Väterchen Frost kämpfte mit

Vor 100 Jahren: Dezemberaufstand in Moskau

  • Von Sonja Striegnitz
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.
Arbat, Sadowoje Kolzo, Twerskaja Uliza, Sretenka, Kudrinskaja Ploschtschadj, Teatralnaja Ploschtschadj, Schabolowka ... Moskauer Straßen und Plätze wie diese waren in den Dezembertagen des Jahres 1905 von aufständischen Arbeitern durch Barrikaden aus Parkbänken, Telegrafen- und Telefonmasten, Gartenzäunen, Torflügeln, Sandsäcken und anderem Gerät in Abständen von 100 bis 120, teils auch 50 Metern unpassierbar gemacht worden. Der grimmige Frost war hier und da als Baumeister beteiligt: Übergossen mit kaltem Wasser, das sofort gefror und bizarre Gebilde hinterließ, verwandelten sich Straßensperren in unüberwindliche Hindernisse, die nur von Artillerie durchschlagen werden konnten. Anlage und örtliche Verteilung der Barrikaden waren nicht dem Zufall überlassen. Sie erfolgten so, dass sie einerseits die Zentren der Aufständischen sicherten, von wo aus kleine und kleinste Trupps nach Partisanenart Überfälle unternahmen. Andererseits wurden Gendarmerie und Militär von den zumeist am Stadtrand gelegenen Kasernen abgeschnitten und ihr Zugang zu besonders zu schützenden Objekten wie Staatsbank, Post- und Fernmeldeamt, Gefängnisse, Wasserwerk erschwert. Als eine radikale, zu allem entschlossene Minderheit von Moskauer Arbeitern den Aufstand wagte, lagen stürmische Streiktage, Verhaftungen wie die des sozialdemokratischen Föderativrates, Überfälle auf Streikende und Demonstranten schon hinter ihnen. Nach dem gesamtrussischen politischen Generalstreik im Oktober (vgl. ND vom 29./30.10.) sind die Ausstandsaktionen nur vorübergehend zurückgegangen. Die gezielten Provokationen und Repressalien der Herrschenden bei gleichzeitiger schleppender Umsetzung der damals dem Zarismus abgerungenen Zugeständnisse trieben Stimmung und Aktionsbereitschaft der Massen einem neuen Höhepunkt zu. Am 20. (7.) Dezember waren etwa 100 000 Moskauer in den Streik getreten, tags darauf kamen weitere 50 000 hinzu, zusammen also schon mehr Streikende als in den Oktobertagen. Landesweit erhoben rund eine Viertel Million Streikende in den der Fabrikinspektion unterstellten Betrieben politische Forderungen. Die einmütige Streikbefolgung der Beschäftigten des Moskauer Eisenbahnknotenpunktes bewirkte, dass binnen fünf Tagen das Bahnnetz des Landes weitgehend lahm gelegt wurde. Gewitzigt durch die vorangegangenen Ereignisse, war es den zaristischen Behörden indes gelungen, mit Truppeneinsatz strategisch wichtige Bahnknotenpunkte aus dem Streik herauszuhalten und auf einigen Linien den Verkehr zu gewährleisten. Insbesondere auf der »Nikolaus-Bahn«, die die Hauptstadt mit Moskau verband. Dies sowie die Verhaftung des Petersburger Sowjets am 16. (3.) Dezember (immerhin hatten ihn die Behörden 50 Tage ertragen müssen!) und eine allgemeine Schwächung des hauptstädtischen Proletariats durch bisherige Kämpfe erschwerte Hilfsaktionen der Petersburger für die aufständischen Moskauer außerordentlich. Der Aufstandsbeginn am 22. (9.) Dezember wurde nicht durch den Stand militärtechnischer und organisatorischer Vorbereitungen bestimmt, sondern ergab sich spontan aus den Streikaktionen. Neun Tage verteidigten die Revolutionäre hartnäckig ihre Positionen, gingen mancherorts zum Angriff über, fügten den regulären Truppen beachtliche Verluste zu, untergruben durch Kenntnisvorteil des Terrains und unkonventionelle Kampfmethoden deren Moral. Der Gegenseite war es keineswegs leicht gefallen, mit der aufständischen »zweiten Hauptstadt« fertig zu werden. Nicht nur, dass die Truppen der Moskauer Garnison, in Teilen »unzuverlässig« geworden und in Kasernen unter »Verschluss« gehalten werden mussten - es erwies sich auch als fehlgeplant die von den Militärbehörden betriebene rasche Rückführung der Einheiten aus dem Mandschurischen und deren teilweiser Einsatz gegen die Revolution