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Der Kranich hebt nicht ab

Ver.di bestreikte Lufthansa-Call-Center in Berlin-Adlershof

»Da oben ist es ziemlich leer«, sagt ver.di-Verhandlungsführer Max Bitzer. Den Himmel meint er aber nicht, obwohl der Warnstreik in der Nähe des Berliner Flughafens Schönefeld einmal mehr die Lufthansa trifft. Rund 100 Beschäftigte der Früh- und Spätschicht bei Global Telesales (GTS) legten am Montag von 11 bis 16 Uhr die Arbeit nieder; über 90 Prozent Streikbeteiligung. Kundinnen und Kunden von Lufthansa oder Germanwings mussten bei ihren Telefonanfragen oder -buchungen vermutlich mit Wartezeiten rechnen.

Die Tarifrunde für die 100-prozentige Lufthansatochter ist festgefahren, ein neuer Verhandlungstermin ist nicht vereinbart. »Die Verantwortung dafür, dass wir hier streiken müssen, trägt die Lufthansa«, sagten die gewählten Mitglieder der ver.di-Tarifkommission, die für die über 400 Beschäftigten um höhere Löhne streitet. Mit einer Fünf-Prozent-Forderung waren sie im Juni in die Verhandlungen gezogen. Die Lufthansa habe die erste Runde sinngemäß mit den Worten begonnen: »Eigentlich hatten wir für GTS über einen Sanierungstarifvertrag nachgedacht. Zu geben haben wir nichts.« Jetzt, nach drei Treffen, herrscht Stillstand.

Die Tarifkommission ist den Vertretern der Frankfurter Lufthansa-Konzernzentrale entgegengekommen: 3,5 Prozent mehr Entgelt, mindestens aber 70 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, lautet nun die Forderung. Die Lufthansa bietet 100 Euro Einmalzahlung für 2013 und dann für 2014 nur 1,5 Prozent mehr bei 24 Monaten Laufzeit. »Bei 1400 Euro brutto kann man sich vorstellen, was das heißt«, sagt Ali Redha von der Tarifkommission. Für die Beschäftigten drohe bei einer Inflationsrate von rund 2,5 Prozent ein Reallohnverlust. Seit elf Jahren arbeitet Redha bei der GTS. Er ist lange schon engagiert, war Betriebsratsvorsitzender.

Die Global Telesales hat neben dem im Jahr 2000 gegründeten Berliner Standort Call Center in Istanbul, Sidney oder Kapstadt. Das Unternehmen kümmert sich um alles Erdenkliche, das man als Fluggast der Lufthansa telefonisch anfragen kann - Ticketbuchung, Reklamation, Umbuchungen, Betreuung von Reisebüros, Geschäfts- oder Bonusmeilenkunden. Die Arbeit ist in den letzten Jahren mehr geworden. Arbeitsverdichtung ist das Wort, das alle Befragten an diesem Vormittag vor dem Firmengebäude benutzen. »Es ist schade, dass wir wieder diesen Schritt gehen mussten«, sagt Redha, »aber ohne Streik scheint es bei der Lufthansa nicht zu gehen.« Das scheint paradox: Am Ende des Jahres wolle die GTS »eine schwarz Null schreiben«, erklärt ver.di-Sekretär Bitzer. Zudem baue Lufthansa am Berliner Standort Beschäftigung auf. Auch Betriebsratsvize Kersten Friedrich spricht von einem nicht akzeptablen Angebot angesichts steigender Arbeitsbelastungen. Immer mehr Arbeitsbereiche seien über die Jahre dazugekommen, sagt eine Beschäftigte, und Lufthansa habe schon jetzt Probleme, geeignetes Personal zu finden. Nach der Meinung vieler hier liegt das auch an den Löhnen, die zwischen 1400 Euro brutto für Einsteiger und 3200 Euro brutto für Abteilungsleiter schwanken, bei 40 Stunden Arbeitszeit. Vermögenswirksame Leistungen, Urlaubsgeld oder betriebliche Altersvorsorge, wie sie der Lufthansa-Konzerntarifvertrag vorschreibt, gibt es dem Vernehmen nach bei der GTS nicht.

Der fünfstündige Warnstreik war für das, was jetzt kommen mag, ein wichtiges Zeichen. Die Belegschaft steht hinter ihrer Tarifkommission. »Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es nicht mehr um Argumente geht«, sagt Max Bitzer. Die Beschäftigten applaudieren. »Wir wollen Wertschätzung für unsere Arbeit, und die drückt sich relativ in einer vernünftigen Bezahlung aus«, sagt eine Kollegin.

Wie es weitergeht, ist noch unklar, die Tarifkommission muss beraten. Das Scheitern der Verhandlungen, was den Wege zu Urabstimmung und unbefristetem Streik öffnen würde, hat bislang keine der beiden Seiten erklärt. »Wir hoffen, dass die Lufthansa auf uns zukommt«, sagt Jeanette Bossdorf. Sie arbeitet hier schon seit zwölf Jahren und hat als Tarifkommissionsmitglied im Jahr 2009 miterlebt, wie die GTS gestreikt hat - fünf volle Tage. Es war der längste Vollstreik, den es in einem Call Center in Deutschland je gab. Am Durchsetzungswillen der Beschäftigten dürfte also kein Zweifel bestehen. (mit dpa)

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