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Die Gratwanderung des Goodluck Jonathan

Wie Nigerias Präsident den Terror der Boko Haram zurückdrängen will

  • Von Markus Schönherr, Kapstadt
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Gewalt im Norden Nigerias wird zur Zerreißprobe für das Land. Radikale Islamisten stellen die Regierung in Abuja vor die größte Herausforderung seit dem Bürgerkrieg.

»Terror ist wie schlechte Gewohnheiten zu erlernen, wie den Drogen zu verfallen. Wo nötig, werden wir Gewalt anwenden, um die Zerstörung zu stoppen, aber sie wird das Problem nicht lösen.« Durchaus vernünftige Ansichten, die Nigerias Präsident Goodluck Jonathan in einem Interview für das Magazin »The Africa Report« äußerte. Er will dem Terror der Radikalen mit Schulen und Arbeitsplätzen begegnen. »Wir versuchen, mit der lokalen Bevölkerung zusammenzuarbeiten.«

Das Leben in Nigerias Norden wird von einem blutigen Krieg zwischen Islamisten und der Armee geprägt. Tausende Soldaten sind dort stationiert, seit Jonathan im Mai den Notstand in drei Provinzen ausrief. Mindestens 10 000 Zivilisten sind in die Nachbarstaaten geflohen. Die islamistische Boko Haram geht bei ihren Anschlägen immer rücksichtsloser vor. Mitte Juni hatten die Gotteskrieger eine Schule in Maiduguri gestürmt und neun Jugendliche erschossen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und US-Außenminister John Kerry beschuldigen aber auch die Armee, Menschenrechte verletzt zu haben.

Die Region ist bisher vom wirtschaftlichen Geschehen des Landes weitgehend abgeschnitten. Drei Viertel der Bevölkerung leben statistisch von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Für Jonathan ist das die Saat, aus der Terrorismus sprießt. »Wir haben eine Vielzahl junger arbeitsloser Männer und Frauen, also müssen wir Gesetze verabschieden, damit die Wirtschaft wieder florieren kann.«

Dafür soll unter anderem eine bessere Infrastruktur sorgen: Aus China brachte Jonathan für diese Zwecke einen Kredit in Höhe von 700 Millionen Dollar zu Vorzugszinsen mit. Für die Bauern im trockenen Norden plane man ein Bewässerungssystem. Um die künftige Mango- und Tomatenernte exportieren zu können, seien bereits neue Terminals an den Flughäfen gebaut worden. Der Norden soll auch davon profitieren, dass innerhalb der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) künftig 80 Prozent der Waren ohne Auflagen verkehren.

Größtes Problem bleibt laut Jonathan aber die hohe Zahl an Schulabbrechern. Um die Langzeitfolgen zu bekämpfen, arbeite sein Kabinett jetzt mit den Lokalregierungen zusammen, um Kinder und Jugendliche an die Schule zu binden.

Dem Präsidenten sei die Situation im Norden entglitten, sagen seine Kritiker. Immer wieder warfen sie ihm vor, nicht hart genug gegen die radikal-islamistische Boko Haram vorzugehen. Er selbst bezeichnete sich als den »meistkritisierten Präsidenten«. Im Interview sagte er, man müsse »erst Demokratie herstellen«, eines der größten Probleme Afrikas sei, dass zu häufig das Militär in Regierungsgeschäfte eingreife. Jonathan - seit 2010 im Amt - möchte 2015 noch einmal für die Präsidentschaft kandidieren. Seine Chancen hängen auch davon ab, ob er die Lage im Norden in den Griff bekommt. Noch sieht es nicht danach aus.

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