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Der portionierte Skandal

Enthüllungen bleiben wirkungslos, wenn es nur zu einer kurzfristigen Erregung kommt

  • Von Wolfgang Michal
  • Lesedauer: 6 Min.

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Erinnern Sie sich noch an die Stratfor-Mails? An jene gigantische Enthüllung von fünf Millionen Firmen-E-Mails? Eine Gruppe der Protestbewegung »Anonymous« hatte die Website des privaten US-Nachrichtendienstes Stratfor an Weihnachten 2011 gehackt und die entlarvenden E-Mails an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergereicht; anschließend publizierte eine »Medienpartnerschaft« aus Wikileaks und 25 handverlesenen Zeitungen und Rundfunkanstalten den »Scoop« - so nennt man die exklusive Enthüllung von Informationen, deren Veröffentlichung eine weltweite Sensation verspricht.

Enthüllt wurde mit den Stratfor-Mails vor allem die enge Verflechtung privater und staatlicher US-Geheimdienste bei der Nachrichtenbeschaffung. Doch bereits wenige Tage nach der ersten Veröffentlichungswelle verloren die beteiligten Medien das Interesse am eigenen »Scoop«. Zwar stellte Wikileaks noch viele Monate lang tausende von kompromittierenden E-Mails in handlichen Portionen ins Netz, aber das Thema war für die beteiligten Medien »gegessen«.

Sie hakten auch nicht nach. Deshalb lautet die oberste Regel für »Verräter« interner Informationen, also für Whistleblower: Du darfst alles verraten, aber du darfst nicht langweilen. Allzu komplexe, allzu detaillierte Informationen lassen die Aufmerksamkeit schnell erlahmen. Und Whistleblower laufen immer Gefahr, das Publikum im Eifer des Gefechts mit riesigen Datenmengen zuzumüllen. Also entscheiden die Medien eigenmächtig, wann ihre Kundschaft überfordert oder gelangweilt ist. Sie portionieren die Skandale so, dass sie der Aufklärung, mehr aber noch der Auflage nützen. Denn Medien sind gewinnorientierte Unternehmen. Sie müssen die leicht verderbliche Enthüllungs-Ware möglichst optimal im Sinne des Unternehmens einsetzen.

Konnte man früher davon ausgehen, dass eine Enthüllung aufgrund ihrer Seltenheit ein politisches Erdbeben auslöst, sind Enthüllungen heute ein fast schon planbarer Teil der Werbestrategie für das eigene Medium. Enthüllungen müssen nichts mehr verändern, die Empörungswelle und die damit in der Regel verbundene Nachfragesteigerung reichen vollkommen. Die vierte Gewalt, die sich politische Journalisten auf Medienkongressen gerne zuschreiben oder zuschreiben lassen - sie existiert nicht. Die Kontrolle der Macht ist zu einem edlen Anspruch geschrumpft, der garantiert folgenlos bleibt (der NSA-Überwachungsskandal führt uns das gerade vor Augen).

Wir ersticken in der Menge der Informationen

Inzwischen wissen die durch Skandale »Erschütterten« aus Erfahrung, dass sich die Aufregung in Grenzen halten und bald wieder legen wird. Sie wissen, dass Nachhaltigkeit nicht zu den Tugenden des Journalismus zählt. Sobald die nächste Sau durchs Dorf rennt, ist die alte vergessen. Enthüllungen, und seien sie noch so skandalös, verpuffen in einer Mediengesellschaft, die an der Menge ihrer Nachrichten erstickt. Niemand hat mehr die Zeit, alle enthüllten Skandale nachzuverfolgen und aufzuarbeiten. Außerdem wären die Leitmedien sicher die ersten, die ihr erregtes Publikum zur Mäßigung anhielten, würde auch nur ein einziger der permanent aufgedeckten Skandale tatsächlich einen Aufstand auslösen. Journalisten wollen nicht in den Geruch kommen, sich aktionistisch zu gebärden. Sie wollen nicht Helfershelfer einer Untat werden. Insofern entspricht der Vorwurf des New-York-Times-Journalisten David Carr, der Guardian-Mitarbeiter Glenn Greenwald habe dem Whistleblower Edward Snowden in unzulässiger Weise geholfen, dem in Deutschland wie eine Monstranz hoch gehaltenen Journalisten-Grundsatz: Mache dich nie mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten!

