Manchmal muss man das Gleis wechseln

Heute vor 75 Jahren wurde im ostpreußischen Tilsit einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler der Gegenwart geboren, Armin Mueller-Stahl. Mehr als 100 Filme hat er in seiner Karriere gedreht, darunter solche Klassiker wie »Nackt unter Wölfen», »Lola«, »Night on Earth« , »Avalon« und »Shine«. Carsten Beyer hat ihn anlässlich seines Geburtstages in seiner Wahlheimat im schleswig-holsteinischen Sierksdorf getroffen.

ND: Sie sind ein Schauspieler, der ursprünglich mal Musiker werden wollte. Sie malen, Sie schreiben Bücher, und Sie führen mittlerweile auch selbst Regie. Welche dieser verschiedenen künstlerischen Gattungen ist Ihnen die Wichtigste?
Müller-Stahl: Die liebste Tätigkeit ist mir immer die, die ich im Moment ausübe. Insofern ist manchmal das Spielen dran, manchmal das Malen, manchmal das Schreiben. Ich finde es wichtig, dass man auch mal das Gleis wechseln darf. Das Wort ist relativ steif, relativ hart, nur in der Lyrik wird es weicher. Die Malerei will etwas erzählen, löst sich aber mitunter auf ins Abstrakte. Die Musik ist für mich das Höchste, denn sie muss sich nach nichts richten. Sie kommt direkt vom Himmel.

Haben Sie es bedauert, dass Sie Ihren größten Erfolg im Schauspiel gefunden haben und nicht in der Musik?
Das hat sich so ergeben, da kann ich jetzt nicht jammern. Aber wenn ich rückwärts schaue, hätte ich mein Leben vielleicht gerne etwas anders organisiert. Dann hätte ich vermutlich weniger Theater und nicht so viele Filme gemacht und mich mehr um andere Dinge gekümmert, um die Malerei und die Musik. Auf der anderen Seite bin ich dankbar, dass ich überhaupt so alt werden durfte, wie ich bin.

Begonnen hat Ihre Karriere mit einigen Rückschlägen: Am Konservatorium, wo Sie eigentlich Geige studieren wollten, sind Sie nicht genommen worden, und auch von der Schauspielschule hat man Sie nach einem Jahr wieder weggeschickt. Warum?
Das hatte zunächst mit mir selber zu tun. Die Lehrer an der staatlichen Schauspielschule in Ost-Berlin waren sehr autark und sehr bestimmend, und sie wollten, dass ich so spielte, wie sie glaubten, dass man spielen sollte. Ich fand das verkehrt. Ich war damals ein Rebell, der ich ja im Grunde heute noch bin, und ich widersprach den Lehrern. Das hörten sie nicht gerne, und so hat man mich nach einem Jahr gehen lassen mit der Aufforderung, ich solle doch Politiker werden, meine theoretischen Arbeiten seien gut.

Sie sind trotzdem zum Theater gekommen und auch noch gleich an ein sehr gutes, an das Theater am Schiffbauerdamm. Wie kam das?
Das war ein Glücksfall für mich als jungen Schauspieler: Fritz Wisten, der wunderbare Intendant des Schiffbauerdamm-Theaters, lud mich ein. Ich sprach ihm George Bernhard Shaw und Ibsen vor, und er sagte: Ich engagiere dich! Wisten hatte die Kraft und den Mut, sich gegen die Staatliche Schauspielschule durchzusetzen.

Am Schiffbauerdamm und auch an der Volksbühne, wohin Sie danach gewechselt sind, wurde damals großes Theater gemacht. Trotzdem waren Sie nicht zufrieden.
Ich spielte immer nur Shakespeare-Liebhaber. Darin war ich aber nicht besonders gut, da ich versuchte, Charakterrollen daraus zu machen. Das war immer mein großer Wunsch gewesen, schon als kleiner Junge. Meine ersten Rollen waren nicht sehr bemerkenswert. Das Publikum mochte mich nicht, die Kritik auch nicht, und noch nicht mal meine Kollegen wollten mich sehen. Also dachte ich, jetzt hast du mal reingeschnuppert in die Schauspielerei, jetzt gehst du zurück zur Musik. Und dann kam mir wieder der Zufall zur Hilfe: Ich bekam endlich eine Charakterrolle, und ich hatte Erfolg. Und der Erfolg korrumpiert, also bin ich geblieben. Und bald war ich so involviert ins Theaterspielen, später auch in den Film, dass ich die Musik langsam aus den Händen geben musste.

