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Wie groß ist die Welt wirklich?

Wir werden immer ungläubiger - deshalb wächst eine neue Lust auf Glauben

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 10 Min.
Was geschieht, kann man Globalisierung nennen. Unbestritten. Aber dieser gängige Begriff lässt uns irgendwie draußen. Ihm fehlt das Praktische, das Zugängliche, etwas, das sich so anhört, als käme ein Urteil über diesen Tatbestand Globalisierung aus unser eigenen Erfahrung. Es fehlt das Liebliche. Etwas, das wir unter unsere Blicke und Füße nehmen können. Also sagen wir, statt Globalisierung: Die Welt ist klein geworden. Solche Formulierung macht ein gigantisches Rodungsprogramm, in dem die natürliche Welt unserer Kultur geopfert wird, zu etwas Lieblichem. Lieblicher geht es kaum. Und wie alles Liebliche ist es eine schöne Lüge. Die Welt ist nicht kleiner geworden. Global Village. Das ist die Lüge auf englisch. Englisch ist Weltsprache. Also sehr unlieblich. Nein, trotz Google, CNN und TUI ist die Welt wahrlich nicht kleiner, schon gar nicht zum Dorf geworden. Eher wurde sie doch größer, unheimlicher, undurchschaubarer. Jede Information vergrößert das Ausmaß unserer Überforderung. Jede Spezialisierung zementiert unsere Unsicherheit. Jede scheinbare Horizonterweiterung lässt in uns das Gefühl wachsen, den Überblick zu verlieren. Bilder stapeln wir, in uns, zu einer Halde ganz aus Buntschichten. Auf einer anderen Halde stapeln sich Nachrichten und werden doch nie Gedächtnis, Wissen, Erkenntnis. Die Welt wird klein? Wir selber schrumpfen und stehen erschlagen vor einem Kosmos von Zusammenhängen und Komplexität. Was immer kleiner wird, ist lediglich unsere eigene Stellfläche inmitten einer Illusion von Weltzugriffen. Stetig spezieller, punktueller wird unser Aktionsradius in einer gewaltigen, verzweigten Maschinerie. Noch nie war die Welt einerseits so gläsern, so aufgeklärt, so eroberungsoffen - aber just dieser Tatbestand verstärkt das Empfinden, im großen Motor ein Rädchen zu sein, das nichts von den Landschaften weiß, durch die der besagte Motor das Fahrzeug jagt. Die Folge dessen: Es wächst etwas, das doch scheinbar so unmodern geworden ist - der Glauben. Es ist genau genommen sogar ein blinder Glauben. Er ist nicht vordergründig religiös, und doch hat er viel zu tun mit jenen höheren Techniken, die in kirchlichem Auftrag Zuversicht und Lebensbejahung produzieren sollen. Denn ohne Glauben geht nichts mehr. Ich muss dem Metzger glauben, dass er mir einwandfreies Fleisch verkauft. Ich muss fest daran glauben, dass der Hochhaus-Lift exakt gewartet wurde. Ich muss im Alltag ungezählte Male Vertrauen aufbringen in den Rest der Menschheit. Dass sie es gut mit mir meint. Dass man mir die Wahrheit sagt. Dass man mir nicht ans Leben will. Irgendwann werden wir Bus fahren und darauf vertrauen müssen, dass in mitfahrenden Reisetaschen keine Bagage für Reisen ins Jenseits verborgen ist. Ständig sind wir, von der Klimaforschung bis zur Gentechnik, in Vorgänge verwickelt, von denen wir nur fest glauben können, dass diejenigen, die diese Vorgänge verantworten, gut ihre Arbeit tun. An den meisten Dingen sind wir nur durch Meinung beteiligt, nicht durch Übersicht und Einblick. Das war vielleicht nie anders, aber neu ist das Missverhältnis zwischen der Realität, unserer technischen Raffinesse und unserem angeblichen Vermögen, Welt zu beherrschen. Nein, die Welt ist nicht kleiner geworden. Immer mehr Menschen, also immer mehr einzelne Wahrheiten, immer mehr Feinstmechanik, immer mehr Angebote, immer mehr Philosophien für jedes Angebot. Wer lebt wirklich noch aus erster Hand? Wirklich, da hilft nur Glauben. Daran, dass jenes Versprechen eingehalten wird, das mich in den Supermarkt, ins Kino, an die Wahlurne lockt. Überlebenswichtig ist der Glaube daran, dass mich meine Inkompetenz auf vielen Gebieten des inzwischen rigoros technisierten Lebens nicht in die Katastrophe rennen lässt. Man denke nur daran: Zu Jelzins Zeiten war der russische Atomkoffer in den Händen eines Alkoholikers. Wissensanstieg produziert also eine anwachsende Glaubensgemeinschaft. Auf den Autobahnen, diesen wahren Todesstrecken, treffen sich zum Beispiel unzählige Vertrauensselige, die ihr Leben ohne Zögern dem Glauben an sichere Fahrzeuge und sichere Fahrer hingeben. Jeder einzelne weiß um Alkohol, überhöhte Geschwindigkeiten, übermüdete Fahrer. Aber jeder vertraut. Sich nur ein einziges Mal durch den Kopf gehen zu lassen, wen man in seiner näheren Bekanntschaft als miserablen, als leichtsinnigen, als unkonzentrierten, ja als unfähigen Kraftfahrer kennt, und dann dieses Schreckensbild hochzurechnen auf alle, denen man autofahrend auf den Straßen begegnet - aber sich trotzdem wieder dem Verkehr auszusetzen: Das ist schon ein wahres Gottvertrauen. Es gehört offenbar zur Tragik des modernen Menschen, dass er täglich in diesen Widerspruch verwickelt wird: einerseits glauben und vertrauen zu müssen, andererseits aber - und das mit Recht! - immer ungläubiger zu werden. In Bezug auf die Politik. In Bezug auf die Heilsversprechungen einer durchökonomisierten kapitalistischen Welt, die sich als Erlösungsgesellschaft feiert und also meint, mit dem Kult des ungezügelten Konsumismus sogar am glücklichen Ende aller Religionen angelangt zu sein. Eine Feier aber, die sich im Tanz ums goldene Kalb äußerst öde und gefährlich obszön erschöpft. Das Konkurrenzprinzip hat uns weit gebracht, global und geistig, und Reichtum ist wahrlich nicht nur ein negativ besetztes Wort. Es ist Errungenschaft. Aber das Konkurrenzprinzip hat uns in wesentlichen Dingen auch um uns selber gebracht. Und der Glaube selber ist ja auch aufgeteilt worden in Marktsegmente. »Eine päpstliche Enzyklika», schreibt Philosoph Rüdiger Safranski, »sie konkurriert mit den Do-it-yourself-Lebenshilfen und die Bibel mit den übrigen esoterischen Schriften. Wir sind eingetreten in das Zeitalter eines säkularisierten Polytheismus. In der pluralistischen Gesellschaft gibt es viele Götter, viele Wertorientierungen, eine Vielzahl von religiösen und halb-religiösen Sinnbestimmungen. Der eine Gott, der einst den geistigen Zusammenhang der abendländischen Gesellschaft verbürgte, ist zersprungen in die vielen kleinen Hausgötter.« Einesteils ist das hilfreich, weil dadurch jede Idee, jede Ideologie, jedes Postulat seine ausbalancierende Relativierung erfährt; jeder absolute Anspruch trifft auf eine gesunde Kränkung und besänftigende Stutzung, wie sie letztlich nur in einer demokratischen Ordnung möglich sind. Der in die Jahre gekommenen Menschheit tut solches Abdämpfen gut, es korrigiert deren eifernden Irrtum und das hochherzig optimistische Pathos der Anmaßung. Zugleich jedoch lauert in der Ver-Marktung aller Wertvorstellungen die Gefahr eines unterhaltsamen Zynismus, der tatsächlich an nichts mehr glaubt und der in den fortwährenden Entzauberungen des Daseins nur immer wieder Anlässe sieht, jeden Lebenssinn prinzipiell zu verhöhnen, einen Sinn, der im Menschen mehr sieht als einen lustvollen, edel-egoistischen Endverbraucher seiner selbst. Der Staat möge sich zurücknehmen, das wurde inzwischen zur gängigen Aufforderung derer, die sich ihre Freiheit gesichert haben. Wird dann aufgeregt über den Staat diskutiert, so wird es sehr schnell eine Diskussion über Renten. Weniger wird über Kredit gesprochen. Aber der Mensch lebt hauptsächlich auf Kredit. Man kann dies auch Hoffnung nennen oder den Glauben daran, dass es ein wenig mehr menschlich durchaus zugehen sollte in der Welt - und auch könnte. Die Geburt eines jeden Kindes gehört zu diesem Kredit, den sich die Gesellschaft selber geben müsste und immer weniger gibt. Schul- und Herzensbildung - alles Kreditsummen, die zurückzugeben wären möglichst in Beträgen, die zählen, nicht nur in Leistungen, die sich bloß rechnen sollen. Solchen Glauben muss man nicht als religiös bezeichnen. Aber vielleicht wird er es objektiv, weil er in Distanz zu einer Bekehrungsgier geschieht, in der sich der staatsterroristische »Christ« Bush in nichts von denen unterscheidet, die man islamische Fundamentalisten nennt - und dabei schlichtweg vergisst, dass sie »nur« das Komplementärbild zum westlichen Ideenexport bilden. Ideentransport als Religionsauftrag zu bezeichnen, wie es die Christianisierung tat (und Bush tut), das ist Misshandlung. Der Religion, wie auch derer, die man bekehren möchte. Vielleicht ist es ein widerständiger Reflex auf diesen gängig gewordenen Zynismus der Glaubensfanatiker wie der Glaubensverächter, dass zum Beispiel viele Theater in jüngster Zeit ihre Spielpläne unter das Motto von Religion und Glaube stellten: Man will nachdenken über das, was nach gründlichen Ernüchterungen des 