In Wahrheit machen sich Enthüllungsjournalisten ständig mit etwas gemein. Sie nennen es bloß anders. Sie nennen es neutral Quellenschutz. Der Quellenschutz sichert den Journalisten einen Vorteil, der von niemandem hinterfragt werden darf. Der Quellenschutz heiligt die Intransparenz des Verrats. Welchen Interessen der Quellenschutz letztlich dient, geht die Öffentlichkeit angeblich nichts an.

Um nicht missverstanden zu werden: Ein Whistleblower muss - wie jeder Informant - sicher sein können, dass seine Identität nicht preisgegeben wird. Aber dieser Grundsatz gibt dem Medium auch eine fragwürdige Machtposition. Das Publikum weiß in aller Regel nicht, woher das Enthüllungsmaterial kommt. Es weiß nicht, ob investigative Journalisten aus Geheimdienstkreisen mit Material versorgt und gezielt manipuliert werden, es weiß nicht, ob bestimmte Medien mit Geldzahlungen den Markt der Nachrichtenhändler zugunsten potenter Medien verzerren, es weiß nicht, ob jene Journalisten, die sich öffentlich mit »Scoops« schmücken, wirklich etwas geleistet haben oder ob sie nur per Post oder Festplatte bedient wurden. Die Verschleierung der Quellen hat ein Doppelgesicht: Sie ist notwendig, verführt aber andererseits zu Machenschaften.

Gerd Heidemann, der Stern-Reporter, der die gefälschten Hitler-Tagebücher kaufte, hat seine exklusive Quelle, den Fälscher Kujau, lange nicht preisgegeben und so den Schwindel verlängert. Gerade der Enthüllungsjournalismus zieht Selbstdarsteller an wie Motten das Licht.

Journalisten zwischen Macht und Eigennutz

Journalisten, die als Gatekeeper - als gewissenhafte Torwächter von Enthüllungen - ihre Pflicht zu tun glauben, stehen also immer in der Gefahr von Machtmissbrauch und Amtsanmaßung. Bei der stolzen Veröffentlichung der Offshoreleaks-Dateien, die das wahre Ausmaß des globalen Geldabflusses in Richtung Steueroasen offenlegte, entschied eine Handvoll Journalisten darüber, wer ins Visier der Steuerfahnder geraten sollte und wer nicht. Der Zahnarzt aus Husum, der auf den Jungferninseln ein paar Millionen Euro versteckte, war für die Medien nicht so interessant wie der Promi aus der vierten Reihe. Die Enthüllungsmedien maßten sich an, darüber entscheiden zu dürfen, wem Aufmerksamkeit oder Strafverfolgung gebührt und wem nicht. Erst als die Medien nachträglich erfuhren, dass die Steuerbehörden schon alle Informationen hatten, stellten sie die Offshoreleaks-Dateien auch der Allgemeinheit zur Verfügung.

Enthüllung ist eine gute Sache, aber sie droht inzwischen zur Medien-PR in eigener Sache zu verkommen. Wenn von Enthüllungen nicht mehr bleibt als die kurzfristige Erregung, wenn die aufgedeckten Missstände von den Verantwortlichen auf einer Backe ausgesessen werden können, dann kann man Enthüllungen eigentlich auch in der Pfeife rauchen.


Der Märchenhafte

Es war einmal, so ist es in Südeuropa überliefert, ein König, dem wuchsen Eselsohren. Er zeigte sich nur verhüllt; sein Barbier war der Einzige, der das Geheimnis kannte. keinem durfte er davon zu erzählen, anderenfalls würde er getötet. Den Barbier jedoch ließ das Geheimnis nicht ruhen. In seiner Not grub er fernab der Stadt ein Loch, steckte seinen Kopf hinein und sprach: »Der König hat Eselsohren!« Er schüttete das Loch zu, und bald wuchs dort ein Schilfrohr. Ein Hirte schnitt es ab und machte daraus eine Flöte, aus der aber nicht Musik ertönte, sondern der Satz: »Der König hat Eselsohren!« Überall war das Staatsgeheimnis zu hören. Der König wollte den Barbier hinrichten lassen, doch dieser erzählte ihm die Wahrheit. Als der König selbst der Flöte den verräterischen Satz entlockte, erkannte er, so heißt es, dass man auf Erden nichts verheimlichen kann. Der Barbier kam ungeschoren davon.

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