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Verschlüsselung und Anonymität für alle

In vielen Ländern veranstaltet die Cryptoparty-Bewegung Lernabende zu sicherem Internetsurfen – auch in Berlin

Es klingt nach einer Feier, bei der im Voraus nicht klar ist, worum es geht oder was passieren wird: Cryptoparty. Doch kryptisch ist da nichts, im Gegenteil: Die Cryptoparty-Bewegung will transparent machen, welche Überwachungsmöglichkeiten das Internet bietet und wie wir uns dagegen wehren können. Deshalb veranstaltet sie Lernabende – mit dem irreführenden Namen Party –, zu denen Leute ihre Computer mitnehmen können, um Anonymisierungs- und Verschlüsselungsprogramme gleich zu installieren.

Die Bewegung ist völlig dezentral und veröffentlicht Informationen und Termine auf der englischsprachigen Internetplattform www.cryptoparty.in. Auch ein Handbuch ist dort zu finden. Am Freitag fand wieder ein Lernabend in Berlin statt. Der 27-jährige Malte hat ihn organisiert, Ort ist der Veranstaltungsraum einer Neuköllner Hausgemeinschaft. »Das ist alles nicht kompliziert, alle können das lernen«, umschreibt er seine Motivation. Seine Initiative fiel auf fruchtbaren Boden. Rund 80 Menschen sind gekommen, sitzen auf Sofas, an Tischen oder am Tresen. Mehr als jeder Dritte hat einen Laptop vor sich und geht über die Drahtlosverbindung des Hauses ins Internet.

Malte ist weder in einem Hackerverein noch IT-Spezialist, erklärt er. »Meinen ersten E-Mail-Schlüssel habe ich schon 2004 erstellt«, erinnert er sich. »Ich habe ihn dann aber acht Jahre lang nicht genutzt. Mir fehlten die Leute, mit denen ich verschlüsselt kommunizieren konnte.« Dafür braucht es nämlich immer zwei. Nur Maltes Festplatte ist seit Jahren verschlüsselt, erklärt er. Bei den ersten beiden Cryptopartys in Berlin 2012 sei er noch Gast gewesen, dann habe er angefangen, mitzuorganisieren. Heute sei es diesechste in der Hauptstadt. Malte hält dann einen kleinen Eingangsvortrag – wegen des internationalen Publikums auf Englisch. Er reißt die aktuellen Erkenntnisse über die allumfassende Internetspionage und Datenweitergabe mancher Anbieter an, um sodann die diversen Programme zu erwähnen, mit denen die Verschlüsselung von E-Mails, Festplatten und USB-Sticks sowie Chat- und Facebook-Kommentaren möglich ist.

Der zweite Schwerpunkt ist die Anonymisierung des Internetsurfens, wofür es ebenfalls mehrere Optionen gibt. Wiederholt fragt Malte, ob Leute anwesend sind, die schon Erfahrung mit dem einen oder anderen Programm haben. Es melden sich jeweils einige der Anwesenden, die zum Teil auch T-Shirts tragen, die sie als einschlägig bewandert ausweisen. Sie setzen sich dann mit den Gruppen, die sich entlang gemeinsamer Interessen bilden, zusammen und geben Hilfestellung bei Installation und Anwendung der entsprechenden Programme. In einer Sitzecke hilft Felix bei der Installation von PGP zur E-Mail-Verschlüsselung.

Der 25-jährige IT-Berater ist zum ersten Mal bei einer Cryptoparty, will aber nun auch welche organisieren. »Ich finde es gut, dass sich jetzt endlich mehr Leute dafür interessieren«, sagt der in der Geschichte der Kryptografie Bewanderte. »Auf die Politik ist kein Verlass, dass sie das Briefgeheimnis schützt.« Kurz darauf stößt der neben ihm sitzende Wolf-Rüdiger Schlag einen leisen Erfolgsschrei aus: »Jetzt klappt es! Das ist ein tolles Gefühl!« Er benutzt das Betriebssystem Windows, weshalb es ein bisschen länger gedauert hat.Wer das auf freier Software basierende kostenlose E-Mail-Programm Thunderbird auf einem Linux-System nutzt, wird schneller mit der Einrichtung der Verschlüsselung fertig. Nun schicken sich einige der Leute in Felix› Sitzecke verschlüsselte Test-E-Mails zu. Als Wolf-Rüdiger fertig ist, erzählt er von seiner Motivation: »Ich bin Christ und auch in einer Gemeinde aktiv.« Es klingt, als würde er sagen wollen: Ich bin eigentlich kein Aufmüpfiger. Doch die Enthüllungen der letzten Wochen hätten ihn nachhaltig schockiert: »Ich bin stinksauer«, sagt der 42-Jährige mehrmals. »Seit 20 Jahren, seit meinem Studium ist das hier meine erste politische Aktion.«

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