Werbung

Krieg in Afghanistan: Bomben ohne Bericht

Bundeswehr hielt abermaligen Luftangriff geheim

Einen halben Tag tat sich das Einsatzführungskommando der Bundeswehr schwer, dann musste es »nd«-Informationen über einen Bombenangriff in der afghanischen Provinz Baghlan bestätigen.

Die Bundeswehr spielt Transparenz vor. Mit Ort und Uhrzeit informiert man beispielsweise, wenn »ein Gefechtsfahrzeug vom Typ Dingo während einer Patrouille in ein Schlagloch« fährt. Wenn jedoch zwei niederländische F-16-Jets angefordert werden, um per Bombardement rund 700 deutsche und afghanische Soldaten aus einer kritischen Situation zu befreien, ist das kein Wort wert.

Die Jagdbomber dürfen nur in Notfällen zur Kampfunterstützung eingesetzt werden. Als »nd« im Potsdamer Einsatzführungskommando nachfragte, gab man sich zunächst ahnungslos. Sieben Stunden später - nachdem man eilig noch die Obleute des Bundestags-Verteidigungsausschusses gebrieft hatte - bestätigte man, was der Journalist Thomas Wiegold bereits auf einer Website der niederländischen Streitkräfte entdeckt hatte.

Weder bei den Niederländern noch beim Einsatzführungskommando erfährt man etwas über die Wirkung des Einsatzes, der bereits am 20. Juli stattgefunden hat. Auf die Frage, ob er ausschließen könne, dass Zivilisten umgekommen sind, sagte der zuständige Bundeswehrsprecher: »Ich schließe gar nichts aus.«

Damit reagiert die Bundeswehr zumindest vorsichtiger als nach dem Luftangriff im September 2009 bei Kundus, den der inzwischen zum General beförderte Bundeswehrkommandeur Georg Klein befohlen hatte. Eine NATO-Einschätzung aus Folgetagen besagte, dass bis zu 142 Menschen, darunter Kinder, getötet oder verletzt wurden. Noch immer läuft der Streit um Entschädigungen.

Ein anderer Geheimhaltungsgrund mag sein, dass es sich um eine Mission gehandelt hat, an der die geheime Task-Force 47 und afghanische Spezialpolizei beteiligt waren. Denn eigentlich sind - ausgenommen einige Berater bei der 3. afghanischen Brigade - in der Provinz Baghlan keine deutschen Soldaten mehr im Einsatz.

Insgesamt entwickelt sich die Lage in Afghanistan - gemessen an westlichen Vorstellungen - nicht positiv. Das ist auch dem aktuellen sogenannten Fortschrittsbericht der Bundesregierung zu entnehmen. Die »landesweite Sicherheitslage« sei im Frühjahr 2013 im Vergleich zum Stand Ende 2012 »trotz der fortschreitenden Rückverlegung der ISAF-Kräfte nahezu unverändert«. Im Detail registriert man »auf Medienwirkung zielende, komplexe Anschläge ... in nahezu allen Landesteilen«. Man führe keine Statistiken mehr, weil die ohnehin fehlerhaft seien.

Sicher ist jedoch, dass die Anzahl ziviler Opfer im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2012 um etwa zwei Drittel stieg. In den ersten vier Monaten 2013 kamen allein durch Selbstmord- und Sprengfallenanschläge 582 Menschen um (2012: 348). Einen hohen Blutzoll zahlen die afghanischen Sicherheitskräfte. Verglichen mit den ersten vier Monaten 2012 stiegen deren Opferzahlen von 499 auf 1070.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung