausarzt hat Karolin und Lina-Maria G. schließlich eine sogenannte Mutter-Kind-Kur verordnet, in ihrem Fall »zur Stärkung des Immunsystems und der Verbesserung des Hautbildes«. Nachdem die Kasse diese bewilligt hatte, hat sich Karolin für die Klinik der AWO SANO gGmbH in Rerik an der Ostsee entschieden.

Auch die Berlinerin Annette F. hat Rerik gewählt. Jetzt, wenige Tage vor ihrer Abreise, wirkt sie ruhig, entspannt, erholt. Als sie vor drei Wochen mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Roberta anreiste, so berichtet sie, sei sie »mit den Nerven ziemlich am Ende« gewesen. Mit 46 ist Annette F. keine junge Mutter mehr. Die Wirtschaftsanglistin arbeitet als Planerin im Hochschulbereich, nach Robertas Geburt hat sie ihre Stunden um ein Viertel reduziert. Roberta sei ein Wunschkind gewesen, sollte ihr Lebensmittelpunkt werden. Leider habe sich der Vater kurz nach Robertas Geburt verabschiedet. Er sei »fest eingeplant« gewesen. Jetzt habe er auch noch den begleiteten Umgang mit Roberta abgebrochen. »Nicht das Kind belastet mich, sondern die Umstände der Scheidung«, sagt Annette F. Aber auch das Kind habe unter ihrer Anspannung gelitten. »Als mir bewusst wurde, dass ich manchmal keine Geduld mehr mit Roberta habe und sie anherrsche, obwohl ich das gar nicht will, war es Zeit für die Notbremse.«

Die 38-jährige Hotelfachfrau Annett G. aus dem brandenburgischen Herzberg war erschöpft und wohl auch leicht depressiv, als sie ihre Kur antrat. »Ich war nicht mehr zufrieden mit mir«, beschreibt sie ihre Gemütslage. Sie hat drei Kinder: einen 23-jährigen Sohn, der schon länger aus dem Haus ist, und den sechsjährige Joona und die vierjährige Jette, die sie nach Rerik begleiteten. Erholung? »Es ist hier wie zu Hause«, sagt sie, »nur gelassener. Und weil ich mich nicht ums Einkaufen, Kochen und Tisch decken kümmern muss, habe ich mehr Freizeit.« Annett G.s Mann arbeitet als Vermessungsingenieur, Vollzeit, sie hat eine halbe Stelle in einer Caféteria. »Dieser Druck auf der Arbeit«, klagt sie. »Neue Träger, Umstrukturierung, das führt ständig zu Missstimmungen. Man fängt früher an und hört später auf, ohne dass man die Stunden aufschreibt. Es hat mich krank gemacht.« Jede fünfte deutsche Mutter ist kurbedürftig.

Dabei sind Deutschlands Mütter in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Nicht nur, weil sie nicht zu fürchten brauchen, dass ihre Kinder verhungern müssen, auch, weil in der Bundesrepublik schon 1950 eine Institution zur Stärkung der Mütter gegründet wurde, die »Elli-Heuss-Knapp-Stiftung - Deutsches Müttergenesungswerk«. Mehr als vier Millionen Frauen verdanken der Stiftung seither eine Kur, heute 40 000 pro Jahr. Bis in die 70er Jahre hinein gab es nur reine Mütterkuren: Die Arbeit sollte zu Hause bleiben. Dann kamen die Mutter-Kind-Kuren auf, und 1983 fand die Kur mit Anhang auch offizielle Anerkennung. Es ist ja auch nicht immer ganz einfach, egal, ob man alleinerziehend ist oder in einer Partnerschaft lebt, für die Dauer der Kur eine Betreuung für ein Kind oder mehrere Kinder zu finden. Seit den 90er Jahren riskiert eine Mutter allerdings schräge Blicke, wenn sie, um zu Kräften zu kommen, ihren Nachwuchs einige Wochen allein lässt - von anderen Müttern aus ihrem Umfeld. Den Mythos der perfekten Mutter haben Frauen selbst wiederbelebt. Was den Druck auf sie erhöht.

Träger der Mutter-Kind-Kuren unter dem Dach des Müttergenesungswerkes sind die großen Wohlfahrtsverbände. Die AWO SANO gGmbH als corporatives Mitglied der Arbeiterwohlfahrt unterhält gleich drei Mutter-Kind-Kliniken - in Baabe, Kühlungsborn und Rerik. Leitende Ärztin ist Maria Stadthalter-Bauer, die sich noch daran erinnert, als Kind selbst mit der Sammelbüchse für das Müttergenesungswerk unterwegs gewesen zu sein. Damals hätten zur Zielgruppe vor allem Mütter mit vielen Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen gehört, heute hätten die Frauen überwiegend zwei Kinder und seien sozial durchmischt.

Was macht deutsche Mütter krank? Maria Stadthalter-Bauer ist da sehr vorsichtig. Die Gefahr der Etikettierung sei groß. Deshalb möchte sie statt von Krankheiten lieber von Gesundheitsstörungen reden. »Gesundheitsstörungen sind vorübergehend, lassen sich gut behandeln und gehören zum Leben.« Auch das Wort Patientinnen möchte die Leitende Ärztin vermeiden, sie schlägt vor, von »überlasteten Frauen mit leichten Störungen, die die Lebensqualität beeinträchtigen«, zu sprechen. Konkret meint sie: Erschöpfungszustände mit depressiven Episoden. »Viele Mütter, wenn sie zu uns kommen, haben schon lange Raubbau an ihrer Gesundheit betrieben. Je länger, desto komplexer die Schäden. Sie haben Schlaf- und Konzentrationsstörungen, sind ausgebrannt und total müde. Sie sind fertig mit der Welt, manche sitzen dann vor uns und weinen.«

Wie schon den Schilderungen von Karolin G., Annette F. und Annett G. zu entnehmen war, sind die Ursachen vielfältig. Sie sind objektiver und subjektiver Natur, und manchmal greifen die Gründe ineinander. Maria Stadthalter-Bauer sieht es so: »Die Ansprüche der Gesellschaft an Belastbarkeit und Flexibilität in Beruf und Alltag sind gestiegen. Da spielt einerseits die Arbeitsverdichtung eine Rolle, andererseits gibt es zunehmend Alleinerziehende, die nicht nur die ganze Last von Haushalt und Erziehung tragen, sondern glauben, dem Kind auch den Vater ersetzen zu müssen. Aber auch diejenigen Mütter, die in Partnerschaften leben, übernehmen in der Familie oft den Großteil der Arbeit. Sie stemmen noch immer den Haushalt, fahren das Kind überall hin, wollen für alle immer das Beste. Mütter machen sich vergleichsweise mehr Sorgen als Väter, stellen häufiger Dinge in Frage - sie sind die Kümmerer. Das zehrt, und bei all dem erfahren sie oft zu wenig Wertschätzung. Bei manchen übersteigt das die Kräfte.«

Auch Maria Stadthalter-Bauer sieht, dass sich Frauen heute wieder mehr als in den zurückliegenden Jahrzehnten über das Muttersein definieren. »Sie legen sehr, sehr viel Wert darauf, dass es ihren Kindern gut geht und sie ihrer Rolle gerecht werden. Es kommt immer auch darauf an, was man sich vom Leben wünscht und unter welchen Druck man sich selbst setzt.« Ein Phänomen unserer Wohlstandsgesellschaft? Spielen Abgrenzungswünsche oder Abstiegsängste eine Rolle? Beides dürfte zutreffen.