in Sibirien. Nur ein geringer Teil der Fernöstlichen Armee stand den Herrschenden während des letzten Höhepunktes der revolutionären Kämpfe 1905 für deren Niederwerfung zur Verfügung. Für Sergei Witte, wegen seiner Verdienste bei der Rettung der Monarchie (Oktobermanifest) vom Zaren mit dem Posten des Ministerpräsidenten belohnt, hatte die Abrechnung mit dem »Aufruhr« oberste Priorität. Im Kriegsministerium und beim Zaren lief er Sturm, bemüht, die eigene Position gegenüber anderen, die noch rigoroser handeln wollten, zu behaupten. Witte setzte die militärische Überwachung der Eisenbahnknotenpunkte durch, ließ auf der Transsibirischen Eisenbahn den Kriegszustand einführen, veranlasste die vorzeitige Einberufung neuer Jahrgänge in die Armee und unterbreitete ein Gesetz über die vereinfachte Handhabung von Feldkriegsgerichten gegen Revolutionäre. Dem Rat seines Ministerpräsidenten folgend, ernannte Nikolaus II. Admiral Fjodor Dubassow, einen Mann mit »Verdiensten« (u. a. bei der Niederschlagung von Bauernaufständen in ukrainischen Gouvernements), zum neuen Generalgouverneur von Moskau und gab ihm sogleich noch das zarentreue Semjonowski-Garderegiment mit. Dubassow ließ am 30. (17.) Dezember den Stadtbezirk Presnja, wo sich die Aufständischen, verstärkt durch zusammenströmende Kämpfer aus anderen Stadtteilen, am ausdauerndsten ihren Gegnern widersetzten, von vier Seiten mit Artillerie belegen. Die Revolutionäre mussten - trotz Unterstützung durch die Bevölkerung, vieler Sympathiebekundungen und Hilfe aus Kreisen der Intelligenz - der militärischen Übermacht weichen. Sie zogen sich geordnet zurück. Teilnehmer dieser Ereignisse erinnern sich, dass sie nicht nur ihre Waffen sorgfältig aufbewahrten, sondern auch kartographisches Material über Moskau. Aufbewahrungsort war unter anderem das doppelwandige Fernrohr der Moskauer Sternwarte. Den »Siegern« passte das alles nicht. »Die Meuterei endet nach dem Willen der Meuterer, und wir haben die Gelegenheit verpasst, sie auszurotten«, so Moskaus Stadthauptmann. In der Sicht mancher heutiger russischer Historiker geraten die bewaffneten Aufstände von Ende 1905 in Moskau und anderen Städten des Russischen Reiches (u. a. Charkow, Jekaterinoslaw, Krasnojarsk, Nishni Tagil, Noworossisk, Rostow a./D., Slatoust, Sormowo, Sotschi) zu einem sinnlosen Abenteuer, das ebenso verteufelt wird wie mitunter die Revolution und die radikalsten Verfechter des Sturzes der Selbstherrschaft. Doch: Vor und in der Revolution haben alle revolutionären, antizaristischen Parteien den bewaffneten Sturz dieses Regimes als ein Mittel des Kampfes einkalkuliert, allerdings sich und die Massen unterschiedlich vorbereitet und engagiert. Als Bolschewiki, Menschewiki und Sozialrevolutionäre in den revolutionären Organisationen Moskaus (Föderativrat der SDAPR, Sowjet) die Entscheidung für den Aufstandsbeginn fällten, entsprachen sie der Stimmungslage des radikalsten, entschlossensten Teils der Arbeiter und der Intelligenz. Sie waren sich auch über die mögliche Niederlage im Klaren. Marxistische russische Revolutionsforscher heben dies in neueren Arbeiten hervor, ebenso die Tatsache, dass der Verlauf der Ereignisse seit dem Oktober 1905 beide Seiten die direkte Entscheidung im bewaffneten Kampf suchen ließ: Die Regierung musste um jeden Preis mit dem »Mob« Schluss machen, ihre Gegner, beseelt von einem heute nur noch schwer zu vermittelnden Kampfesmut und -geist, wollten nicht widerstandslos weichen, denn dies hätte sie demoralisiert. Mit den Dezemberaufständen überschritt die Erste Russische Revolution ihren letzten Höhepunkt. Trotz ihrer Niederschlagung sahen sich die Herrschenden noch weitere anderthalb Jahre mit revolutionären Erschütterungen und Kämpfen konfrontiert. Deren Abflauen, parallel zur Stabilisierung des alten Regimes, bildete den Inhalt der zweiten Periode der Revolution, für den His...

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