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»Nein, das ist nicht das Schloss«

Hannovers Rathaus ist wohl einzigartig in Deutschland - dieser Tage wird es 100 Jahre alt

Seit 100 Jahren prägt das Neue Rathaus mit seiner einzigartigen Kuppel - eine Besonderheit unter deutschen Rathausbauten - das Bild der niedersächsischen Hauptstadt Hannover. Über die wechselvolle Geschichte des Hauses kann man sich noch bis zum 28. Juli in einer interessanten Ausstellung vor Ort informieren.

Die bescheiden anmutende Ulanen-Tschapka auf dem Haupt, so vollzog Kaiser Wilhelm II. im Sommer 1913 die Einweihung des Neuen Rathauses in Hannover. Angemessener wäre der vom Regenten so geliebte Gardehelm mit dem silbernen Adler gewesen, strahlte dieser doch so eine geballte Protzigkeit aus, wie es der zehn Millionen Goldmark teure eklektizistische Monumentalbau in Niedersachsens Landeshauptstadt immer noch tut.

»Nein, das ist nicht das Schloss«, müssen sich Touristen oft belehren lassen. Sie staunen, in welch üppigem Palast die Stadtverwaltung residiert. Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens ist im Rathaus eine Ausstellung zu sehen, die von ersten Entwürfen bis zur derzeitigen Nutzung durch die Geschichte des Gebäudes führt.

Etwa 400 Büros

Seine Geschichte hat auch das markanteste Element des 98 Meter hohen Hauses: die Kuppel. Für Besucher ist sie, mit Europas einzigem Bogenaufzug erreichbar, die Attraktion des Gebäudes. Für den einstigen Stadtdirektor Heinrich Tramm war sie, betrachtet man dessen Führungsstil, wohl vor allem ein Zeichen für städtische Größe und den Machtanspruch der Obrigkeit. Tramm, von 1891 bis 1918 an der Verwaltungsspitze, hatte die Kuppel vehement gegen Pläne verteidigt, die »nur« einen Turm vorsahen, dem am Hamburger Rathaus ähnelnd.

Als Hannovers Prunkprojekt nach zwölf Jahren Bauzeit fertig war, erhielt es rasch den Beinamen »Schloss Heinrich«, auf Tramm anspielend. Der waltete wahrhaft schlossherrlich, verfügte zum Beispiel mal eben, dass der berühmte Max Liebermann vom Stadtdirektor und seinem Vertreter Porträts malte - für 16 000 Mark aus der Stadtkasse.

Und wie es sich für ein Schloss gehört, durfte dort auch nicht jeder so einfach jeden Weg beschreiten. Die Marmortreppe zum Ratssaal war bis in die 1960er Jahre hinein durch eine Kordel für das Volk gesperrt. Die Ösen jener Bürgerbarriere sind noch zu sehen. Verschwunden dagegen sind die Kaiserstandbilder am oberen Ende der Treppe. Wilhelm I. und Enkel Wilhelm zwo, aus Metall gegossen, waren schon 1922 auf Geheiß der Weimarer Republik in den Keller verbannt worden. Die Nazis holten sie zwar wieder hervor, ließen sie dann aber im Krieg für die Rüstung einschmelzen. Geblieben sind die leeren Sockel.

Auch das Rathaus selbst hat »Sockel«. Wegen seines feuchten Standortes mussten 6026 Buchenpfähle in den Baugrund gerammt werden, um das Fundament zu stabilisieren. Es trägt das 130 Meter breite Bauwerk, das über 700 Räume umschließt. Repräsentative Säle sind darunter und etwa 400 Büros für rund 500 Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Täglich begegnen sie den vielen Menschen, die das Gemäuer besichtigen.

Wilhelm II. opferte nur eine knappe Stunde für die Besichtigung. Ob der Monarch schon gnatzig war, als er im Rathaus auf die steinerne Büste des von ihm geschassten Kanzlers Otto von Bismarck schauen musste, ist nicht überliefert. Wohl aber hatte der Hohenzoller laut Chronistenzeugnis »die Augenbrauen hochgezogen« und war wortlos davon geeilt, als er in einem Saal das riesige Fresko »Einigkeit« des Schweizer Malers Ferdinand Hodler erblickte. Bürger bekennen sich darauf mit Schwurhänden zur Reformation. Wilhelm könnte darin auch eine Demonstration bürgerlicher Stärke und Auflehnung gesehen haben, vermuten Interpretatoren.

Von der SPD dominiert

Das Hodler-Bild ist Teil der Stilvielfalt, die sich am und im Rathaus zeigt. Jugendstil, Neo-Klassizimus, Zierrat wilhelminischer Prägung, von Bürgerstolz kündender Bombast: Die visuellen Eindrücke sind so wechselvoll wie die politischen Wege, die in diesem Bauwerk beschritten wurden.

Nach 1918 sprachen konservative Kräfte vom »roten« Rathaus, vor allem weil mit dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Sozialdemokraten Robert Leinert ein Mann auf dem Oberbürgermeistersessel saß, der zugleich als Vorsitzender der Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte fungierte. Sein Nachfolger Arthur Menge, Mitglied der Deutsch-Hannoverschen Partei, wurde 1937 von den Nazis durch Leute aus ihren Reihen abgelöst. Seit 1947 sitzen Sozialdemokraten im Chefzimmer, zuletzt Stephan Weil, nun Ministerpräsident. Einen neuen OB wählen die Hannoveraner im September.

Falls der Neue mal Zeit dazu hat, in alten Dokumenten zu stöbern, liest er vielleicht auch das Schreiben, mit dem der Kaiser zur Einweihung des Rathauses eingeladen worden war - mit der Anrede »Allerdurchlauchtigster, großmächtigster, allergnädigster Kaiser, König und Herr«. Warum der »Gnädigste« ausgerechnet mit der Ulanen-Tschapka im Rathaus erschien, stellte sich schnell heraus: Er besuchte in Hannover das Ulanen-Regiment. Dort, heißt es, habe er sich länger aufgehalten als tags zuvor im bürgerlichen »Schloss Heinrich«.

Ausstellung »100 Jahre Neues Rathaus«: noch bis zum 28. Juli, täglich von 10 bis 18 Uhr im Rathaus, Hannover, Trammplatz.

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