Besorgt ist Maria Stadhalter-Bauer darüber, dass pro Kur auch 10 bis 15 Prozent der mit angereisten älteren Kinder psychisch auffällig sind. Bei ihnen beobachte man in den Gruppen Bindungsängste, mangelnde Impulskontrolle, auch schon depressive Störungen. Es könne sein, so Maria Stadthalter-Bauer, dass die familiäre Interaktion schon längere Zeit nicht mehr funktionierte. Auch Reizüberflutung durch die neuen Medien nennt sie als Auslöser.

Klinikleiterin Ilka Granzow erläutert die Kurangebote. Schon bei der Ankunft lernten die Frauen ihre Bezugstherapeuten kennen, die entweder Sozialpädagogen, Psychologen oder Ärzte sein können. Je nachdem, ob es sich um eine Präventions- oder um eine Rehabilitationskur handelt, seien die Schwerpunkte unterschiedlich gewichtet: Ernährung, Bewegung, Entspannung, Beratung zu den jeweils problematischen Lebensthemen. Wochentags würden die Kinder betreut, wobei es den Mütter frei stehe, sie jederzeit abzuholen und mit ihnen etwas zu unternehmen. Eigenverantwortlich könnten sie freie therapeutische und Angebote für die Freizeit wahrnehmen. Im Abschlussgespräch mit dem Bezugstherapeuten resümiere man dann gemeinsam, wie es zu Hause weitergeht.

Karolin G. und Lina-Maria müssen ihre Kur leider fünf Tage früher beenden. Soeben hat sie ein Anruf erreicht, dass nach einem Unwetter letzte Nacht der Keller ihres Hauses und der Garten unter Wasser stehen. »Es war wunder-, wunderschön hier«, sagt Karolin G., »schöner als Urlaub. Ich hatte Zeit für mein Kind und für mich. Wenn man mit dem Mann in den Urlaub fährt, deckt man ja doch immer den Tisch und räumt auf.« Die Sonne hat Karolin G. geküsst, sie sieht aus, als könnte sie Bäume ausreißen - wie eine junge Frau an der Ostsee aussieht. Künftig will sie ihren Alltag entspannter angehen, Lina-Marias Hautbild hat sich verbessert.

Annette F. kann ihre Kur noch fünf Tage genießen. Für sie war das Beste an der Kur der gruppentherapeutische Austausch. »So etwas fehlt mir zu Hause«, hat sie erkannt. In ihrem Freundeskreis gäbe es gar keine Mütter, in ihrem Haus lebten keine Kinder. Hier hat sie neue Freundschaften geschlossen: »Wir werden uns vermissen.« Sie hat gelernt, »dass auch andere Kinder mal unruhig schlafen und dass das ganz normal ist«. Jetzt wisse sie, »dass ich nicht ganz unfit bin, denn bei den Bauch-Beine-Po-Übungen konnte ich mit den Jüngeren mithalten«. Vor allem sei ihr klar geworden, »dass mir zu helfen ist und dass es Lösungen gibt«. Annette F. ist fest entschlossen, sich, wenn sie wieder in Berlin ist, auch dort professionelle Hilfe zu holen.

Annett G. sagt: »Ich würde gern noch bleiben.« Sie sei nicht mit der Erwartung gekommen, dass »hinterher alles besser wird«. Aber ihr sei bewusst geworden: »Stresssituationen lösen Krankheiten aus.« Deshalb will sie im Job gelassener werden, »man muss auch mal Nein sagen können«. Auch zu Hause will sie »mal was liegen lassen, man muss ja nicht jede Woche das Haus wischen«. Ihr Fazit: »Ich muss nicht perfekt sein. Ich habe mir vorgenommen, mehr Zeit für mich in Anspruch zu nehmen.«

Ob sie das schafft?

»Wir wollen mit unseren Kuren die Alltagsfähigkeit der Mütter wiederherstellen«, erklärt Maria Stadthalter-Bauer. Für den Anfang wäre damit viel erreicht. Es sei ja auch nicht auszuschließen, dass sich bedrängende Lebenssituationen in absehbarer Zeit zum Besseren wenden.

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