In Ihrer Zeit bei der DEFA haben Sie über 50 Filme gemacht, Sie haben mit berühmten Regisseuren und Schauspieler-Kollegen gearbeitet: Haben Sie heute noch einen besonderen Lieblingsfilm aus dieser Zeit?
Ich weiß es nicht. Ich könnte nicht sagen, das ist der Film! Am besten gefielen mir die Streifen, die ich zu Beginn meiner Karriere gemacht habe. Ich mochte vieles, was ich mit Frank Beyer gedreht habe, »Nackt unter Wölfen«, die »Königskinder« und die »Fünf Patronenhülsen«. Auch den Film »Der Dritte«, bei dem Egon Günther Regie führte, sehe ich mir heute noch gerne an.

Das sind alles Filme, die sich mit historischen oder fiktionalen Themen befassen.
Das ist richtig. Die Gegenwartsfilme der DDR waren eine Katastrophe. Da ging es meist um das Lob auf den Staat, möglichst im Sinne der Partei. Es gab allerdings auch Zeiten, wo Dinge durchgerutscht sind, wo die Schrauben gelockert wurden. So sind beispielsweise »Spur der Steine« und »Geschlossene Gesellschaft« entstanden, in denen ich mitspielte. Als letzterer Film allerdings gezeigt werden sollte, war die Schraube schon wieder festgezogen. Deshalb lief »Geschlossene Gesellschaft« nur ein einziges Mal, spät nachts im DDR-Fernsehen. Das war alles sehr unerfreulich. Aber was die anderen DEFA-Filme angeht, die über die Vergangenheit, da können wir noch heute stolz und zufrieden sein.

»Geschlossene Gesellschaft« ist 1978 gedreht worden. War der Umgang mit diesem Film der Auslöser für Sie, in den Westen zu gehen, oder kam der Entschluss früher? 1976 hatten Sie bereits gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben.
Streng genommen lag der Auslöser noch früher. In den siebziger Jahren spielte ich die Hauptrolle in der Serie »Das unsichtbare Visier«, eine Art Ost-James-Bond. Der Film war ein Riesenerfolg, ein echter Straßenfeger - aber dann wurde das Drehbuch immer politischer. Schließlich sagte ich ab, ich wollte nicht mehr mitmachen - und das war der Bruch mit dem Lande DDR. Biermann war eigentlich nur noch eine Zutat. Danach bekam ich keine Angebote mehr. Ich habe mich dann hingesetzt und ein Buch geschrieben, »Verordneter Sonntag«, um zu erklären, warum man mir den ewigen Sonntag verordnet hatte. Und als ich das Buch fertig hatte, schrieb ich Honecker einen Brief: Nun will ich gehen!

In diesem Buch gibt es den Schauspieler Arno Arnheim, einen Mann, der ebenfalls aus der DDR weg will, aber nicht genau weiß, wo er hingeht, und vor allem nicht, ob er dort, wo er hingeht, noch gebraucht wird. Haben Sie sich damals mit diesem Charakter Ihre eigenen Ängste vom Leib geschrieben?
Oh ja, diese Ängste wurden uns ja richtig eingeredet. Ich hatte einige Gespräche mit Werner Lamberz, der damals als Nachfolger von Erich Honecker galt. Alle haben zu mir gesagt, wenn du rüber gehst, dann ist es vorbei. Dir wird keine zweite Karriere gelingen. Man nannte mir Namen von Leuten, denen das geschehen war, die verschwunden sind. Kurt Henkels beispielsweise, ein berühmter Musiker, der im Westen völlig von der Bildfläche verschwunden ist. Und natürlich hat mich das beeindruckt, so wie auch andere, die gegangen sind. Wir dachten, wir kommen jetzt in das Land der großen Stars. Jetzt wird alles anders. Bis wir kapierten, es wird gar nichts anders.