20. Jahrhunderts, nach all den Verwandlungen von propagierten Fortschritten in bittere Rückschritte, nach all dem Verschleiß der hohen Texte auch im jungen 21. Jahrhundert überhaupt noch bleibt von Ethik, von Orientierung, ja: von Gott. Diejenigen, die Gott schufen, sagen ja mit Recht, dass es ihn noch gibt. Ich höre ihnen aufmerksamer zu als früher, aber ich warte immer darauf, dass die Schöpfer des Schöpfers auf eines achten: auf den Zusatz, dass sie es selber waren, die ihn schufen. Dass es Gott nicht gibt, ist die Rede derer, die sich keinen schaffen können oder keinen schaffen wollen. Sie denken, sie brauchen ihn nicht. Es ist so ein bisschen wie mit der Musik. Wer nicht gut hören kann, darf ja auch sagen, es gebe keine Musik und er brauche sie nicht. Erst mit dem guten Gehör entsteht die Möglichkeit von Musikalität. Sie ist eine Gabe. Religiös zu sein, ist auch eine Gabe. Sich Gott zu schaffen, ist ein Talent. Es ist ein Talent, das nicht unbedingt in Kirchen führen muss. Es ist das Talent, die Nichtbegreifbarkeit des Lebens zu akzeptieren und sich selber doch sinnvoll zu wähnen. Es ist die Fähigkeit, im Vertrauen nicht nachzulassen. »Womit wir Gott ausgestattet haben, das spricht für uns, auch wenn dann mehr Herrschaft als Freiheit herausgekommen ist«, schreibt Martin Walser und spricht von einem Urgrund des Glaubens, den man die Entfaltung eines Daseinsschmerzes auf genießbare Art nennen könnte. Das ist das Ziel. Aller Kirche. Aller Sozialpolitik. Aller Suche nach einer menschenwürdigen Gesellschaft. So käme (und will offenbar!) wieder ein Glauben in die Welt, der Gott nicht vordergründig im Munde führt, aber möglicherweise sehr viel mit ihm zu tun hat: Indem man nicht ihn anbetet, sondern die Menschen liebt, und zwar anders als jene, deren Verkündigungen nur Kunden kennt. Die Kirchen leeren sich. Die Parteien auch. Orientierung wird woanders gesucht. Aber sie wird gesucht. Das ist die Hauptbotschaft, die Kirchen und Parteien begreifen müssen, sie ergreifen muss. Die neue Lust vieler Menschen, auf tiefere Weise glauben, hoffen zu wollen. Es ist nicht heißes Begehren nach Jenseitigem, sondern angenehme Abkühlung zum Leben hin: etwas hinter den Dingen zu ahnen, das größer, mächtiger ist, als wir selber es je sind. Etwas, das unserem eigenen Handeln genau so viel Wert gibt, wie es zugleich verhindert, dass dieses Wertbewusstsein in Anmaßung gegen andere umschlägt oder sich hybrid gibt. Das wäre ein Grundsatz für Weltpolitik, aber es ist ja schon viel gewonnen, wenn sowas persönliche Glaubenssatzung wird. Religiös bleibt im Glauben an eine lebbare Welt immer eines: Jeder Mensch, jede Generation muss wahrscheinlich die Erfahrung der ersten Christen wiederholen - die Rückkehr des Heilands findet nicht statt, das große Versprechen wird nicht eingelöst. Lebenszeit ist in wesentlichem Maße eine Zeit der Ent-Täuschungen. Aber das ist kein Widerruf, sondern die eigentliche Offenbarung: Heil trifft nicht ein, sondern ist stets »nur« unterwegs. Bis zum Ende der Zeiten - die vielleicht gar nicht enden werden. Es gibt keine Erlösung, wir werden nicht nächstes Jahr in Jerusalem sein, die Götter sind im Exil. Doch seltsam: Mit jeder Befestigung dieser Wahrheit wächst doch zugleich der Wunsch, ihr zu entfliehen. Wo die Entzauberung am stärksten, am augenfälligsten ist, wächst zwar nicht die Rettung, aber doch der Traum davon. Die Entzauberung ist ein Widerspruch, den der Intellekt nicht auflösen, den aber der Glauben so ausdrücken kann, dass er Lebenslust aufrecht erhält. Gerade jetzt, in einer westlichen Gesellschaft, die schon Max Weber als »das stahlharte Gehäuse« sah, in das die Welt »hinter dem Menschengitter einer unbarmherzigen Rationalisierung eingeschlossen« sei, die sie gewaltsam auf ein vorgeschriebenes Gleis dränge. Die Entzauberung ist der Blick, der zu viel gesehen hat. Und doch verstärkt dieser Blick etwas, das in Immanuel Kants Frage »Was darf ich hoffen?« beschlossen bleibt. Diese Hoffnung entspringt nicht einer beruhigenden Anschauung der Welt, sondern der Zerrissenheit einer unverhüllt gelebten und erlittenen Existenz jedes Menschen - die aber ein unstillbares Bedürfnis nach Aufhebung aller Spannungen erzeugt. Nie werden diese Spannungen aufgehoben, aber dass das Bedürfnis danach unsterblich bleibt, ist ein schöner Glaube.

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