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Heimkehr der »Leipziger Köpfe«

Portäts des Zeichners Harald Kretzschmar im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig

  • Von Kurt Rolf Richter
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Porträt von Kurt Masur, das Harald Kretzschmar 1980 aufs Papier brachte (l.), und eine eigene »Ansichtssache «: ein Selbstporträt des Nicht-Leipzigers, der gleichwohl dort studierte und lehrte
Das Porträt von Kurt Masur, das Harald Kretzschmar 1980 aufs Papier brachte (l.), und eine eigene »Ansichtssache «: ein Selbstporträt des Nicht-Leipzigers, der gleichwohl dort studierte und lehrte

Vital, redegewandt und wortreich: Harald Kretzschmar war in seinem Element, als er inmitten der 8. Biennale der Satirischen Zeichnung im Leipziger Stadtgeschichtlichen Museum, die 300 Arbeiten von 46 Künstlern präsentiert, über Leben und Werk befragt wurde. Der in Berlin geborene 82-jährige Zeichner alter Schule, dem in der Karicartoon »Alle8ung« die Sonderschau »80 Leipziger Köpfe« gewidmet ist, plauderte anschaulich über seinen künstlerischen Werdegang. Als er sich 1950 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bewarb, zeichnete ein gewisser Gerhard Richter neben ihm und wurde abgelehnt. Während der Nichtzugelassene dann in Dresden studierte und heute einer der bestbezahlten Maler ist, wurde Harald Kretzschmar ein hervorragender Porträtzeichner, einem Genre, das heute auszusterben droht.

Ausstellungskurator Andreas J. Müller, der einst auch bei Kretzschmar an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hatte, würdigte ihn als einen Meister, der »das Typische einer Person durch seine grafische Delikatesse erfasst und dabei die gezeigten Personen zu Prototypen überhöht«. Seine Porträtkarikaturen sind Pinsel- oder Federzeichnungen in Schwarz-Weiß aus den Jahren 1947 bis 2011. »Sie sind zunächst spontan nach Kunsterlebnissen oder medienvermittelt entstanden«, erzählte der Künstler. Später kamen Redaktions- und Verlagsaufträge hinzu, und er besuchte gezielt Kunstschaffende. Und Harald K., Grafiker, Karikaturist und Schriftsteller, der seit 1956 in Kleinmachnow bei Berlin lebt, gestand auch, dass er Skizzen von Jurytagungen und anderen Veranstaltungen heranzog. Mit seinen über 1000 Veröffentlichungen, von denen ein Großteil auf der Kulturseite des einst wöchentlich erscheinenden »Eulenspiegels« sowie in acht Büchern gedruckt wurde, schuf er einen fast lexikalischen Überblick über Prominente der Kunstszene. Eigenkommentar des auch in dieser Zeitung präsenten Schreibers: »Manche sagen inzwischen, ich schreibe besser, als ich zeichne.«

Im Gespräch über Leben und Werk des Zeichners alter Schule ging es auch, von Museumsdirektor Volker Rodekamp angestoßen, um den Stellenwert der satirischen Zeichnung einst und jetzt. Andreas J. Mueller erinnerte daran, dass in der DDR hin und wieder bei Ausstellungen unliebsame Karikaturen abgehängt wurden. Kretzschmar hielt dagegen, dass dennoch die satirische Zeichnung in der DDR bei nationalen Kunstausstellungen oder in Zeitungen und Zeitschriften einen höheren Stellenwert gehabt hätte als heute. Denn: Die Zeiten, in denen Loriot im Fernsehen internationale Cartoons vorstellte, sind auch in der Bundesrepublik schon lange passe. Und die heutigen Zeitungen knausern mit Honorar, wenn es um Karikaturen geht.

Umso beglückter ist Museumschef Rodekamp, der auch Präsident des Deutschen Museumsbundes ist, dass Harald Kretzschmar seine »80 Leipziger Köpfe« dem Stadtgeschichtlichen stiftet. Es sind Konterfeis von Persönlichkeiten zwischen Erich Kästner bis Kurt Masur. Kabarettisten von Edgar Külow bis Jürgen Hart sind ebenso vertreten wie Erich Loest, bevor er die DDR verließ. Auch jene Karikatur von Walter Ulbricht ist dabei, die Ende der 50er Jahre einen »Eulenspiegel«-Chefredakteur den Job kostete, obwohl sie eigentlich nicht böse gemeint war. Aber zwischen Ostsee und Thüringer Wald waren einst eben Politiker als Karikatur tabu.

Bei der verbalen Übergabe der satirischen Zeichnung saßen inmitten des Publikums auch einige der von H. K. Porträtierten, wie die Schauspieler Christa Gottschalk, Manfred Zetzsche, der Grafiker Karl Georg Hirsch, der Buchgestalter Gert Wunderlich, der Lyriker Andreas Reimann oder Verleger Elmar Faber.

Museumschef Volker Rodekamp freut sich jedenfalls, dass das Konvolut der Köpfe, von Hermann Abendroth bis Erich Zeigner, von Max Klinger bis Udo Zimmermann, als Stiftung in den Bestand seines Hauses übergeht und somit ein weiteres Stück Leipziger Geschichte lebendig bleibt. Auch wenn ein Kopf fehlt: der von Harald Kretzschmar. Aber das lässt sich wohl ergänzen.

Die Karicartoon, einschließlich der Sonderschauen wie der von Werner Rollow über Napoleon, der auch das Plakat ziert, ist noch bis 11. August unmittelbar neben Leipzigs Altem Rathaus zu besichtigen. Einen Katalog gibt es leider nicht. War die Zensur schuld?

Nein! Das Geld fehlte. Und so wird wohl auch die Biennale auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Andreas J. Mueller gab sich optimistisch. Es werde bestimmt wieder etwas Neues entstehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Böttchergäßchen 3: Karicartoon Alle8ung. 8. Biennale der satirischen Zeichnung Leipzig 2013. Bis 11.8.

Studiogalerie: 80 Leipziger Köpfe von Harald Kretzschmar. Bis 11.8.

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