Sound., 2004, Wachskreide auf Zeichenpapier, 69,5 x 42 cm
Ihre Ängste waren ja offensichtlich umsonst. Sie sind im Westen sehr schnell in sehr populären, vor allem auch in künstlerisch sehr wertvollen Filmen aufgetreten. Vor allem Rainer Werner Fassbinder hat Sie sehr schnell besetzt. Wie kam das zustande? Kannte Fassbinder überhaupt Ihre Arbeiten?
Also, wenn ich ihm glauben darf, dann hat er viele Filme von mir gesehen. Er war sehr interessiert am DDR-Kino, und es war ein großes Vergnügen, ihn kennen gelernt zu haben und mit ihm zu drehen. Ich kam zu ihm, nachdem ich den Ballast meiner Schlacht mit der DDR abgeworfen hatte. Dadurch war ich sehr frei, ich hatte keine Angst. Es war ein wunderbares Arbeiten, und ich hätte gerne mit ihm weitergedreht. Ich wollte aber nie ein »Fassbinder-Schauspieler« werden.

Sie haben dann sehr schnell auch mit anderen prominenten Regisseuren gedreht, mit Istvan Szabó, mit Andrzej Wajda und Alexander Kluge. Gibt es einen Regisseur, von dem Sie sagen würden, der hat mich ganz besonders geprägt?
Prägen muss man sich allein. Das kann kein anderer. Aber ich glaube, die Spontaneität, die Frechheit, die Freiheiten, die Fassbinder mir geliefert hat, die waren besonders schön. Wir haben jede Szene nur einmal gedreht, und ich habe mit ihm besonders gerne gearbeitet. Jeden Abend ging ich meine Texte durch, und dabei erfand ich, was ich am nächsten Tag machen würde, und er ließ alles geschehen. Diese Freiheit hat man nur bei guten Regisseuren.
Ich habe gerade in Amerika einen Film gedreht, in New Orleans, mit dem Titel »Local Colour«, wo ich auch alle Freiheiten hatte. Freiheiten sind Momente, wo man fliegt. Ich merke dann, ich gehe in meine Rolle ein. Man wird zu der Figur, die man spielt.

Man kann Ihre Karriere in drei Abschnitte einteilen, die Zeit in der DDR, dann die Zeit in der BRD, und schließlich ihre internationale Karriere, die anfing, als Sie Ende der 80er Jahre in den USA zu drehen begannen. Ist Ihnen der Sprung in die USA leichter gefallen, weil Sie das Gefühl des Neuanfangs schon kannten?
Nein, es war schon schwer, denn ich war ohne Sprache. Ich konnte kein Englisch und musste mich daher ganz und gar auf meine Fähigkeiten verlassen, auf mein Profitum. Vieles von dem, was die Regisseure von mir wollten, habe ich gar nicht verstanden. Niemand nahm auf mich Rücksicht, niemand sprach extra langsam, um mir etwas zu erklären. Noch einmal: Es ist manchmal gut, das Gleis zu wechseln. In jedem Leben, nicht nur in meinem.

Sie haben in den USA auch einen Film mit Jim Jarmusch gedreht: »Night on Earth«. In diesem Film spielen Sie einen deutschen Taxifahrer in New York, der kaum Englisch spricht. War das auch eine Art Selbstporträt?
In gewisser Weise ja. Nach dem Drehbuch sollte ich eigentlich ein ehemaliger Buch-Verleger sein. Ich bat Jarmusch, daraus einen Clown zu machen, weil ich dadurch mehr von mir selbst einbringen könnte. Jim Jarmusch wusste über Deutschland nur sehr wenig, er wusste viel über New York. Also stimmte er meinem Vorschlag zu, und ich konnte den Taxifahrer dann so spielen, wie ich mich selber in dieser Zeit fühlte.

