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Hand in Hand

Fortschrittliche Lehrpläne, emanzipatives Handeln: Die jüdisch-arabischen Schulen in Israel und Palästina

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 6 Min.

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»Lerne das Abc, es genügt nicht, aber lerne es! Lass es dich nicht verdrießen! Fang an! Du musst alles wissen!«, meinte Bert Brecht. Informationen und Bildung sind wichtig für den Friedensprozess in Palästina und Israel, aber auch gegen Antisemitismus und Islamophobie weltweit. Bildungseinrichtungen können hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. nd-Autoren besuchten Schulen in Jerusalem und Osnabrück.

In der großen Pause kurz nach zehn Uhr gibt es Streit, großen Streit. »Das gehört mir!«, ruft Mahmud, acht Jahre alt, auf Arabisch. Er versucht, ein Modell eines Autos aus einem Animationsfilm an sich zu reißen. »Stimmt nicht«, gibt der siebenjährige Joel zurück, spricht dabei hebräisch und schaut sich verzweifelt nach der Lehrerin um. Sie sieht sich die Szene aus einigen Metern Entfernung an. »Da müssen die beiden selber durch«, sagt die 29-jährige Avital Levy, die die Fächer Arabisch und Hebräisch unterrichtet.

Diese Alltagsszene, die auf anderen Schulhöfen zur sofortigen Konfliktvermittlung führen würde, gehört an dieser Schule im Westen Jerusalems zur Ausbildung und in den Lehrplan. »Die Schüler sollen lernen, sich gegenseitig zu verstehen, Konflikte argumentativ und mit friedlichen Mitteln beizulegen«, sagt Levy. Und das unter erschwerten Bedingungen: Arabisch und Hebräisch sind gleichberechtigte Sprachen. Wer nur die eine Sprache spricht, muss die andere lernen.

Die »Hand-in-Hand«-Schule ist in Israel und Palästina etwas Besonderes: Sie ist Teil eines Netzwerkes, das gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung in Israel schaffen will. Der Hauptgedanke: Jüdische und arabische Schüler sollen schon im Kindesalter gemeinsam zur Schule gehen. Das Netzwerk aus Kindergärten, Vorschulen und Schulen hat derzeit rund 1000 Schüler. Es ist das größte in einer Reihe von Projekten, die nach Angaben des Bildungsministeriums zusammen auf rund 50 000 Schüler kommen.

Die Angebote unterscheiden sich vor allem durch die Unterrichtsmethoden. Das Grundgerüst ist stets ähnlich: Die Lehrerinnen und Lehrer sind zweisprachig, der Unterricht ebenfalls, und die Schüler werden es deshalb irgendwann auch. Aufgenommen wird grundsätzlich jedes Kind, jeder Jugendliche, dessen Eltern die Grundprinzipien akzeptieren - ganz gleich, woher die Familie stammt und wie religiös sie ist. Nur die Lage und Entfernung der Kindergärten und Schulen schränkt die Eltern bei der Wahl ein. Viele nehmen aber auch lange Anfahrtswege in Kauf.

Analytisch denken und argumentieren lernen

Diese Schulen sind mehr als nur »Sozialromantik, in der Kinder heile Welt spielen«, wie die ehemalige Bildungsministerin Limor Livnat vom rechtskonservativen Likud-Block vor einigen Jahren diese Angebote entwürdigte. Die Lehrer gelten engagierter als an anderen Schulen, die Lehrpläne stellen Argumentation und analytisches Denken in den Vordergrund. Das ist anders als an staatlichen Schulen, wo Inhalte vermittelt werden, die vom Bildungsministerium eher nach politischer Doktrin als nach pädagogischer Notwendigkeit festgelegt werden.

Was das in der Praxis bedeutet, wird am Nachmittag in der Nähe der Jerusalemer Schule sehr schnell deutlich. Nach Schulschluss strömen die älteren Schüler zum Basketballspielen auf einen Sportplatz in der Nähe der Schule und treffen dort auf Altersgenossen aus öffentlichen Schulen. Obwohl sich in unmittelbarer Nähe ein palästinensisches Dorf befindet, sprechen die Schüler der nahen öffentlichen Schule nur wenig arabisch. Die Sprache wird dort zwar angeboten, ist auch offizielle Sprache in Israel, aber in der Schule für die meisten eher bedeutungslos. Man hat sich daran gewöhnt, dass die meisten arabischen Israelis gut Hebräisch sprechen.

Auffällig sind auch die Wissensunterschiede. Einer der Regelschüler erzählt, er habe noch nie etwas von der Grünen Linie gehört, bis die Jungs auf dem Sportplatz sie erwähnt haben. Seine Freunde pflichten ihm bei. Dass nicht einmal die Kinder und Jugendlichen, die direkt neben einem arabischen Dorf aufwachsen, wissen, wo bis 1967 die Waffenstillstandslinie mit Jordanien verlief, liegt am Bildungsministerium.