Die Rolle, die Ihnen in den letzten Jahren das größte Kritikerlob eingetragen hat, das war Ihre Verkörperung von Thomas Mann in Heinrich Breloers Dreiteiler »Die Manns«. War das auch für Sie ein Höhepunkt in ihrer Karriere?
Wenn ich ganz ehrlich sein soll, nein. Ich habe Thomas Mann nicht wirklich gespielt. Für diese Rolle habe ich mich nur ausgeliehen. Ich wollte etwas gegen Thomas Mann setzen, nämlich mich. Damit musste er fertig werden. Ich hätte ihn nicht so spielen mögen, wie er wirklich war, denn er war ein Gaukler. Andere Rollen haben mich mehr gefordert. »Local colour«, der Film, den ich gerade abgedreht habe, der hat mir sehr viel abverlangt. Da bin ich von mir weggetreten; im Thomas Mann bin ich bei mir drangeblieben.

Sie drehen noch immer mehrere Filme im Jahr, Ihre Bilder und Lithographien haben Sie in den vergangenen Jahren auf der ganzen Welt ausgestellt, und gerade eben haben Sie mit »Venice« im Aufbau-Verlag einen neuen Roman veröffentlicht, in dem sie Ihre amerikanischen Erfahrungen reflektieren. Woher kommt dieser Kreativschub? Haben Sie Angst, nicht mehr alles mitteilen zu können, was in Ihnen steckt?
Ich liebe es, kreativ zu sein. Und natürlich stelle ich mir die Frage: Was für einen Grund haben wir, auf diesem Planeten zu sein? Streng genommen ist es jedem selbst überlassen, welchen Sinn er seinem Leben gibt. Wenn ich nach Äthiopien gehe und dort anderen Leuten helfe, dann ist das eine Aufgabe, die ich mir stelle. Und ich denke mir, wenn man Talente mitbekommen hat - das wird von der Öffentlichkeit auch so gesehen -, hat man auch eine Verantwortung. Ich denke nicht darüber nach, Picasso zu werden, wenn ich male, ich denke nicht darüber nach, Thomas Mann zu werden, wenn ich schreibe. Was zählt, ist der kreative Moment. Geschichten im Kopf zu bewegen, das ist es, was mir Spaß macht.Ihre Ängste waren ja offensichtlich umsonst. Sie sind im Westen sehr schnell in sehr populären, vor allem auch in künstlerisch sehr wertvollen Filmen aufgetreten. Vor allem Rainer Werner Fassbinder hat Sie sehr schnell besetzt. Wie kam das zustande? Kannte Fassbinder überhaupt Ihre Arbeiten?
Also, wenn ich ihm glauben darf, dann hat er viele Filme von mir gesehen. Er war sehr interessiert am DDR-Kino, und es war ein großes Vergnügen, ihn kennen gelernt zu haben und mit ihm zu drehen. Ich kam zu ihm, nachdem ich den Ballast meiner Schlacht mit der DDR abgeworfen hatte. Dadurch war ich sehr frei, ich hatte keine Angst. Es war ein wunderbares Arbeiten, und ich hätte gerne mit ihm weitergedreht. Ich wollte aber nie ein »Fassbinder-Schauspieler« werden.

Sie haben dann sehr schnell auch mit anderen prominenten Regisseuren gedreht, mit Istvan Szabó, mit Andrzej Wajda und Alexander Kluge. Gibt es einen Regisseur, von dem Sie sagen würden, der hat mich ganz besonders geprägt?
Prägen muss man sich allein. Das kann kein anderer. Aber ich glaube, die Spontaneität, die Frechheit, die Freiheiten, die Fassbinder mir geliefert hat, die waren besonders schön. Wir haben jede Szene nur einmal gedreht, und ich habe mit ihm besonders gerne gearbeitet. Jeden Abend ging ich meine Texte durch, und dabei erfand ich, was ich am nächsten Tag machen würde, und er ließ alles geschehen. Diese Freiheit hat man nur bei guten Regisseuren.
Ich habe gerade in Amerika einen Film gedreht, in New Orleans, mit dem Titel »Local Colour«, wo ich auch alle Freiheiten hatte. Freiheiten sind Momente, wo man fliegt. Ich merke dann, ich gehe in meine Rolle ein. Man wird zu der Figur, die man spielt.

Man kann Ihre Karriere in drei Abschnitte einteilen, die Zeit in der DDR, dann die Zeit in der BRD, und schließlich ihre internationale Karriere, die anfing, als Sie Ende der 80er Jahre in den USA zu drehen begannen. Ist Ihnen der Sprung in die USA leichter gefallen, weil Sie das Gefühl des Neuanfangs schon kannten?
Nein, es war schon schwer, denn ich war ohne Sprache. Ich konnte kein Englisch und musste mich daher ganz und gar auf meine Fähigkeiten verlassen, auf mein Profitum. Vieles von dem, was die Regisseure von mir wollten, habe ich gar nicht verstanden. Niemand nahm auf mich Rücksicht, niemand sprach extra langsam, um mir etwas zu erklären. Noch einmal: Es ist manchmal gut, das Gleis zu wechseln. In jedem Leben, nicht nur in meinem.

Sie haben in den USA auch einen Film mit Jim Jarmusch gedreht: »Night on Earth«. In diesem Film spielen Sie einen deutschen Taxifahrer in New York, der kaum Englisch spricht. War das auch eine Art Selbstporträt?
In gewisser Weise ja. Nach dem Drehbuch sollte ich eigentlich ein ehemaliger Buch-Verleger sein. Ich bat Jarmusch, daraus einen Clown zu machen, weil ich dadurch mehr von mir selbst einbringen könnte. Jim Jarmusch wusste über Deutschland nur sehr wenig, er wusste viel über New York. Also stimmte er meinem Vorschlag zu, und ich konnte den Taxifahrer dann so spielen, wie ich mich selber in dieser Zeit fühlte.

Die Rolle, die Ihnen in den letzten Jahren das größte Kritikerlob eingetragen hat, das war Ihre Verkörperung von Thomas Mann in Heinrich Breloers Dreiteiler »Die Manns«. War das auch für Sie ein Höhepunkt in ihrer Karriere?
Wenn ich ganz ehrlich sein soll, nein. Ich habe Thomas Mann nicht wirklich gespielt. Für diese Rolle habe ich mich nur ausgeliehen. Ich wollte etwas gegen Thomas Mann setzen, nämlich mich. Damit musste er fertig werden. Ich hätte ihn nicht so spielen mögen, wie er wirklich war, denn er war ein Gaukler. Andere Rollen haben mich mehr gefordert. »Local colour«, der Film, den ich gerade abgedreht habe, der hat mir sehr viel abverlangt. Da bin ich von mir weggetreten; im Thomas Mann bin ich bei mir drangeblieben.