Nachdem in den 1980er Jahren zum ersten Mal in der Geschichte des Landes der Likud-Block an die Macht gekommen war, hat Israels Rechte begonnen, die Schulbildung nach ihren eigenen Ansichten umzuformen. Das Westjordanland, »die Gebiete«, wie sie von vielen Israelis lapidar genannt werden, wurde in Judäa und Samaria umbenannt - die biblischen Bezeichnungen für die Region. Seitdem muss das Gebiet westlich von Jordanien auch im Schulunterricht so genannt werden. Noch bedeutsamer war allerdings die Anordnung, die Grüne Linie aus offiziellen Landkarten zu streichen - also auch aus Schulbüchern. Die Schüler der staatlichen Schulen, ganz gleich ob Juden oder Araber, bekommen damit einen Kernpunkt des israelisch-palästinensischen Konflikts nicht mehr vermittelt. Dieser Schritt wird seit Langem von vielen Politikern unterschiedlicher Spektren kritisiert. Doch alle Versuche, die Entscheidung rückgängig zu machen, scheiterten am Widerstand der Rechten.

Der Grund dafür liegt in der Ideologie des rechten Lagers: Dort hat sich um die Besatzung des Westjordanlandes eine biblisch-historische Legitimation gebildet. Manche, wie die Siedlerpartei, die heute unter dem Namen HaBajit HaJehudi (Das jüdische Haus) firmiert, betrachten die Region als integralen Bestandteil Israels, weil das schon in der Tora so war. Andere, darunter ein Großteil des Likud, sehen das Westjordanland auch nicht als rein palästinensisches Gebiet. Israel habe auf der Grundlage von Teilungsplänen und Konferenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darauf ebenso ein Anrecht, wie die Palästinenser. Man müsse sich also darauf einigen, wer was bekommt.

Die Grüne Linie in Schulbücher einzuzeichnen, sagt die ehemalige Bildungsministerin Limor Livnat, würde bedeuten, eine Grenze zu ziehen, bevor sich Israelis und Palästinenser auf eine Grenze geeinigt haben. Das Problem dabei: »Damit wird auch die politische Willensbildung erschwert«, kritisiert Zahawa Gal-On von der linksliberalen Meretz-Partei. »Viele Israelis können nicht einmal die Nachrichten aus den besetzten Gebieten in einen Kontext stellen, weil sie nicht wissen, was genau dort besetzt ist.«

Für die Koexistenzschulen sind Inhalte wie die Grüne Linie deshalb selbstverständlich. Und nicht nur dies. Auch bei der Art und Weise, wie die jüngere Geschichte der Region vermittelt wird, gibt es große Unterschiede zu den staatlichen Schulen. Dort wird den Schülern - Arabern und Juden gleichermaßen - die israelisch-jüdische Sichtweise der politischen, militärischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Staates Israel beigebracht. Die arabische Sichtweise, die sich davon erheblich unterscheidet, fällt nahezu vollständig unter den Tisch. Aus gutem Grund: Als die linke Meretz-Partei vor einigen Jahren den Bildungsminister stellte und versuchte, das Werk des palästinensischen Nationaldichters Mahmud Darwisch in den Lehrplan der arabischen Schulen aufzunehmen, brach ein Sturm los, der fast die Regierung gestürzt hätte.

Mehrere gültige Sichtweisen

In den jüdisch-arabischen Schulen hingegen wird vermittelt, dass ein Ereignis immer mehrere Sichtweisen zulässt, und dass man diese andere Sichtweise akzeptieren muss. Doch nicht nur die Inhalte sind es, die der Rechten Pein machen, sondern auch die Handlungen zu denen sie führen. Absolventen solcher Schulen sind für die Armee interessant, weil sie fließend arabisch sprechen. Sie umgehen jedoch überdurchschnittlich oft den Wehrdienst - zu ungefähr 90 Prozent, sagt ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums. Das Militär versuchte vor einigen Monaten, »Berater« in einige Koexistenzschulen zu entsenden, um den älteren Schülern den Wehrdienst schmackhaft zu machen. Die Rekrutierungsversuche wurden jedoch schnell wieder eingestellt, nachdem vielerorts Schüler, Eltern und Lehrer auf die Barrikaden gingen.

Nachmittags auf dem Sportplatz sagen auch einige der Regelschüler, dass sie sich Gedanken über das Militär machen. Denn man trifft sich hier fast jeden Tag, man spricht miteinander. Und das eine oder andere bleibt hängen. 50 000 Schüler sind nicht viel. Aber sie multiplizieren sich an Orten wie diesem.

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