Sie drehen noch immer mehrere Filme im Jahr, Ihre Bilder und Lithographien haben Sie in den vergangenen Jahren auf der ganzen Welt ausgestellt, und gerade eben haben Sie mit »Venice« im Aufbau-Verlag einen neuen Roman veröffentlicht, in dem sie Ihre amerikanischen Erfahrungen reflektieren. Woher kommt dieser Kreativschub? Haben Sie Angst, nicht mehr alles mitteilen zu können, was in Ihnen steckt?
Ich liebe es, kreativ zu sein. Und natürlich stelle ich mir die Frage: Was für einen Grund haben wir, auf diesem Planeten zu sein? Streng genommen ist es jedem selbst überlassen, welchen Sinn er seinem Leben gibt. Wenn ich nach Äthiopien gehe und dort anderen Leuten helfe, dann ist das eine Aufgabe, die ich mir stelle. Und ich denke mir, wenn man Talente mitbekommen hat - das wird von der Öffentlichkeit auch so gesehen -, hat man auch eine Verantwortung. Ich denke nicht darüber nach, Picasso zu werden, wenn ich male, ich denke nicht darüber nach, Thomas Mann zu werden, wenn ich schreibe. Was zählt, ist der kreative Moment. Geschichten im Kopf zu bewegen, das ist es, was mir Spaß macht.ND: Sie sind ein Schauspieler, der ursprünglich mal Musiker werden wollte. Sie malen, Sie schreiben Bücher, und Sie führen mittlerweile auch selbst Regie. Welche dieser verschiedenen künstlerischen Gattungen ist Ihnen die Wichtigste?
Müller-Stahl: Die liebste Tätigkeit ist mir immer die, die ich im Moment ausübe. Insofern ist manchmal das Spielen dran, manchmal das Malen, manchmal das Schreiben. Ich finde es wichtig, dass man auch mal das Gleis wechseln darf. Das Wort ist relativ steif, relativ hart, nur in der Lyrik wird es weicher. Die Malerei will etwas erzählen, löst sich aber mitunter auf ins Abstrakte. Die Musik ist für mich das Höchste, denn sie muss sich nach nichts richten. Sie kommt direkt vom Himmel.

Haben Sie es bedauert, dass Sie Ihren größten Erfolg im Schauspiel gefunden haben und nicht in der Musik?
Das hat sich so ergeben, da kann ich jetzt nicht jammern. Aber wenn ich rückwärts schaue, hätte ich mein Leben vielleicht gerne etwas anders organisiert. Dann hätte ich vermutlich weniger Theater und nicht so viele Filme gemacht und mich mehr um andere Dinge gekümmert, um die Malerei und die Musik. Auf der anderen Seite bin ich dankbar, dass ich überhaupt so alt werden durfte, wie ich bin.

Begonnen hat Ihre Karriere mit einigen Rückschlägen: Am Konservatorium, wo Sie eigentlich Geige studieren wollten, sind Sie nicht genommen worden, und auch von der Schauspielschule hat man Sie nach einem Jahr wieder weggeschickt. Warum?
Das hatte zunächst mit mir selber zu tun. Die Lehrer an der staatlichen Schauspielschule in Ost-Berlin waren sehr autark und sehr bestimmend, und sie wollten, dass ich so spielte, wie sie glaubten, dass man spielen sollte. Ich fand das verkehrt. Ich war damals ein Rebell, der ich ja im Grunde heute noch bin, und ich widersprach den Lehrern. Das hörten sie nicht gerne, und so hat man mich nach einem Jahr gehen lassen mit der Aufforderung, ich solle doch Politiker werden, meine theoretischen Arbeiten seien gut.

Sie sind trotzdem zum Theater gekommen und auch noch gleich an ein sehr gutes, an das Theater am Schiffbauerdamm. Wie kam das?
Das war ein Glücksfall für mich als jungen Schauspieler: Fritz Wisten, der wunderbare Intendant des Schiffbauerdamm-Theaters, lud mich ein. Ich sprach ihm George Bernhard Shaw und Ibsen vor, und er sagte: Ich engagiere dich! Wisten hatte die Kraft und den Mut, sich gegen die Staatliche Schauspielschule durchzusetzen.

Am Schiffbauerdamm und auch an der Volksbühne, wohin Sie danach gewechselt sind, wurde damals großes Theater gemacht. Trotzdem waren Sie nicht zufrieden.
Ich spielte immer nur Shakespeare-Liebhaber. Darin war ich aber nicht besonders gut, da ich versuchte, Charakterrollen daraus zu machen. Das war immer mein großer Wunsch gewesen, schon als kleiner Junge. Meine ersten Rollen waren nicht sehr bemerkenswert. Das Publikum mochte mich nicht, die Kritik auch nicht, und noch nicht mal meine Kollegen wollten mich sehen. Also dachte ich, jetzt hast du mal reingeschnuppert in die Schauspielerei, jetzt gehst du zurück zur Musik. Und dann kam mir wieder der Zufall zur Hilfe: Ich bekam endlich eine Charakterrolle, und ich hatte Erfolg. Und der Erfolg korrumpiert, also bin ich geblieben. Und bald war ich so involviert ins Theaterspielen, später auch in den Film, dass ich die Musik langsam aus den Händen geben musste.

In Ihrer Zeit bei der DEFA haben Sie über 50 Filme gemacht, Sie haben mit berühmten Regisseuren und Schauspieler-Kollegen gearbeitet: Haben Sie heute noch einen besonderen Lieblingsfilm aus dieser Zeit?
Ich weiß es nicht. Ich könnte nicht sagen, das ist der Film! Am besten gefielen mir die Streifen, die ich zu Beginn meiner Karriere gemacht habe. Ich mochte vieles, was ich mit Frank Beyer gedreht habe, »Nackt unter Wölfen«, die »Königskinder« und die »Fünf Patronenhülsen«. Auch den Film »Der Dritte«, bei dem Egon Günther Regie führte, sehe ich mir heute noch gerne an.

Das sind alles Filme, die sich mit historischen oder fiktionalen Themen befassen.
Das ist richtig. Die Gegenwartsfilme der DDR waren eine Katastrophe. Da ging es meist um das Lob auf den Staat, möglichst im Sinne der Partei. Es gab allerdings auch Zeiten, wo Dinge durchgerutscht sind, wo die Schrauben gelockert wurden. So sind beispielsweise »Spur der Steine« und »Geschlossene Gesellschaft« entstanden, in denen ich mitspielte. Als letzterer Film allerdings gezeigt werden sollte, war die Schraube schon wieder festgezogen. Deshalb lief »Geschlossene Gesellschaft« nur ein einziges Mal, spät nachts im DDR-Fernsehen. Das war alles sehr unerfreulich. Aber was die anderen DEFA-Filme angeht, die über die Vergangenheit, da können wir noch heute stolz und zufrieden sein.

»Geschlossene Gesellschaft« ist 1978 gedreht worden. War der Umgang mit diesem Film der Auslöser für Sie, in den Westen zu gehen, oder kam der Entschluss früher? 1976 hatten Sie bereits gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben.
Streng genommen lag der Auslöser noch früher. In den siebziger Jahren spielte ich die Hauptrolle in der Serie »Das unsichtbare Visier«, eine Art Ost-James-Bond. Der Film war ein Riesenerfolg, ein echter Straßenfeger - aber dann wurde das Drehbuch immer politischer. Schließlich sagte ich ab, ich wollte nicht mehr mitmachen - und das war der Bruch mit dem Lande DDR. Biermann war eigentlich nur noch eine Zutat. Danach bekam ich keine Angebote mehr. Ich habe mich dann hingesetzt und ein Buch geschrieben, »Verordneter Sonntag«, um zu erklären, warum man mir den ewigen Sonntag verordnet hatte. Und als ich das Buch fertig hatte, schrieb ich Honecker einen Brief: Nun will ich gehen!

In diesem Buch gibt es den Schauspieler Arno Arnheim, einen Mann, der ebenfalls aus der DDR weg will, aber nicht genau weiß, wo er hingeht, und vor allem nicht, ob er dort, wo er hingeht, noch gebraucht wird. Haben Sie sich damals mit diesem Charakter Ihre eigenen Ängste vom Leib geschrieben?
Oh ja, diese Ängste wurden uns ja richtig eingeredet. Ich hatte einige Gespräche mit Werner Lamberz, der damals als Nachfolger von Erich Honecker galt. Alle haben zu mir gesagt, wenn du rüber gehst, dann ist es vorbei. Dir wird keine zweite Karriere gelingen. Man nannte mir Namen von Leuten, denen das geschehen war, die verschwunden sind. Kurt Henkels beispielsweise, ein berühmter Musiker, der im Westen völlig von der Bildfläche verschwunden ist. Und natürlich hat mich das beeindruckt, so wie auch andere, die gegangen sind. Wir dachten, wir kommen jetzt in das Land der großen Stars. Jetzt wird alles anders. Bis wir kapierten, es wird gar nichts anders.

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